{"id":18277,"date":"2015-03-27T07:27:19","date_gmt":"2015-03-27T06:27:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=18277"},"modified":"2015-03-26T20:07:01","modified_gmt":"2015-03-26T19:07:01","slug":"bewerbung_selbstenfremdung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2015\/bewerbung_selbstenfremdung\/","title":{"rendered":"Schizophrene Zwangsentfremdung"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_18278\" style=\"width: 127px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Wollmilchsau.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18278\" class=\"wp-image-18278 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/Wollmilchsau-117x150.jpg\" alt=\"Die eierlegende Wollmilchsau. Georg Mittenecker. wikipedia.org\" width=\"117\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/Wollmilchsau-117x150.jpg 117w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/Wollmilchsau-313x400.jpg 313w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/Wollmilchsau-235x300.jpg 235w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/Wollmilchsau.jpg 469w\" sizes=\"(max-width: 117px) 100vw, 117px\"><\/a><p id=\"caption-attachment-18278\" class=\"wp-caption-text\">Die eierlegende Wollmilchsau. Georg Mittenecker. wikipedia.org<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist es wieder soweit. Ab sofort darf ich mich erneut dem absurden Spiel der Selbstvermarktung hingeben. Beim Bewerbungstheater gilt wie immer: sei ganz Du selbst, also genau <a title=\"ZG-authentisch\" href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2012\/so-werden-sie-authentisch\/\" target=\"_blank\"><em>so authentisch<\/em><\/a>, wie Dich Unternehmen, Institutionen und Organisationen haben wollen. In Personaler-Deutsch hei\u00dft das prim\u00e4r: flexibel, belastbar, kommunikationsstark, berufserfahren, eigenverantwortlich und zugleich teamf\u00e4hig. Deine Pers\u00f6nlichkeit und deine Charaktereigenschaften interessieren nur insofern, als dass sie f\u00fcr das Unternehmen n\u00fctzlich, also monet\u00e4r verwertbar sind. Hat man diesbez\u00fcglich sein gesamtes Wesen auf Personaler- und Unternehmerinteressen reduziert, die eigene Selbstentfremdung verleugnet und definiert sie obendrein als <em>geistige Reife<\/em>, so steht der eigenen Karriere nichts mehr im Weg. Au\u00dfer vielleicht die Mechanismen des Neoliberalismus und die Massenerwerbslosigkeit. Aber die sind ja gottgegeben und alternativlos.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sich die Bewerber bei ihrer Stellensuche viel M\u00fche geben sollen \u2011und am besten gleich einen auf die ausgeschriebene Stelle perfekt angepassten Lebenslauf vorweisen d\u00fcrfen- hauen die meisten Unternehmen in den Stellenb\u00f6rsen (und bei den Absagen sowieso) nur ihre standardisierten Phrasen, Schl\u00fcsselw\u00f6rter und Redewendungen raus. Da ist beispielsweise st\u00e4ndig die Rede von \u00bb<em>bewahren Sie auch in stressigen Situationen einen k\u00fchlen Kopf\u00ab<\/em>, was schon mal andeuten k\u00f6nnte, dass oft und gerne im Personalmangel gearbeitet wird, um Lohnkosten zu sparen. Oder dass h\u00e4ufiger \u00dcberstunden verlangt werden und man diesbez\u00fcglich kein Murren h\u00f6ren will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die st\u00e4ndige Frage nach den \u00bb<em>Gehaltsvorstellungen\u00ab<\/em> taucht in den Stellenanzeigen immer wieder auf. Jobcoacher erz\u00e4hlen uns hier gerne das M\u00e4rchen, dass es ja nur darum gehe, sich realistisch einzusch\u00e4tzen und damit der \u00bbArbeitgeber\u00ab hier einen ersten Eindruck bekommt. Bullshit. Letztlich kann man hier fast nur verlieren. Denn entweder verkauft man sich zu billig oder die Bewerbung landet gleich im Papierkorb, weil man anst\u00e4ndig, d.h. beispielsweise tariflich und branchen\u00fcblich, entlohnt werden m\u00f6chte, oder weil man die Gehaltsvorstellungsangabe gleich ganz weg l\u00e4sst. Kein Wunder also, warum Unternehmen diese Redewendung in ihren Stellenanzeigen immer wieder gern verwenden, f\u00fcr sie ist das eine Win-Win-Formulierung. Langfristig gesehen f\u00fchrt diese Phrase irgendwann zur Selbstausbeutung und zum (un-)freiwilligen Lohndumping der Bewerber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Jobs statt Arbeit<\/strong><strong><br>\n<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_18279\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/lohndumping.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"lightbox\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18279\" class=\"wp-image-18279 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/lohndumping-150x143.jpg\" alt=\"(click to enlarge)\" width=\"150\" height=\"143\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/lohndumping-150x143.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/lohndumping-419x400.jpg 419w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/lohndumping-314x300.jpg 314w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/lohndumping.jpg 985w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\"><\/a><p id=\"caption-attachment-18279\" class=\"wp-caption-text\">(click to enlarge)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/39304_39313.htm\">Niedriglohnsektor<\/a> ist dank der Agenda 2010 in Deutschland explodiert. Fast jeder Vierte muss in diesem Bereich arbeiten. Das bilden auch s\u00e4mtliche Stellenanzeigen ab (siehe Bild). Egal ob bei stepstones.de, monster.de oder den anderen Stellenb\u00f6rsen. Fast unabh\u00e4ngig davon, welche Parameter (Branche, Ort) man eingibt, so gut wie jede dritte Stelle die angezeigt wird, ist ein (Pflicht-)Praktikum (daf\u00fcr muss man ja keinen Mindestlohn zahlen, hihi), ein Trainee-Job, eine getarnte Werbeanzeige, ein Volontariat, eine geringf\u00fcgige Besch\u00e4ftigung (Mini-Job), ein Daten-Abfischen oder gar eine versteckte Fortbildung oder Umschulung, die via Bildungsgutschein bzw. Eingliederungszuschuss vom Jobcenter bezahlt werden darf. Alle Bezeichnungen haben vor allem eines gemeinsam: eine niedrige, untertarifliche oder gar keine Entlohnung. Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau f\u00fcr lau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Anforderungsprofil, also das was die Firmen und Organisationen vom potentiellen Bewerber erwarten, steht selten im Verh\u00e4ltnis zu dem, was sie geben. Und nur um zu kaschieren, dass sie au\u00dfer der Entlohnung nichts zu bieten haben, gibt es dann Floskeln wie: \u00bb<em>ein angenehmes Betriebsklima, flache Hierarchien, eine leistungsgerechte Bezahlung, eine verantwortungsvolle T\u00e4tigkeit\u00ab <\/em>und so weiter. Dieser fleischgewordene Irrsinn verdeutlicht sich dann stets bei der Personaler-Frage: \u00bb<em>warum wollen Sie in unserem Unternehmen arbeiten?\u00ab<\/em> Na, warum wohl. Weil sie mich finanziell entlohnen, was anderes haben sie sowieso nicht zu bieten! Und dennoch wollen die Firmen immer wieder h\u00f6ren, wie gerne man doch <em>nur<\/em> in dieser Einrichtung, unbedingt und ab sofort, <span style=\"text-decoration: line-through;\">ausgebeutet<\/span> sein Seelenheil finden m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vetternwirtschaft<\/strong><br>\nHinzu kommt der Skandal \u2011der aber f\u00fcr niemanden einer zu sein scheint- dass selbst die Stellen, die \u00f6ffentlich ausgeschrieben werden m\u00fcssen (viele werden nicht mal \u00f6ffentlich ausgeschrieben), intern oder informell vergeben werden. An Familienangeh\u00f6rige, Freunde, Bekannte oder Partner in Netzwerken. Auch wird bei nicht wenigen Stellen die Mitgliedschaft in einer Kirche, Partei oder Gewerkschaft zwingend vorrausgesetzt. Es ist also nicht die Leistung, die sich hier lohnt oder auszahlt, sondern das gutb\u00fcrgerliche und verm\u00f6gende Elternhaus, welches \u00fcber enge Kontakte zu Politik, Medien und Wirtschaft verf\u00fcgt. Das hat auch rein gar nichts mit dem g\u00e4ngigen Mythos von individueller Eigenleistung, <a title=\"ZG\" href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2010\/eigenverantwortung-und-freiheit\/\" target=\"_blank\">Eigenverantwortung<\/a> oder mit einem vermeintlichen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt zu tun, sondern mit festgefahrenen, postfeudalen Herrschaftsstrukturen. Nicht zu vergessen: die L\u00fcge \u00fcber den angeblichen Fachkr\u00e4ftemangel und die wirklichen Verh\u00e4ltnisse auf dem Arbeitsmarkt: knapp 750.000 offene Stellen treffen auf (ungesch\u00f6nt) mehr als 5 Millionen Erwerbslose.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Personaler und Unternehmer sind sich dieser Zust\u00e4nde durchaus bewusst, sonst w\u00fcrden sie sich auch nicht so oft wie die Made im Speck auff\u00fchren. Ob dreiste Psychofragen, Assessment-Center oder \u00fcbertriebene Auswahlkriterien \u2013 sie nutzen schamlos ihre Macht, auch wenn die kritischen Stimmen \u00fcber derlei Verfahren immer lauter werden, gerade auch in Bezug auf dessen Nutzen. Erst wenn es mehr Stellenangebote als Erwerbslose gibt (was nat\u00fcrlich niemals passieren wird), w\u00fcrde das ganze absurde Theater vielleicht ein St\u00fcck weit ehrlicher und authentischer werden. Denn immer dort wo der Zwang herrscht, ist die L\u00fcge nicht weit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist es wieder soweit. Ab sofort darf ich mich erneut dem absurden Spiel der Selbstvermarktung hingeben. Beim Bewerbungstheater gilt wie immer: sei ganz Du selbst, also genau so authentisch, wie Dich Unternehmen, Institutionen und Organisationen haben wollen. 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