{"id":20566,"date":"2016-07-22T07:33:08","date_gmt":"2016-07-22T05:33:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=20566"},"modified":"2016-07-19T10:29:19","modified_gmt":"2016-07-19T08:29:19","slug":"erwerbslos-na-und","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2016\/erwerbslos-na-und\/","title":{"rendered":"Erwerbslos \u2013 Na Und?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-20569\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/erwerbslos_titel.jpg\" alt=\"erwerbslos_titel\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/erwerbslos_titel.jpg 1000w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/erwerbslos_titel-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/erwerbslos_titel-450x338.jpg 450w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/erwerbslos_titel-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/erwerbslos_titel-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\">Seit einiger Zeit bin ich nun unverschuldet erwerbslos. Nun darf, soll und <em>muss<\/em> ich mich offiziell sch\u00e4men, ducken, schlecht f\u00fchlen, verteidigen und rechtfertigen. Und zwar st\u00e4ndig und \u00fcberall: in der Familie, bei Freunden und den sogenannten <em>Sachbearbeitern<\/em>. Warum, wieso und weshalb es nur so weit kommen konnte, wird gefragt. Betroffenheit wird geheuchelt. Verachtung versteckt. Und soziale \u00dcberlegenheit empfunden. Man geh\u00f6re schlie\u00dflich noch dazu. Erwerbslosigkeit wird hierzulande nicht als ein vor\u00fcbergehender Zustand begriffen, sondern als pers\u00f6nlicher Makel. Als S\u00fcnde und Ketzerei. Gegen\u00fcber dem Gott des (Arbeits-)Marktes und der hart arbeitenden (Rest-)Bev\u00f6lkerung. Wer sich jedoch nicht prim\u00e4r durch seine Lohnarbeit definiert, der ist auch halbwegs in der Lage \u2011selbst in der Erwerbslosigkeit- seine W\u00fcrde und sein Selbstbewusstsein zu bewahren. Allein das empfinden viele Lohnarbeiter schon als absolute Dreistigkeit. Wer erwerbslos ist, hat depressiv zu werden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00dcber Ausgrenzung<br>\n<\/strong>Warum zu Gruppen und Cliquen unbedingt dazu geh\u00f6ren wollen, die mit Vorliebe Personen, Minderheiten und Individuen abwerten und ausgrenzen? Oder anders ausgedr\u00fcckt: wer erwerbslos sei, werde ausgegrenzt. Vom kulturellen und sozialen Leben, so die oft vorgebrachte These. Und da niemand gerne am Rand stehen, sondern dazu geh\u00f6ren will, m\u00fcsse man alles tun, um wieder in den erleuchteten Kreis der vorauseilenden Arbeitsdrohnen aufgenommen zu werden. Pers\u00f6nlich erlebte Erwerbslosigkeit kann hierbei aber ein echter Augen\u00f6ffner sein. Denn w\u00e4hrend beispielsweise bei vorhandenem Reichtum jede Menge Heuchler und Speichellecker um einen herum schwirren \u2011wie Motten um das Licht- so wenden sich bei Erwerbslosigkeit manche vermeintliche Freunde, Bekannte oder sogar Familienmitglieder von einem ab. Besonders die Status-Fixierten haben Angst, dass der intensive Umgang mit solchen <em>Ballastexistenzen<\/em> einen schlechten Einfluss auf ihr soziales Kapital haben k\u00f6nnte. \u00dcbrig bleiben die wahren Freunde, die einen so akzeptieren wie man <em>ist<\/em> und nicht, weil man <em>hat<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erwerbslosigkeit kann auch in anderer Hinsicht eine pers\u00f6nliche Herausforderung sein, jenseits des problematischen finanziellen Aspektes (inklusive Hartz 4\u2011Schikane-und-Willk\u00fcr-Terror), der auf jeden Fall vorhanden ist. Denn es gibt wohl nicht Wenige, die Angst davor haben, ihr eigenes Leben aktiv zu gestalten. Viele wissen \u00fcberhaupt nichts mit sich anzufangen. Und da der Lohnarbeitszwang und die st\u00e4ndige Schufterei h\u00e4ufig weder Raum noch Zeit lassen, das eigene Leben zu reflektieren oder einer intensiven Leidenschaft nachzugehen (Hobbys, Ehrenamt, Sport, Kunst, Musik etc.), kommen sie auch nicht in die missliche Lage dar\u00fcber nachzudenken. Man lohnarbeitet, <em>verdient<\/em> sich dadurch <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2016\/arbeitsscheue-drueckeberger-faulenzer\/\">Faulheit in der Freizeit<\/a> und Geld, dass man im Konsum versenken darf (und muss!). Ich pers\u00f6nlich kenne einige Leute, die mit dem dauerhaften Wegfall ihrer Lohnarbeit, beispielsweise durch Krankheit, Entlassung \u00fcber 50 Jahre oder Rente, in ein tiefes pers\u00f6nliches Loch gefallen oder sogar depressiv geworden sind, weil sie absolut nichts mit sich selbst anzufangen wissen. Statt sich also zu freuen, endlich mehr Zeit f\u00fcr sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeiten, Hobbys, Leidenschaften und Menschen zu haben, hat man panische Angst vor der Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lasst sie reden!<br>\n<\/strong>Nat\u00fcrlich ist es nicht leicht, dem sozialen Druck stand zu halten. Sich nicht runter putzen zu lassen. Sich nicht einreden zu lassen, man sei eine <em>wertlose Ballastexistenz<\/em>, ein Schmarotzer, ein Parasit. Denn \u00fcberall wird einem das vermittelt. Egal ob in der eigenen Familie, in den Massenmedien oder den Beh\u00f6rden. Sie alle reden aber auch t\u00e4glich \u00fcber TV-Bullshit, Cat Content auf Facebook, individuell erlebte (und geschaffene) Daily Soaps innerhalb der Familie oder auf der Lohnarbeit (<em>\u00bbEr oder Sie hat das und das gesagt!\u00ab<\/em>), den neuesten Smartphone-M\u00fcll oder bilden sich Werturteile \u00fcber Menschen und Sachverhalte, wor\u00fcber sie absolut keine Ahnung haben. Nur das war und ist noch nie ein Hindernis gewesen, um eine <em>eigene Meinung<\/em> zu haben. Zu besitzen. Denn als genau das wird sie empfunden: einen Besitz, den jeder v\u00f6llig kostenlos <em>haben<\/em> kann. Im Zeitalter von Facebook, Twitter und WhatsApp wird das nur allzu deutlich. Es wird ohne Ende gelabert sowie den eigenen Senf ins Netz oder auf den Stammtisch gerotzt und erst dann nachgedacht. Oft l\u00e4sst man das (Selbst-)Denken auch gleich ganz sein. Ist ja viel zu anstrengend. Daf\u00fcr gibt es ja App\u00b4s, Wikipedia und Google.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Nur au\u00dferhalb der Arbeit hat der Arbeiter die M\u00f6glichkeit, pers\u00f6nliche Erf\u00fcllung und Selbstachtung zu finden \u2013und damit auch die Wertsch\u00e4tzung durch andere.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">David Harvey. \u00bbF\u00fcr einen revolution\u00e4ren Humanismus\u00ab. Bl\u00e4tter. Ausgabe September 2015. S. 83<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute reden und reden und reden. Immer. Und \u00dcberall. Egal, ob man einer Lohnarbeit nachgeht oder erwerbslos ist. Sie l\u00e4stern, tratschen, schwafeln, bewerten und urteilen trotzdem. Suchen den vermeintlichen Fehler. St\u00fcrzen sich auf die charakterliche Schw\u00e4che. Um sie oder ihn hinterr\u00fccks verbal zu erdolchen. In aller Regel, um \u00fcber eigene Unzul\u00e4nglichkeiten hinweg zu t\u00e4uschen. Sich danach besser zu f\u00fchlen, weil man den anderen so mutig hinter dem R\u00fccken nieder gemacht hat. Die Erwerbslosigkeit ist hier zwar ein willkommener Anlass, aber zur Not wird auch irgendetwas anderes gesucht und nat\u00fcrlich auch gefunden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kann und darf nicht sein, dass meine Mitmenschen ausgeglichener oder gar selbstbewusster sind, als ich selbst! Erst recht nicht, wenn der Andere sich doch schlecht und schuldig f\u00fchlen sollte, weil er doch erwerbslos ist! So die Denkweise. Ich sage: Lasst Sie doch reden! Und ja nat\u00fcrlich bin ich voller Aktionismus, um der Erwerbslosigkeit zu \u00bbentkommen\u00ab. Aber das ist nicht der Punkt, um den es mir hier geht. Denn: Jeder Mensch hat ein Recht darauf, <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2011\/die-uberflussigen\/\" target=\"_blank\">respektiert, geachtet und geliebt<\/a> zu werden! Leider ist Menschenfeindlichkeit und Menschenhass eine weit verbreitete, ja fast schon typisch deutsche Unart. Haustiere werden nicht selten deutlich besser behandelt als Mitmenschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit bin ich nun unverschuldet erwerbslos. Nun darf, soll und muss ich mich offiziell sch\u00e4men, ducken, schlecht f\u00fchlen, verteidigen und rechtfertigen. Und zwar st\u00e4ndig und \u00fcberall: in der Familie, bei Freunden und den sogenannten Sachbearbeitern. Warum, wieso und \u2026 <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2016\/erwerbslos-na-und\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">\u2192<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":20568,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[291],"tags":[1646,162,358,1578,570,290,376,1115],"class_list":["post-20566","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeit","tag-arbeit","tag-arbeitsfetischismus","tag-arbeitslosigkeit","tag-arbeitsmarkt","tag-faulheit","tag-lohnarbeit","tag-menschenrechte","tag-wurde"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20566","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20566"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20566\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20669,"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20566\/revisions\/20669"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20568"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20566"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20566"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20566"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}