{"id":23520,"date":"2017-11-03T07:16:09","date_gmt":"2017-11-03T06:16:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=23520"},"modified":"2017-10-31T16:43:15","modified_gmt":"2017-10-31T15:43:15","slug":"berliner-bildungsprogramm-eine-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2017\/berliner-bildungsprogramm-eine-kritik\/","title":{"rendered":"Berliner Bildungsprogramm: eine Kritik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-23522\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/bildungsprog_titel.jpg\" alt=\"Bildungsprog_titel\" width=\"1000\" height=\"666\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/bildungsprog_titel.jpg 1000w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/bildungsprog_titel-150x100.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/bildungsprog_titel-450x300.jpg 450w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/bildungsprog_titel-768x511.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\"><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <a href=\"https:\/\/www.gew-berlin.de\/public\/media\/berliner_bildungsprogramm_2014.pdf\" target=\"_blank\">Berliner Bildungsprogramm<\/a> ist das p\u00e4dagogische Leithandbuch f\u00fcr alle Berliner Kindertageseinrichtungen. Viele Bundesl\u00e4nder haben so eine Bibel f\u00fcr Kita-P\u00e4dagogen. Auch wenn dieses Handbuch viel dazu beigetragen hat, die Kindertageseinrichtungen als Bildungsinstitutionen und eben nicht nur als Aufbewahrungs- und Abschiebeanstalten f\u00fcr Kinder zu verstehen (damit die Eltern ordentlich lohnarbeiten k\u00f6nnen!), so ist leider auch dieses Werk durchsetzt von marktwirtschaftlicher Verwertungslogik. Schlie\u00dflich sollen Kinder f\u00fcr uns weiterhin der Zukunfts-Rohstoff, anstatt unsere<a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2012\/kinder-in-deutschland-teil-21-kinder-sind-unsere-gegenwart\/\" target=\"_blank\"> Gegenwart<\/a> sein.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Chancengerechtigkeit<\/strong><br>\nDas beginnt schon bei dem uns\u00e4glichen Begriff der<em> \u00bbChancen\u00ab<\/em>. Es geht eben nicht darum, verkrustete neofeudale Arbeits- und Familienstrukturen aufzubrechen, eine gerechtere Verteilung von Besitz und Verm\u00f6gen anzustreben oder gar komplett neue Formen des sozialen Miteinanders in den Kinderg\u00e4rten auszuprobieren, sondern nur um die St\u00e4rkung der leidigen <em>\u00bbEigenverantwortung\u00ab<\/em>. Kinder, die aus einem finanziell reichen Elternhaus kommen, haben im Gegensatz zu Kindern die aus Armuts-Familien kommen, schon eine extrem vorteilsbehaftete Ausgangssituation. Allein dieser Umstand ist nirgendwo in Europa so pr\u00e4gend f\u00fcr das ganze Leben wie in Deutschland. Die Begriffe <em>\u00bbChancen\u00ab<\/em>, <em>\u00bbLeistung\u00ab<\/em> und <em>\u00bbEigenverantwortung\u00ab<\/em> lenken von diesen strukturell ungerechten Zust\u00e4nden ab und machen den <a href=\"http:\/\/feynsinn.org\/?p=8739\" target=\"_blank\">Bildungs-Erfolg<\/a> zu einem rein individuellen Faktor. Der Grundtenor des Berliner Bildungsprogrammes macht da leider keine Ausnahme. Kinder sollen nicht die vorhandenen Strukturen in Frage stellen, sondern diese als Naturzustand akzeptieren und darin ihre <em>\u00bbChancen\u00ab<\/em> wahrnehmen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Kinder m\u00fcssen&nbsp; die&nbsp; M\u00f6glichkeit&nbsp; bekommen&nbsp; zu&nbsp; entdecken,&nbsp; welche&nbsp; <strong>gro\u00dfen Chancen<\/strong> f\u00fcr sie in einer sich immer dynamischer entwickelnden Welt [...] sich ihnen bieten.\u00ab (S. 14)<\/p>\n<p><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>...dass alle Kinder bei unterschiedlichen Voraussetzungen&nbsp; gleiche&nbsp; <strong>Bildungschancen<\/strong>&nbsp; und&nbsp; ein&nbsp; Recht&nbsp; auf&nbsp; aktive&nbsp; Beteiligung an allen Entscheidungen haben, die sie betreffen.\u00ab (S. 25)<\/p>\n<p><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>...ihr Leben in einer <strong>Welt voller Chancen<\/strong> und Risiken <strong>eigenverantwortlich<\/strong> zu gestalten.\u00ab (S. 27)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Leistungsgerechtigkeit<\/strong><br>\nWeiter geht es mit dem neoliberal besetzten Begriff der <em>\u00bbLeistung\u00ab<\/em>, dass meines Erachtens in einem p\u00e4dagogischen Grundwerk f\u00fcr Kindertagesst\u00e4tten absolut nichts zu suchen hat. Der Leistungsgedanke baut bei Kleinkindern unn\u00f6tig Druck auf, erzeugt Versagens\u00e4ngste und f\u00fchrt unweigerlich zu einer \u00f6konomischen Verwertungsperspektive von P\u00e4dagogen. Kinder lernen, sind neugierig und interessiert. Auch ganz ohne einer Funktionslogik von Kompetenzen, F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten. Der Leistungsdruck wird sp\u00e4testens in der Schule extrem zunehmen und die Kinder fr\u00fch genug zerm\u00fcrben. Jedes Jahr begehen <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/vor-dem-suizid-beschuetzen-jedes-jahr-nehmen-sich-600-jugendliche-das-leben\/8741862.html\" target=\"_blank\">rund 600 Jugendliche Selbstmord<\/a>. Aber Hauptsache wir fr\u00f6nen dem Leistungsfetisch:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Bildung ist Beteiligung und <strong>Leistung<\/strong>.\u00ab (s. 17)<\/p>\n<p><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Die Diskussion um fr\u00fchkindliche Bildung war lange Zeit von der Absicht gepr\u00e4gt,&nbsp; Kinder&nbsp; vor&nbsp; <strong>Leistungsdruck<\/strong>&nbsp; zu&nbsp; sch\u00fctzen&nbsp; und&nbsp; ihnen&nbsp; ein&nbsp; Recht&nbsp;&nbsp; auf&nbsp; eine&nbsp; vermeintlich&nbsp; unbelastete&nbsp; Kindheit&nbsp; zu&nbsp; sichern:&nbsp; \u00bbKindorientierung&nbsp; statt&nbsp; <strong>Leistungsorientierung<\/strong>\u00ab&nbsp; hie\u00df&nbsp; die&nbsp; Devise.&nbsp; Diese&nbsp; Einstellung resultierte&nbsp; aus&nbsp; einem&nbsp; Bild&nbsp; vom&nbsp; Kind&nbsp; als&nbsp; einem&nbsp; schwachen&nbsp; Wesen. Heute wissen wir: Kinder sind stark.\u00ab (s. 17)<\/p>\n<p><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Kinder als stark und kompetent zu betrachten, ihnen <strong>Leistung zuzutrauen<\/strong>&nbsp; und&nbsp; diese&nbsp; einzufordern.\u00ab (S. 17)<\/p>\n<p><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Die Entwicklung einer demokratischen Kultur, in der Beteiligung und Mitwirkung von Kindern erw\u00fcnscht sind, sie <strong>zur Leistung ermutigt<\/strong> werden.\u00ab (S. 18)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keine Gerechtigkeit<\/strong><br>\nDie marktwirtschaftliche, neoliberale Agenda-2010-Sprache hat auch in der P\u00e4dagogik Einzug gehalten. Dennoch hat das Berliner Bildungsprogramm deutlich gemacht, dass Kitas eben auch Bildungseinrichtungen sind und das man Kinder in ihrem So-Sein ernst nehmen m\u00fcsse. Wenn man sich anschlie\u00dfend noch seitenweise das Anforderungsprofil an die Erzieher-Aufgaben durchliest, muss man zwangsl\u00e4ufig zu dem Schluss kommen, dass nur \u00dcbermenschen Erzieher werden k\u00f6nnen. Was da im Berliner Bildungsprogramm seitenweise alles von P\u00e4dagogen erwartet und gefordert wird und wie die T\u00e4tigkeit am Ende tats\u00e4chlich verg\u00fctet wird, steht in keinerlei Verh\u00e4ltnis mehr, ja ist schlicht absurd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Bildung\u00ab<\/em> ist zudem keine Wunderwaffe. Das <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2016\/august\/exzellente-entqualifizierung-das-neue-akademische-prekariat\" target=\"_blank\">akademische Prekariat<\/a> nimmt genauso zu, wie die Entqualifizierungs-Ma\u00dfnahmen vom Jobcenter, bei denen beispielsweise Doktor- oder Diplom-Absolventen zu Lagerarbeiten verdonnert oder in Call-Center gepresst werden. Hauptsache Arbeit, egal welche! <em>\u00bbWer nicht arbeitet, muss auch nicht essen! Sozial ist, was Arbeit schafft!\u00ab<\/em> Das Plastik- und Gummiwort <em>\u00bbBildung\u00ab<\/em> fungiert zunehmend als Code und Chiffre f\u00fcr die neoliberale <em>\u00bbEigenverantwortung\u00ab<\/em>. Es gibt keine neofeudalen und plutokratischen Strukturen, sondern nur die <em>\u00bbLeistung\u00ab<\/em> des Einzelnen, der seine <em>\u00bbChancen\u00ab<\/em> in den vom Markt-Gott gegebenen Rahmenbedingungen, wahrnehmen m\u00fcsse. Wer allein das hinterfragt, ist ein Steinzeitkommunist, der an <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2017\/anti-fake-news\/\" target=\"_blank\">Fake News<\/a> glaubt und Verschw\u00f6rungstheorien verbreitet. :jaja:<\/p>\n<hr>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span> <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2011\/neusprech-ausbildungsunfahigkeit\/\" target=\"_blank\">\u00bbNeusprech: Ausbildungsunf\u00e4higkeit\u00ab<\/a><br>\n\u00bb <a href=\"http:\/\/feynsinn.org\/?p=8739\" target=\"_blank\">\u00bbBildung: Von Schranken und Mauern\u00ab<\/a><br>\n\u00bb <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2017\/nichtsnutz-niete-null\/\" target=\"_blank\">\u00bbNichtsnutz. Niete. Null.\u00ab<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Berliner Bildungsprogramm ist das p\u00e4dagogische Leithandbuch f\u00fcr alle Berliner Kindertageseinrichtungen. Viele Bundesl\u00e4nder haben so eine Bibel f\u00fcr Kita-P\u00e4dagogen. 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