{"id":19956,"date":"2016-02-26T09:55:17","date_gmt":"2016-02-26T08:55:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=19956"},"modified":"2025-06-01T12:57:44","modified_gmt":"2025-06-01T10:57:44","slug":"kritik-optimismus-denken-pessimismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2016\/kritik-optimismus-denken-pessimismus\/","title":{"rendered":"Kritik ist positives Denken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19960\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/kritik_titel.jpg\" alt=\"kritik_titel\" width=\"1000\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/kritik_titel.jpg 1000w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/kritik_titel-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/kritik_titel-450x338.jpg 450w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/kritik_titel-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/kritik_titel-400x300.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\"><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Immer musst Du alles so negativ sehen!\u00ab<\/em> oder: <em>\u00bbDu hast ja an allem etwas auszusetzen!\u00ab<\/em> oder: <em>\u00bbMusst Du immer so viel kritisieren?\u00ab<\/em>, sind typische Vorwurf-S\u00e4tze, die kritisch eingestellte Menschen fast t\u00e4glich h\u00f6ren. In der Vergangenheit habe ich mich zu diesem Ph\u00e4nomen bereits <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2012\/glueck-und-kritik\/\">hier<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2009\/zum-wesen-der-kritik\/\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2014\/frohe-weihnachten-2014\/\">hier<\/a> ausf\u00fchrlich dazu ge\u00e4u\u00dfert. Leider ist die absurde Behauptung, dass kritisches Denken zwingend mit einer negativen Lebenseinstellung verbunden sei, nach wie vor fest in den K\u00f6pfen der Leute verankert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dabei verh\u00e4lt es sich genau umgekehrt: wer vor Armut, Ausbeutung, Unrecht und menschenverachtender Ideologie die Augen verschlie\u00dft und davon nichts wissen will, weil es doch so <em>anstrengende Themen<\/em> seien, wer denkfaul, fatalistisch und obrigkeitsh\u00f6rig ist, wer seinen inneren moralischen Kompass mit Geld und Konsum zum Schweigen gebracht hat, wer seinen Verstand und seine Kreativit\u00e4t nur noch zur \u00f6konomischen Verwertung einsetzen will \u2013 der ist dem Leben wahrhaft negativ gegen\u00fcber eingestellt. Egal, wie viel dabei gel\u00e4chelt und gelacht wird.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ich meine, also bin ich<br>\n<\/strong>Da sitzt man in einer gem\u00fctlichen Small-Talk-Runde und wagt es, zu einem Thema (beispielsweise zu Russland, den Massenmedien, sozialen Traditionen, der Lohnarbeitswelt oder unserem Wirtschaftssystem) eine andere, eine alternative Meinung und Perspektive zu formulieren. Betretenes Schweigen. Unangenehmes Wegschauen. Bis irgendjemand die Rolle des Verteidigers \u00fcbernimmt. Solange bis man keine Argumente mehr hat, man das Thema geschickt wechseln kann oder sich die Gespr\u00e4chsrunde aufl\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zwangsharmonie und Zwangsoptimismus in Kombination mit einem neoliberal-eigenn\u00fctzigen Biedermeier-Weltverleugner-Weltbild, sind die heiligen Reliquien fast jeder Diskussionsrunde in der Familie, am Stammtisch oder auf der Lohnarbeit. Wer nicht im Meer der bigotten Konventionen schwimmen will, wird als Querulant, als Miesmacher und Pessimist gebrandmarkt. Denn es ist einfacher und bequemer, den Tr\u00e4ger von alternativen Denk- und Sichtweisen zu verunglimpfen, als das eigene Weltbild zu hinterfragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die F\u00e4higkeit zur gesunden Neugier, einem Durst nach Horizonterweiterung, nach uneigenn\u00fctzigem (!) Wissen und die Bereitschaft zur gelegentlichen Selbstreflexion, geht den meisten Menschen v\u00f6llig ab. Unabh\u00e4ngig davon, wie banal, infantil oder absurd das eigene Menschen- und Weltbild ist, so wird es doch als ein <em>ganz pers\u00f6nlicher Besitz<\/em> empfunden, den niemand wegnehmen k\u00f6nne. Und so wird der Kritiker nicht nur als Klugschei\u00dfer, Besserwisser oder chronischer N\u00f6rgler hingestellt, sondern auch als ein gemeiner Dieb, als R\u00e4uber und Zerst\u00f6rer des eigenen Wertesystems verurteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dabei sind Intelligenz, Wissen, Bildung, Meinung, Weltbild und Kreativit\u00e4t st\u00e4ndige Prozesse und keine festen Zust\u00e4nde. Sie alle sind stets im Wandel, bewusst oder unbewusst. So zu tun, als w\u00fcrde man nicht beeinflusst und gepr\u00e4gt werden, als w\u00e4re die eigene Meinung, eine selbst erarbeitete Leistung und ein Besitz, leugnet s\u00e4mtliche massenmediale, p\u00e4dagogische und sozialpsychologische Erkenntnisse und Mechanismen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Das Eingeschworensein aufs Positive wirkt als Schwerkraft, die alle hinunterzieht. Sie zeigt der opponierenden Regung sich \u00fcberlegen, indem sie in die Verhandlung mit dieser gar nicht mehr eintritt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">- Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 209<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Wer Ver\u00e4nderung will, soll sich die Haare f\u00e4rben<br>\n<\/strong>Ein Blick in das Synonyme-Lexikon Woxikon gen\u00fcgt, um fest zu stellen, dass der Begriff \u00bbKritik\u00ab negativ besetzt ist. Kritik wird hier gleichgesetzt mit beispielsweise Gel\u00e4ster, Gemecker und Gen\u00f6rgel. Dieser konstruierte, vermeintlich semantische Zusammenhang kann als ein gro\u00dfer Erfolg von herrschaftlicher Sprachnormierung interpretiert werden. Denn so wird sachliche, konstruktive und angemessene Kritik zum interessengeleiteten, eigenn\u00fctzigen Gemotze. So werden soziale Bewegungen, Umweltschutz-Organisationen oder Gewerkschaften zu Pessimisten und Miesepetern denunziert, die man nicht ernst nehmen m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dabei gibt es eine ganz klare Unterscheidung, was sachliche Kritik und was emotionales Gen\u00f6rgel ist. Geht es prim\u00e4r <em>um mich<\/em>, meinem Lebensumfeld, meine Interessen, meine Gef\u00fchle und meine Bed\u00fcrfnisse? Oder geht es mir in erster Linie um die Sache, um ein \u00fcbergeordnetes Ziel, um eine echte Ver\u00e4nderung, um gerechtere und bessere Verh\u00e4ltnisse <em>f\u00fcr die Mehrheit<\/em>? Hier wird man feststellen, dass die allermeisten tats\u00e4chlich nur am N\u00f6rgeln sind und dies insofern auch jedem anderen unterstellt wird, weil man selbst so ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_19992\" style=\"width: 682px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19992\" class=\"size-full wp-image-19992\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/optimismus.jpg\" alt=\"focus.de vom 6. August 2013\" width=\"672\" height=\"327\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/optimismus.jpg 672w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/optimismus-150x73.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/optimismus-450x219.jpg 450w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/optimismus-500x243.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 672px) 100vw, 672px\"><p id=\"caption-attachment-19992\" class=\"wp-caption-text\">focus.de vom 6. August 2013<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Wer gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse kritisiere, der sei ungl\u00fccklich, frustriert und\/oder verbittert, so lautet eine immer wiederkehrende Legende. Denn da es <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2013\/uns-geht-es-doch-gut\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00bbuns doch gut gehen w\u00fcrde\u00ab<\/a>, muss ja jeder, der dies in Frage stellt und die h\u00e4ssliche, menschenverachtende Fratze des Kapitalismus offen legt, von Grund auf, ein negativer Mensch sein. Ein Miesmacher, Pessimist und N\u00f6rgler. Dieser staatstragende, mental-vorauseilende Gehorsam, denunziert jede abweichende Meinung, abseits vom Mainstream, als radikal, pessimistisch und verschw\u00f6rungstheoretisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Warum ausgerechnet Leugnen, Ignorieren und Nicht-Wissen-Wollen sowie das komplette Ablehnen von Alternativen, Grundpfeiler einer positiven Lebenseinstellung sein sollen, erschlie\u00dft sich mir bis heute nicht. Ich bin nach wie vor der \u00dcberzeugung, dass die Liebe zur Weisheit, die Suche nach Ursachen und der stetige Drang nach Horizonterweiterung absolut lebensbejahende Eigenschaften sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Kommunikation ist mehr als Senden<br>\n<\/strong>Wer infantile Jubelperser sehen will, muss nur den Fernseher einschalten. Wer gekaufte Ja-Sager attraktiv findet, soll sich Werbung reinziehen oder seinen Chef anhimmeln. Wer nur Best\u00e4tigung und Aufmerksamkeit sucht, soll sein Facebook-Profilbild alle zwei Tage \u00e4ndern. Wer Leid, Elend, Armut und Ausbeutung, die der Kapitalismus t\u00e4glich weltweit produziert, nicht wahrhaben und verdr\u00e4ngen will, soll sich in seinen mental-sozial-emotionalen Bunker einschlie\u00dfen. Das alles hat mit einer authentischen Kommunikation, mit positivem Denken und einer lebensbejahenden Haltung aber rein gar nichts zu tun!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch eine konstruktive Streitkultur oder eine offene Diskussion wird in der Regel rigoros abgelehnt. Stattdessen wird der Diskursrahmen schon im Vorfeld festgelegt. In den diversen Polit-Talk-Shows ebenso, wie in den sozialen Netzwerken oder in der Familie. Wer die Freiheit hasst, dass freie Denken verabscheut und die beliebige Gleichg\u00fcltigkeit zum Lebensprinzip erhebt, wird zum positiv-denkenden Menschen erkl\u00e4rt.&nbsp; Zwangsoptimismus als Herrschaftsprinzip, bei dem jeder Freidenker zu einem&nbsp; unangenehmen Zeitgenossen gemacht wird. Dabei gibt es keinen gr\u00f6\u00dferen&nbsp; Pessimisten, als denjenigen, der nicht mehr frei denken, hoffen oder sch\u00f6pferisch t\u00e4tig sein, sondern nur noch monoton funktionieren will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Immer musst Du alles so negativ sehen!\u00ab oder: \u00bbDu hast ja an allem etwas auszusetzen!\u00ab oder: \u00bbMusst Du immer so viel kritisieren?\u00ab, sind typische Vorwurf-S\u00e4tze, die kritisch eingestellte Menschen fast t\u00e4glich h\u00f6ren. 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