{"id":14530,"date":"2013-03-29T09:42:55","date_gmt":"2013-03-29T08:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=14530"},"modified":"2013-03-28T08:01:59","modified_gmt":"2013-03-28T07:01:59","slug":"die-shitstorm-nichtbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2013\/die-shitstorm-nichtbewegung\/","title":{"rendered":"Die Shitstorm \u2014 Nichtbewegung"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_14532\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/johanl\/5131980180\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14532\" class=\"size-medium wp-image-14532   \" src=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/smart02-450x298.jpg\" alt width=\"450\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/smart02-450x298.jpg 450w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/smart02-150x99.jpg 150w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/smart02-452x300.jpg 452w, https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/wp-content\/uploads\/smart02.jpg 746w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\"><\/a><p id=\"caption-attachment-14532\" class=\"wp-caption-text\">Original: Johan Larsson, flickr.com. Bearbeitet von epikur.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als \u00bbshitstorm\u00ab bezeichnet man eine massenhafte \u00f6ffentliche Entr\u00fcstung, die meist im Internet \u00fcber soziale Netzwerke (twitter, facebook etc.) stattfindet. In kurzer Zeit k\u00f6nnen sich so gro\u00dfe Emp\u00f6rungs- bzw. Entr\u00fcstungswellen entwickeln. Auf Facebook werden viele Kommentare zu einem spezifischen Thema oder einer bestimmten \u00c4u\u00dferung ver\u00f6ffentlicht, dutzendfach Inhalte geteilt und massenhaft Beitr\u00e4ge mit einem \u00bbgef\u00e4llt mir\u00ab versehen. Dieses neuartige Ph\u00e4nomen zieht meist gro\u00dfe Aufmerksamkeit auf sich und setzt damit Politik, Medien und Unternehmen einerseits unter Druck und Zugzwang, andererseits sehen Werbenetzwerke (Affiliate), durch tausendfache Klickraten (Page Impression), hier eine gro\u00dfe Profitchance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher gab es \u00f6ffentliche oder vom Unternehmen eingerichtete Beschwerdestellen, heute wird sich \u00fcber Facebook und Twitter ausgekotzt. H\u00e4ufig geht diese Entr\u00fcstung selten \u00fcber einen beleidigenden Einzeiler wie \u00bbfind ich schei\u00dfe\u00ab hinaus. Zumal twitter nur eine begrenzte Zeichenanzahl hat. Fundierte, sachlich argumentative Kritik mag zwar auch vorkommen, geht aber im Br\u00fcllgewitter h\u00e4ufig unter. Seit es soziale Netzwerke gibt, hat sich der Stammtisch zunehmend ins Internet verlagert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die digitale Lotion<\/strong><br>\nSocial Media hat vor allem zwei Funktionen: Selbstinszenierung und Selbstbest\u00e4tigung. Egal ob Facebook, Twitter, Google+ oder Xing, immer geht es darum, sich selbst gut zu verkaufen, ein Bild von sich entstehen zu lassen, das andere toll finden, um soziale Best\u00e4tigung zu finden. Schlie\u00dflich ist der Hunger nach \u00bblikes\u00ab und positiven Kommentaren unendlich gro\u00df. Schaut her: mein tolles Leben, mein tolles Kind, mein toller Lebenspartner und wie toll ich doch bin (Fotogalerie). Das unfreiwillig freiwillige Selbstmarketing von Millionen Facebook-Usern ist vor allem ein Zeichen f\u00fcr einen neurotisch-narzisstischen Industriezeitalter-Menschen, der sich nicht genug geliebt f\u00fchlt und der sich durch Lohnarbeit selbst entfremdet ist. Das atomisierte Leben, die von Politik und Wirtschaft gewollte Vereinzelung und Spaltung der Menschen, soll in sozialen Netzwerken durch millionenfache \u00bbzwischenmenschliche\u00ab Best\u00e4tigungen wieder aufgel\u00f6st werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soziale Netzwerke haben also weniger eine politische, als vielmehr eine emotional-psychologische Komponente. Sie fungieren weniger als eine digitale Revolution, denn als eine digitale Lotion. Sie schmieren und \u00f6len das eigene Selbstwertgef\u00fchl. Das ist, so meine These, auch der Grund f\u00fcr den weltweiten Erfolg von Facebook. Der Vernetzungsaspekt mag f\u00fcr viele zwar wichtig, kann aber nicht der Hauptgrund sein, sich jeden Tag stundenlang auf der Seite zu bewegen. Es ist eher ein <a href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2012\/die-grosse-kommunikationsluege\/\" target=\"_blank\">Kommunikations-Spielplatz<\/a> f\u00fcr Neurotiker. Da werden vermeintlich lustige Bilder, Videos und Kommentare millionenfach hin und her geschoben, immer in der stillen Hoffnung, damit Anerkennung (also ein \u00bbgef\u00e4llt mir\u00ab) von anderen Usern zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Herdentrieb<\/strong><br>\nIm Shitstorm-Mob bewegen sich h\u00e4ufig die gleichen Menschen, die sich t\u00e4glich vermeintlich lustige Tiervideos oder Babybilder \u00fcber Facebook zu schicken. Sie als hochgradig politisiert und damit als digitale B\u00fcrgerbewegung zu bezeichnen, halte ich f\u00fcr naiv. Es findet vielmehr eine Selbstinszenierung als Protestb\u00fcrger statt, ein \u00e4u\u00dferst bequemer obendrein. W\u00e4hrend man fr\u00fcher in einer politischen Partei oder Organisation, einem Verein oder in einer B\u00fcrgerinitiative regelm\u00e4\u00dfig aktiv war, auf Demonstrationen gegangen ist, Protestschreiben, ehrenamtliche Zeitungen oder Magazine produziert hat, Workshops, Seminare und Sitzblockaden veranstaltet hat, sich intensiv mit politischen und wirtschaftlichen Themen besch\u00e4ftigt hat \u2013 macht man heute nach Feierabend via smartphone einen Mausklick, schreibt vielleicht noch einen hochintellektuellen Einzeiler und bezeichnet sich anschlie\u00dfend als \u00bbWutb\u00fcrger\u00ab und \u00bbpolitisch aktiver Mensch\u00ab.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>...denn nichts ist beweglicher und wandelbarer als das Denken der Massen. Man kann es erleben, dass sie das, was sie gestern bejubelten, heute mit dem Bannfluch belegen [...] Das Endergebnis ist die v\u00f6llige Zerbr\u00f6ckelung aller Anschauungen und die wachsende Gleichg\u00fcltigkeit der Massen\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">- Gustave Le Bon, \u00bbPsychologie der Massen\u00ab, Nikol Verlag 2009, Originalausgabe von 1911, S. 141<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit und einem \u00bbdabei sein\u00ab \u2013 Gef\u00fchl ist heute sehr ausgepr\u00e4gt. In den Gro\u00dfst\u00e4dten sind fast die H\u00e4lfte aller Haushalte Ein-Personen-Haushalte, traditionelle Familienbilder und \u2011Vorstellungen erodieren und das Ideal des egoistischen Einzelk\u00e4mpfers, der nur seine Bed\u00fcrfnisse befriedigt sehen will, ist die heute gelebte dominante Ethik. Umso mehr steigt die bewusste und unbewusste Sehnsucht, nach einem Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, jedoch ohne direkte Zusagen oder Verbindlichkeiten eingehen zu m\u00fcssen. Lose B\u00fcnde quasi, die sich schnell wieder l\u00f6sen k\u00f6nnen. Dies zeigt sich bei Online-Spielen in den Gilden und Clans oder im Social Web regelm\u00e4\u00dfig&nbsp; beim Versterben prominenter Pers\u00f6nlichkeiten, wie beispielsweise bei Michael Jackson. Shitstorms speisen sich aus der gleichen Motivation heraus: kurzweiliges, gemeinsames motzen macht stark und geben ein gutes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fazit<\/strong><br>\nW\u00e4hrend Unternehmen fr\u00fcher den unzufriedenen Kunden mit einer Service-Hotline, die entweder st\u00e4ndig besetzt war oder nicht auf die Probleme des Kunden entsprechend eingegangen ist, abgespeist haben, machen sich viele Menschen heute im Social Web Luft. Dieses Frust-Ablassen kann schnell in einem Shitstorm ausarten. Viele Firmen nehmen das entweder nicht ernst genug, f\u00fchlen sich \u00fcberfordert oder haben schlicht keine Ahnung von der Eigendynamik der sozialen Netzwerke. Dennoch haben sie Angst vor der sich entwickelnden Aufmerksamkeits\u00f6konomie und einem ernsthaften Imageschaden. Wichtig ist hierbei, dass viele Online-Medien (BILD, SpiegelOnline etc.) mittlerweile gezielt versuchen, durch ihre Art der Aufmachung, der Bilderwahl usw., Shitstorms zu produzieren, um die Klickraten und damit die Werbeeinnahmen zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solange sich daraus jedoch keine massenhaft organisierten Konsumverzichte oder Proteste ergeben, sollte man das Ph\u00e4nomen aber auch nicht \u00fcberbewerten. In der Regel ist es eben mehr ein sehr kurzlebiges gemeinsames Auskotzen (wie z.B. der Twitter-\u00bbAufschrei\u00ab bei Rainer Br\u00fcderle), als eine politisch-wirtschaftliche fundierte Gesellschaftskritik, die echte Ver\u00e4nderungen an unserer Wirtschaftsordnung oder unserer Gesellschaft fordert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als \u00bbshitstorm\u00ab bezeichnet man eine massenhafte \u00f6ffentliche Entr\u00fcstung, die meist im Internet \u00fcber soziale Netzwerke (twitter, facebook etc.) stattfindet. In kurzer Zeit k\u00f6nnen sich so gro\u00dfe Emp\u00f6rungs- bzw. Entr\u00fcstungswellen entwickeln. 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