{"id":21696,"date":"2017-01-13T07:30:43","date_gmt":"2017-01-13T06:30:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=21696"},"modified":"2017-01-12T10:39:44","modified_gmt":"2017-01-12T09:39:44","slug":"selbstentfremdung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2017\/selbstentfremdung\/","title":{"rendered":"Selbstentfremdung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-21699\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent_titel.jpg\" alt=\"selbstent_titel\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent_titel.jpg 1000w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent_titel-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent_titel-450x338.jpg 450w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent_titel-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent_titel-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\">Oft werde ich gefragt, was <em>Selbstentfremdung durch Lohnarbeit<\/em> eigentlich genau bedeuten soll? Schlie\u00dflich verdiene man sein <em>eigenes Geld<\/em>, sei unabh\u00e4ngig, liege <em>niemandem auf der Tasche<\/em> und man w\u00fcrde sich mit seinem <em>eigenen Job<\/em> doch auch selbst verwirklichen? Nun zu behaupten, das Gegenteil sei der Fall, empfinden viele nicht nur als absurde und steile These, sondern auch als einen pers\u00f6nlichen Angriff auf ihren Lebensstil. (Lohn-)Arbeit mache doch schlie\u00dflich unabh\u00e4ngig. Oder etwa nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Einzelfall mag es Jobs geben (besonders im sozialen, geisteswissenschaftlichen oder k\u00fcnstlerischen Bereich), in denen Menschen Sinnerf\u00fcllung und Freude durch ihre T\u00e4tigkeiten erfahren und davon sogar noch halbwegs gut leben k\u00f6nnen. In den meisten F\u00e4llen d\u00fcrfte es aber eher so sein \u2013insbesondere in Anbetracht des Arbeitsmarktes- das Mann und Frau an Lohnarbeit nehmen, was sie kriegen k\u00f6nnen. <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2016\/mein-chef-braucht-mich\/\">Hauptsache Arbeit<\/a>. Egal welche. Eine Funktion ausf\u00fcllen ohne erf\u00fcllt zu sein.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Endlich angekommen!<br>\n<\/strong>Ich wuchs in sehr \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen auf. Mit 18 Jahren bekam ich damals noch monatlich 30 Deutsche Mark Taschengeld. Ich hatte weder Marken-Kleidung noch andere Dinge, die besonders wertvoll waren. Dennoch bin ich gut erzogen worden. Meiner Mutter war es wichtig, dass ich meine Mitmenschen achte, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr andere Lebensvorstellungen und ein soziales Gewissen zeige. Mit Anfang 20 wollte ich die Welt ein klein wenig zu einem besseren Ort machen. Ich war politisch aktiv, beteiligte mich an Demonstrationen, organisierte Spenden-Veranstaltungen mit und war immer bem\u00fcht, den finanziell schlecht aufgestellten Menschen zu helfen. Doch dann machte ich Karriere, heiratete und wurde Vater. Von da an z\u00e4hlte nur noch meine kleine, heile Biedermeier-Ich-Welt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u201e<\/span>Wo Freiheit draufstand, steckte irgendwann nur noch mittelst\u00e4ndische Finanzkraft drin. [...] Egalitarismus als gesellschaftliches Ideal ist verschwunden ebenso wie die Vorstellung von einer Freiheit, die nichts damit zu tun hat, was man sich leisten kann\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina D\u00f6bler. \u201eGammler, Yuppies, Stuhlkissen.\u201c Le Monde Diplomatique. Ausgabe November 2016. S. 2<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau, Kinder, Auto, Haus, Garten, Urlaub und Familie kosten eben Geld. Ich machte mich zum Sklaven meiner Lohnarbeit. Unterwarf mich den Interessen meines Feudalherren, auch genannt <em>Arbeitgeber<\/em>. Ich war nicht gierig. Noch nicht. Eigentlich ging es mir nur um Anerkennung und Respekt: <em>\u201edas aus mir was geworden ist\u201c,<\/em> wie man so sch\u00f6n sagt. Und nat\u00fcrlich darum, meine Familie zu versorgen. Ihnen etwas zu \u201ebieten\u201c. Im Grunde genommen hasste ich mich daf\u00fcr, ohne es bewusst zu wissen. Ich bin zu einem konservativen, spie\u00dfigen, angepassten, gehorsam vorauseilenden Mittelschichts-Spie\u00dfer geworden. Genau das wollte ich nie werden! Ich hatte zwar Geld, aber was bedeutete das schon, wenn man daf\u00fcr sein Selbst, seine Moralvorstellungen, seine Empathie und seine Mitmenschlichkeit aufgeben, sowie seine Seele verkaufen musste? Genau: alles! <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2009\/geld-adelt\/\">Geld adelt<\/a>. Ich war endlich angekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So oder so \u00e4hnlich (mit leichten oder mittelgro\u00dfen Abweichungen inklusive Bestechungen, Bedrohungen, Kl\u00fcngel und Erpressungen) muss es wohl bei der SPD, den Gr\u00fcnen, etlichen Alt-68ern, Gerhard Schr\u00f6der, Joschka Fischer, Christopher Lauer und vielen, vielen anderen, abgelaufen sein. Und wer sich der neofeudalen Anpassung und Unterordnung in irgendeiner Form verweigert, wird systematisch verachtet und ausgegrenzt. Oder auch: <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2012\/%e2%80%9ewerd-du-erst-mal-erwachsen\/\" target=\"_blank\"><em>\u00bbWerd Du erstmal erwachsen!\u00ab<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-21740\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent1.jpg\" alt=\"selbstent1\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent1.jpg 1000w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent1-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent1-450x338.jpg 450w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent1-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/selbstent1-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\"><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Arbeit macht Brei!<br>\n<\/strong>Anpassungs- und Konformit\u00e4tsdruck, Selbstverleugnung, die Unterdr\u00fcckung eigener Gedanken, Meinungen und Gef\u00fchle \u2011weil sie h\u00e4ufig auf der Lohnarbeit unerw\u00fcnscht sind, den Chef ver\u00e4rgern oder den Betriebsablauf st\u00f6ren w\u00fcrden- bleiben nicht ohne Folgen. Es ist beispielsweise mittlerweile erwiesen, dass st\u00e4ndiges <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/838202.wenn-laecheln-krank-macht.html\">Dauer-L\u00e4cheln krank macht<\/a>, obwohl man eigentlich ganz anders empfindet. Laut einer <a href=\"https:\/\/www.dak.de\/dakonline\/live\/dak\/download\/Vollstaendiger_bundesweiter_Gesundheitsreport_2015-1585948.pdf?\">DAK-Studie<\/a> nehmen Millionen Deutsche Aufputschmittel am Arbeitsplatz (vom tonnenweisen Kaffee-und-Zigaretten-Konsum ganz zu schweigen). W\u00e4hrend jedoch landl\u00e4ufig bei der Tour de France, Doping als schweres sportliches und moralisches Vergehen \u2011ganz abgesehen von den gesundheitlichen Risiken- betrachtet wird, seien Medikamente bei der Lohnarbeit eher ein Kavaliersdelikt. Jedenfalls gibt es hier keine rigorosen Kontrollen oder eine gro\u00dfe gesellschaftliche Debatte.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u201e<\/span>Wenn man ein Gef\u00fchl f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und Respekt f\u00fcr den anderen hat, k\u00fcndigt man jeden Job in den ersten f\u00fcnf Minuten. Also k\u00e4mpfe ich gegen mich selbst und akzeptiere die Herrschaftsbeziehungen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mustapha Belhocine, \u201eMein erster Job im Jobcenter\u201c. Le Monde Diplomatique. Mai 2015. S. 21<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzu kommt die starke Zunahme von Depressionen. Laut dem statistischen Bundesamt leidet mehr als <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/themen\/161\/burnout-syndrom\/\">jeder Vierte an depressiven Symptomen<\/a>. Auch Burnout, Stress, \u00dcberlastung, Leiharbeit, befristete und prek\u00e4re Jobs sorgen daf\u00fcr, dass Menschen verschlissen, benutzt und anschlie\u00dfend wie alte Waren entsorgt werden. Und obwohl die meisten Menschen sehr wohl um diesen schleichenden Prozess der Selbstzersetzung wissen, beten sie weiterhin die Lohnarbeit als Fetisch an, statt sie lediglich als (im Moment noch) leider notwendiges \u00dcbel zu betrachten. Folgende typische Spr\u00fcche f\u00fcr den Lohnarbeits-Fetisch sind:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Jeder der arbeiten will, findet auch Arbeit!\u00ab<br>\n\u00bbDu hast einfach zu hohe Anspr\u00fcche!\u00ab<br>\n\u00bbIch gehe auch mit einer Grippe zur Arbeit!\u00ab<br>\n\u00bbUnd was machst Du so?\u00ab<br>\n\u00bbIch liege dem Staat nicht auf der Tasche!\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und anstatt die strukturellen sowie systemimmanenten negativen Einfl\u00fcsse von <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?s=t%C3%A4gliche+lohnarbeitswahnsinn&amp;submit=Suchen\" target=\"_blank\">neofeudalen Arbeitsbedingungen<\/a> auf das Individuum zu thematisieren, wird \u2011ganz im Sinne des neoliberalen Eigenverantwortungs-Dogmas- nur von Work-Life-Balance schwadroniert. Selbstbestimmung und Selbstfindung werden h\u00e4ufig mit <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2016\/selbstoptimierung\/\" target=\"_blank\">Selbstoptimierung<\/a> verwechselt. Denn niemand kann echtes Gl\u00fcck erfahren, wenn er sich selbst prim\u00e4r als verwertbare Ware und N\u00fctzlichkeits-Ressource definiert, anstatt die eigene Existenz einfach <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2016\/verschwende-dein-leben\/\" target=\"_blank\">zu verschwenden<\/a>. Also im Augenblick zu leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft werde ich gefragt, was Selbstentfremdung durch Lohnarbeit eigentlich genau bedeuten soll? Schlie\u00dflich verdiene man sein eigenes Geld, sei unabh\u00e4ngig, liege niemandem auf der Tasche und man w\u00fcrde sich mit seinem eigenen Job doch auch selbst verwirklichen? 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