{"id":15700,"date":"2013-08-26T06:00:25","date_gmt":"2013-08-26T04:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=15700"},"modified":"2013-08-26T06:09:49","modified_gmt":"2013-08-26T04:09:49","slug":"tina-koenigin-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2013\/tina-koenigin-der-krise\/","title":{"rendered":"Tina \u2013 K\u00f6nigin der Krise"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gastbeitrag von Wolfram Bernhardt. Mitherausgeber und Redakteur des philosophischen Wirtschaftsmagazins: <a href=\"https:\/\/www.agora42.de\/index.php\" target=\"_blank\">Agora42<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 1762 gr\u00fcndeten die Br\u00fcder John und Francis Baring in London die John &amp; Francis Baring Company. Zun\u00e4chst noch ein Handelsunternehmen, konzentrierte sich die Company schon nach wenigen Jahren immer mehr auf Finanzgesch\u00e4fte und wurde im 20. Jahrhundert zur wichtigsten Bank f\u00fcr das englische K\u00f6nigshaus und half der britischen Regierung im Zweiten Weltkrieg bei der Kriegsfinanzierung. Man k\u00f6nnte meinen, dass eine Bank mit einer solchen Historie und solchen Verbindungen f\u00fcr die Ewigkeit aufgestellt sein sollte. Jedoch endete die Ewigkeit in diesem Fall am 23. Februar 1995. Da die Fehlspekulation des Angestellten Nick Leeson die Bank 1,3 Milliarden US-Dollar gekostet hatte \u2013 eine Summe, die selbst f\u00fcr ein Traditionshaus wie dieses nicht zu verschmerzen war. Wie konnte es zu solch einem Ungl\u00fcck kommen?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere Zeit, anderer Ort, anderes Schicksal: Am 25. April 2005 entgleiste um 9:19 Uhr \u00f6rtlicher Zeit in einer Kurve zwischen den Stationen Tsukaguchi und Amagasaki ein japanischer Nahverkehrszug. Der Zug krachte mit solcher Wucht in ein neunst\u00f6ckiges Wohnhaus neben den Gleisen, dass die ersten zwei Waggons komplett im Wohnhaus verschwanden und der Zug erst zum Halten kam, als der erste Waggon die Wand der Garage im Erdgeschoss durchbrach. Von den rund 700 Passagieren wurden 562 verletzt, inklusive des 23-j\u00e4hrigen Zugf\u00fchrers&nbsp;Ryujiro Takami starben 107 Personen. Wie konnte dieses Ungl\u00fcck geschehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gestatten: Tina \u2013 die m\u00e4chtigste Frau der Welt<br>\n<\/strong>Auch wenn es zun\u00e4chst weit hergeholt erscheinen mag, haben die Schicksale von Nick Leeson und&nbsp;Ryujiro Takami viel mit der heutigen Situation unserer Gesellschaft zu tun. Und es ist \u2013 wen wundert\u2019s \u2013 eine Frau, welche die Schicksale der beiden M\u00e4nner verbindet. Sie kommt mit dem harmlosen Namen Tina daher und ist bereits seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts bekannt und gef\u00fcrchtet, weil sich damals die britische Premierministerin Margaret Thatcher immer wieder auf sie berief, um ihre Politik durchzusetzen: \u00bbThere is no alternative.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seitdem hat sie nichts von ihrer Macht eingeb\u00fc\u00dft. So sprach im Jahr 2010 der Leiter des Ressorts f\u00fcr Innenpolitik bei der S\u00fcddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, der deutschen Bundeskanzlerin den Titel der m\u00e4chtigsten Frau ab, da sie sich Tina untergeordnet habe. Und der Politikwissenschaftler Elmar Altvater wies in der franz\u00f6sischen Monatszeitung Le Monde diplomatique darauf hin, dass durch den Eurogipfel vom Mai 2012 der Fiskalpakt eine Ewigkeitsgarantie erhalten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Handlungsoptionen scheint es immer weniger zu geben. Dies beunruhigt umso mehr, da wir doch wissen, was geschehen kann, wenn man sich einer Ideologie v\u00f6llig unterwirft und keinerlei Alternativen mehr zul\u00e4sst: Irgendwann kann mittels dieser Logik sogar ein totaler Krieg gerechtfertigt werden. Gott sei Dank ist heute in Europa ein Krieg nicht mehr so leicht vom Zaun zu brechen. Aber auch die heutige Ideologie f\u00fchrt, wie Elmar Altvater zum Ausdruck bringt, zu einer totalen Unterordnung \u2013 und zwar unter die Regeln des Fiskalpakts. Sprich: Steigerung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit auf der einen und Austerit\u00e4t auf der anderen Seite. Nur durch eine solche Unterordnung k\u00f6nne man wieder zur Normalit\u00e4t finden \u2013 so galubt man.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Angela Merkel, Nick Leeson oder&nbsp;Ryujiro Takami in einen Topf mit Adolf Hitler und seinen Schergen werfen zu wollen, weisen ihre Handlungsmuster doch eine strukturelle \u00c4hnlichkeit auf: Die genannten Personen man\u00f6vrierten sich in eine Situation hinein, in der sie ihre Handlungsf\u00e4higkeit mehr und mehr einer vermeintlichen Alternativlosigkeit opferten.<\/p>\n<div id=\"attachment_15707\" style=\"width: 190px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:ThatcherProfile.JPG\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15707\" class=\"wp-image-15707  \" alt src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/ThatcherProfile-300x400.jpg\" width=\"180\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/ThatcherProfile-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/ThatcherProfile-112x150.jpg 112w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/ThatcherProfile-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/ThatcherProfile.jpg 321w\" sizes=\"(max-width: 180px) 100vw, 180px\"><\/a><p id=\"caption-attachment-15707\" class=\"wp-caption-text\">Gilt als Begr\u00fcnderin des TINA-Prinzips: Margaret Thatcher (Quelle: wikimedia, Jay Galvin)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Systemzwang?<br>\n<\/strong>Beispiel Nick Leeson: Als der Angestellte der Barings Bank das interne Verrechnungskonto mit der Nummer 88888 er\u00f6ffnete, tat er dies, um Verluste in H\u00f6he von 20.000 Pfund vor der Zentrale in London zu verstecken. Leeson handelte im Glauben, dass 20.000 Pfund eine Summe darstellen, die man irgendwann problemlos mit irgendwelchen Gewinnen verrechnen k\u00f6nnte, sodass die Verluste nie offiziell ausgewiesen werden m\u00fcssten. Mit der Zeit wuchsen die Verluste, die er inzwischen regelm\u00e4\u00dfig auf das Konto mit der Nummer 88888 verschob, immer weiter an. Dies verleitete ihn dazu, immer riskantere Spekulationen zu t\u00e4tigen. Ein Vorgehen, das spektakul\u00e4r scheiterte, summierten sich die Verluste am Ende doch auf 1,3 Milliarden US-Dollar. Was muss einem wohl durch den Kopf gehen, wenn man sich auf diese totale Spekulation einl\u00e4sst? Sie ahnen es: Tina.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beispiel&nbsp;Ryujiro Takami: Dem Zugungl\u00fcck von Amakasaki war vorausgegangen, dass der Zugf\u00fchrer in der vorherigen Station die Haltelinie \u00fcberfahren hatte und die Bahn nochmals zur\u00fccksetzen musste, was eine Versp\u00e4tung des Zuges von 90 Sekunden zur Folge hatte. Nun gelten japanische Z\u00fcge nicht umsonst als die p\u00fcnktlichsten der Welt. Diese P\u00fcnktlichkeit erreicht die japanische Eisenbahngesellschaft durch den Einsatz modernster Technologien \u2013 aber auch dadurch, dass sie einen immensen Druck auf die Zugf\u00fchrer aus\u00fcbt. Insofern verwundert es nicht, dass man als japanischer Zugf\u00fchrer keine Alternative zur totalen P\u00fcnktlichkeit sieht. Takami versuchte, die Versp\u00e4tung wieder gutzumachen, indem er zwischen den Stationen auf die Tube dr\u00fcckte: Anstatt dem Tempolimit von 70 Stundenkilometern zu folgen, hatte der 23-j\u00e4hrige Takami den Zug mit circa 116 Stundenkilometern in die Kurve gelenkt. Man kann nur spekulieren, ob er sich bewusst war, dass er in diesem Moment das Leben von \u00fcber 700 Personen aufs Spiel setzte. Vermutlich aber galt sein einziger Gedanke \u2013 genau: Tina.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beispiel Angela Merkel: In ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos spricht die Bundeskanzlerin von der Notwendigkeit, eine Stabilit\u00e4tsunion zu formen, von der Idee, neben dem bereits erw\u00e4hnten Fiskalpakt noch einen Pakt f\u00fcr Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu etablieren, und davon, den Freihandel weiter voranzutreiben. All dies m\u00fcsse geschehen, um \u00bbwirtschaftliche Rahmenbedingungen in Europa zu schaffen, (\u2026) die neue Investitionen erm\u00f6glichen, die Wachstum und damit auch dauerhaft wettbewerbsf\u00e4hige Arbeitspl\u00e4tze erm\u00f6glichen\u00ab. Kurz, es geht um \u00bbden Wohlstand Europas in der Zukunft\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohlgemerkt, in ihrer Rede erl\u00e4utert Merkel bis ins Detail, wie sie sich solch einen Pakt f\u00fcr Wettbewerbsf\u00e4higkeit vorstellt; aber nirgends findet sich ein Hinweis darauf, was sie eigentlich unter Wohlstand versteht. Wozu auch? Warum sollte sie sich \u00fcber etwas so Selbstverst\u00e4ndliches Gedanken machen, wo doch an jeder Ecke neue Bedrohungen f\u00fcr den Wohlstand lauern, dessen Erhalt, ihrer Meinung nach die einzige M\u00f6glichkeit darstellt, alle Errungenschaften zu bewahren, die gemeinhin mit unserem Verst\u00e4ndnis westlicher Demokratien verbunden sind. There is no alternative!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wohlstand \u2013 um jeden Preis?<br>\n<\/strong>Nun ist es nichts Verwerfliches, Wohlstand zu wollen. Materieller Wohlstand erleichtert das Leben und macht es lebenswert. Wer \u00fcber ein gewisses Verm\u00f6gen verf\u00fcgt beziehungsweise ein solides Einkommen bezieht, ist viele Sorgen los \u2013 man kann sich sicher sein, nicht hungern zu m\u00fcssen, ein Dach \u00fcber dem Kopf zu haben, seine Kinder ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen etc. Zugleich kann man sich gewisse Statussymbole leisten, kann bestimmten Hobbys nachgehen, kann sich sozial engagieren, kurz: Der finanzielle Freiraum erm\u00f6glicht es, seine Identit\u00e4t so auszugestalten, wie es einem gef\u00e4llt. So weit, so gut. Allerdings muss man sich die Frage stellen, inwieweit die v\u00f6llige Fixierung auf materiellen Wohlstand ebenso auch in Unfreiheit m\u00fcnden kann. Diese Frage stellt sich umso mehr, wenn eine bereits sehr wohlhabende Volkswirtschaft in eine Krise ger\u00e4t \u2013 eine Volkswirtschaft, in welcher zudem das Verm\u00f6gen immer ungleicher verteilt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun gibt es aber wirklich \u00fcberhaupt keine Anzeichen daf\u00fcr, dass es zu einer sinnvollen Neuregelung der \u00f6konomischen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse kommen k\u00f6nnte. Trotzdem aber legt man, wider besseres Wissen und obwohl das Gef\u00fchl einem etwas anderes sagt, sein Schicksal in die H\u00e4nde einer \u00bbh\u00f6heren\u00ab Macht, die es richten soll. So gibt man immer mehr Handlungsalternativen auf und man\u00f6vriert sich in eine Situation hinein, in welcher die Abkehr vom eingeschlagenen Weg immer schmerzhafter wird, da sie bedeuten w\u00fcrde, die Prinzipien infrage stellen zu m\u00fcssen, nach denen man bisher sein Leben ausgerichtet hat. Diesen Schmerz \u00fcberhaupt nicht erst aufkommen zu lassen, daf\u00fcr steht paradigmatisch die Politik Angela Merkels. Alle, die sich auf ihr Angebot einlassen, machen im Prinzip nichts anderes als Nick Leeson oder&nbsp;Ryujiro Takami.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Wolfram Bernhardt. Mitherausgeber und Redakteur des philosophischen Wirtschaftsmagazins: Agora42 Im Jahr 1762 gr\u00fcndeten die Br\u00fcder John und Francis Baring in London die John &amp; Francis Baring Company. 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