{"id":11880,"date":"2012-03-27T08:06:07","date_gmt":"2012-03-27T07:06:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/?p=11880"},"modified":"2012-03-23T19:06:19","modified_gmt":"2012-03-23T18:06:19","slug":"nutzklugheit-und-marktintelligenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2012\/nutzklugheit-und-marktintelligenz\/","title":{"rendered":"Nutzklugheit und Marktintelligenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wissen, Bildung und Intelligenz an sich sind im marktradikalen Deutschland wertlos. Es muss stets mit Eigennutz, Profitsteigerung und wirtschaftlicher Verwertbarkeit einhergehen. Klug ist, wer <a title=\"ZG\" href=\"https:\/\/www.zeitgeistlos.de\/zgblog\/2010\/marktintelligenz\/\">marktintelligent<\/a> handelt. Das bedeutet, sich gut zu verkaufen, viel zu verdienen oder ein gro\u00dfes Verm\u00f6gen zu besitzen, und sich \u00f6konomisch wertvolles Wissen anzueignen, dass pers\u00f6nliche Vorteile verspricht. Kinderg\u00e4rten, Schulen und Universit\u00e4ten sind Lehrfabriken, die Menschen markt- und arbeitsf\u00e4hig machen sollen. Weisheit, Aufkl\u00e4rung und pers\u00f6nliche Perspektiverweiterung dagegen, sind \u2013 jenseits einer Marktverwertung \u2013 unerw\u00fcnscht und l\u00e4stig.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon vor \u00fcber 40 Jahren hat die 68er-Bewegung diesen Zustand in aller Sch\u00e4rfe kritisiert. Heute ist der \u00d6konomisierungsprozess nicht nur auf die Bildungsinstitutionen beschr\u00e4nkt, sondern hat sich tief in die Lebenswelten der Menschen eingegraben. Ob bei Partnerb\u00f6rsen, Single- oder Pers\u00f6nlichkeitsm\u00e4rkten, ob in der <a title=\"ZG\" href=\"http:\/\/www.zeitgeistlos.de\/moralfinger\/liebe2.html\">Sprache der Liebe<\/a>, bei Beh\u00f6rden, beim Konsum oder in der Werbung \u2013 der materialistische Geld-Habitus beherrscht heute weitgehend die K\u00f6pfe der Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeitgeber-Lobbyisten Walter Eberle und Winfried Schlaffke (Deutsches Industrie-Institut K\u00f6ln) haben im Jahre 1972 auf die Vorw\u00fcrfe der 68er-Bewegung zum Thema Bildung geantwortet:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"dquo\">\u00bb<\/span>Eine zweckfreie Bildung, die nicht nach der Verwertbarkeit des Wissens fragt, ist \u00fcberhaupt keine Bildung, sondern nur ein elit\u00e4res, intellektuelles Planspiel geistiger Selbstbefriedigung in einem Elfenbeinturm.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">- Walter Eberle\/Winfried Schlaffke, \u00bbGesellschaftskritik von A\u2011Z\u00ab, Herderb\u00fccherei, 1972, S. 47<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissen ohne wirtschaftliche Verwertbarkeit ist also kein Wissen, sondern Gepl\u00e4nkel unter Intellektuellen. Damit wird Philosophie, Aufkl\u00e4rung, Kunst, Kultur und humanistisches Gedankengut als wertlos und \u00fcberfl\u00fcssig bezeichnet. Wissen hat sich nach der Umsetzung zu Geld zu richten. Das Traurige ist, dass es damals zumindest viele Studenten gab, die sich solch einer Auffassung widersetzt und sich f\u00fcr Aufkl\u00e4rung, alternatives Denken und humane Bildung eingesetzt haben; heute ist die wirtschaftliche Verwertbarkeit das zentrale Kriterium, an dem Ideen gemessen werden. Und das nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern leider auch in der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kapitalistische Bildungs- und Wissensverwertung wird heute von vielen als naturw\u00fcchsig und alternativlos erachtet. Intellektuellen-Bashing und die Abneigung gegen K\u00fcnstler, Kulturschaffende und Akademiker, die in erster Linie nicht ans Geld verdienen denken, ist gro\u00df in der Bev\u00f6lkerung. Das zeigt sich vor allem daran, dass Kunst, Kultur und Bildung stets nach einem marktwirtschaftlichen Kriterium gemessen werden: nur was Vorteile im Beruf verspricht oder womit man Geld \u00bbmachen kann\u00ab ist erstrebenswert, alles andere ist nur \u00bbGelaber\u00ab und \u00bbWichtigtuerei\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ferner ist heute die Aufkl\u00e4rung selbst zum Instrument der Herrschaft geworden, wie es Horkheimer und Adorno schon vor \u00fcber 50 Jahren formuliert haben. Bildung, Wissen und Aufkl\u00e4rung haben sich in einem streng vorgegebenen Rahmen zu bewegen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was dem Ma\u00df von Berechenbarkeit und N\u00fctzlichkeit sich nicht f\u00fcgen will, gilt der Aufkl\u00e4rung f\u00fcr verd\u00e4chtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">- Horkheimer\/Adorno, \u00bbDialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab, Fischer Verlag 1969, Originalausgabe: New York 1944, S. 12<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne die Philosophie der antiken Griechen,&nbsp; w\u00e4re die Wissenschaft als Ganzes nie so weit gekommen. Was w\u00e4re unsere Welt ohne K\u00fcnstler, Kulturschaffende und Philosophen, die in erster Linie einem Ideal bzw. einer Idee und eben nicht der \u00f6konomischen Nutzbarmachung gefolgt sind? Eine Gesellschaft, in welcher der Mensch im Mittelpunkt stehen soll und in der N\u00e4chstenliebe, Mitmenschlichkeit und Solidarit\u00e4t vorherrschen sollen, kann so nie entstehen. Wer nur daran denkt, alles irgendwie zu Geld zu machen, wird immer ein Sklave materialistischen Denkens sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung scheint f\u00fcr viele nie existiert zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissen, Bildung und Intelligenz an sich sind im marktradikalen Deutschland wertlos. Es muss stets mit Eigennutz, Profitsteigerung und wirtschaftlicher Verwertbarkeit einhergehen. Klug ist, wer marktintelligent handelt. 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