Neulich beim Friseur

Mehr als 1,5 Stunden hat man mich schmoren lassen. Ich hatte keinen Termin. Die Damen kamen auch nicht mal zwischendurch zu mir oder versuchten mich irgendwie zu beschwichtigen (»Ein Glas Wasser?« Oder: Es ist gleich soweit!«), nein, sie redeten überhaupt nicht mit mir. Nach über 90 Minuten habe ich den Laden wütend verlassen. Ein Kunde weniger. Ich gehe vielleicht 3–4 mal im Jahr zum Friseur. Und das sehen die Angestellten auch. Ich bin weder ein eitler Herr, der sich alle zwei Wochen seine Zwei Millimeter schneiden lässt, noch ein Vereinsamter, der ein nettes Schwätzchen mit jungen Damen halten will. Ich bin auch kein weibliches holdes Wesen, das sich für viel Geld die Haare machen lässt, weil das ja irgendwie wichtig sei.

Beim nächsten Laden musste ich zwar nur 30 Minuten warten, aber auch da sprach man mich gleich an: »Lange nicht mehr beim Frisör gewesen, he? (Hoa, Hoa)« — »Ja, ich bin Pragmatiker!« Das Gesicht hättet Ihr sehen sollen. Kein Selbstoptimierer und Selbstinszenierer, dem wir teuer Haarwachs, -Gel, -Shampoo, -Pflegespülung, Haarfarbe gegen die ersten grauen Haare oder sonstigen Mist andrehen können (alles schon erlebt!) und der dazu nur alle paar Monate vorbei kommen will? Was soll denn das? Da braucht man nicht übermäßig zuvorkommend sein. Selbst mit der bekloppten Bonuskarte verdienen wir nicht viel an dem. Warum dann noch freundlich sein?

First‐World‐Problem. Ich weiß.


»Neulich...«

»Sucht ist eine Krankheit...

...und keine Charakterschwäche!« Solange man gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch funktioniert, sind Drogen erlaubt und teilweise sogar erwünscht: Bierchen mit Kollegen, Kaffee als täglicher Wachmacher, »Smombie‐Kommunikation«, Aufputschmittel und so weiter. Im Zeitgeist der Eigenverantwortung, Selbstoptimierung und Selbstinszenierung, gilt die Sucht (materiell und immateriell) als Zeichen einer individuellen Schwäche und als Unfähigkeit zur Selbstdisziplin. Dabei ist die Sucht eine medizinisch anerkannte Krankheit. Eine Fehlsteuerung des Belohnungssystems, die im Gehirn nachgewiesen werden kann. Außerdem übernehmen Renten‐ und Sozialversicherungsträger die Behandlungskosten.

Ich stelle leider immer wieder fest, dass in beruflichen und/oder privaten Gesprächen und Diskussionen »Sucht« eben nicht als Krankheit akzeptiert wird. Der Süchtige sei nur schwach, unfähig und habe keinen Willen. Es ist insofern auch nicht verwunderlich, dass Süchtige ihre Krankheit zunehmend verheimlichen: sie wird als Solche eben nicht akzeptiert. Stattdessen werden Süchtige stigmatisiert und sozial verurteilt.


Ich. Bin. Krankheit.
Neusprech: Krankheit
»Jeder ist seines Krankheit Schmied!«

Nebenkriegsschauplätze

Liegt ein Punkt auf einer Geraden?

Die mediale Etablierung und Fokussierung auf gesellschaftspolitische Nebenkriegsschauplätze steht absolut im Zeitgeist. Hauptsache, es werden keine Eigentumsverhältnisse, keine geostrategischen Machtinteressen oder die neoliberale Wirtschaftsordnung thematisiert. Darüber spricht man nicht gern und wer das in irgendeiner Form öffentlich -und vor allem kritisch beleuchtet‐ ist wahlweise Populist, Verschwörungstheoretiker oder gar ein (verkappter) Antisemit. Fast jeder infantil‐banal‐idiotische Medienzirkus um jeden noch so nichtigen Schwachsinn, ist zur Ablenkung erlaubt und erwünscht. Nebenbei bringen vermeintliche Skandale, ganz im SEO‐Sinne, die so dringend benötigte Reichweite und Aufmerksamkeit, nach der die bürgerlichen Massenmedien so lechzen. Weiterlesen

Jenseits der Stille

Stille. Ruhe. Einsamkeit. Langeweile. Das sind die Übel der Wachstums‐ und Fortschrittsgläubigkeit. Unser neoliberales Wirtschaftssystem ist ohne ohrenbetäubendes Aufmerksamkeits‐Geheische (Smombies, Werbe‐Industrie, Social‐Media, TV, Radio, Web etc.) und den tosenden Lärm um Nichts, kaum denkbar. Alles ist immer und überall und sofort neu, frisch, cool, toll, lustig und muss gekauft und/oder verkonsumiert werden. Bedürfnisaufschub, Nachdenken oder mal kurz in sich ruhen, stören den reibungslosen Betriebsablauf.

Gerade in den Großstädten gibt es aktuell keine Rücksicht mehr auf das Lärm‐Empfinden oder das Stille‐Bedürfnis der Mitmenschen. Es wird gebrüllt, geschrien, getobt. Auf der Straße, aber vor allem auch in den Wohnungen. Smartphones werden laut gestellt, Baulärm tobt auf den Straßen, Musik auf allen Kanälen. Es scheint eine regelrechte Panik vor der Stille zu geben. Ständige mediale Berieselung oder das Dauer‐Gelaber um die sprichwörtliche heiße Luft sind die nervtötenden Begleiter unserer Zeit. Sie nennen es: Unterhaltung. Ich nenne es: Angst vor sich selbst.


Stille Selbstverfremdung
Mut zur Stille

Hauptsache Ich!

»Personalisierung bedeutet De‐Sozialisierung, also das Wegschneiden von sozialen Zusammenhängen.«
(Harald Welzer. »Die höchste Stufe der Zensur: Das Leben in der Ich‐Blase«. Blätter. Ausgabe Juli 2016. S. 70)

Seit einiger Zeit ist der immer weiter um sich greifende Narzissmus in immer mehr beruflichen und privaten Gesprächen zu beobachten. Eine egozentrische Wahrnehmung, die nur den eigenen Mikrokosmos kennt und kennen will. Da redet man beispielsweise über Filme, die politische Situation, den Immobilienmarkt, über berufliche Angelegenheiten, die Lebensmittelindustrie, die Massenmedien oder sonst irgendetwas, und dann gibt es (gefühlt) immer mehr Leute, die diese Themen nur als Brückenkopf begreifen, um über sich selbst sprechen zu können. Die Beziehungsebene auch einmal zu verlassen und sich auf die Sachebene zu begeben, scheint immer mehr Menschen sehr schwer zu fallen:

»Ja, also bei mir...«
»Ich finde ja...«
»Meine Erfahrung ist...«
»In meinem Leben...«
»Ich bin...Ich habe...«

Nein, verdammt noch mal! Es geht um die Sache und nicht um Dich, Du kleines Staubkorn! Wenn ich etwas von Dir wissen möchte, dann frage ich Dich auch direkt! Ja, wir alle sind Gefangene unseres Selbst und unserer Umgebung. Der Eigenverantwortungs‐ und Individualitäts‐Wahnsinn lässt wohl viele vergessen, dass es einen Kosmos außerhalb unserer Mikrowelt und unserer Gefühle gibt. Einen, der uns durchaus auch persönlich bereichern kann. Aber die Neugier sowie das Interesse an anderen Dingen -außer uns selbst‐ scheint in der digital‐narzisstisch‐neoliberalen Gesellschaft ziemlich verloren zu gehen. Kein Wunder, wenn jeder tagtäglich mit Selbstoptimierung und Selbstinszenierung beschäftigt ist. Macht mal einen Test: zählt mal in einem beruflichen oder privaten Gespräch, wie oft euer Gegenüber die Wörter »ich«, »mir« und »selbst« verwendet. ;)


Selbstoptimierung
Selbstentfremdung

Männlich. Weiß. Hetero.

Ich bin privilegiert und weiß es gar nicht. Ich werde wohl angeblich weniger diskriminiert. Generalisierte Vorwürfe und Anschuldigungen zählen nicht! Deshalb stehe ich in der Opferpyramide ganz unten. Ich habe meine Fresse zu halten! Mir habe es doch gut zu gehen! Ich dürfe nicht klagen, jammern oder mich diskriminiert fühlen! Beispielsweise wegen der Frauenquote, dem Sorge‐, Scheidungs‐ und Unterhaltsrecht in Deutschland oder, dass Männern (also auch mir) generell unterstellt wird, gewalttätig, gefühllos, notgeil und egoistisch zu sein. Ich bin männlich, weiß und heterosexuell. Ich gehöre zur Tätergruppe, sagen sie. Latente Männerfeindlichkeit im Gewand von linksgrüner, feministischer Komfortzonen‐Gender‐Ideologie. Das ist natürlich keine Diskriminierung. :NENE:

Genau! Und was machen wir gegen Krankheiten? Wir bekämpfen sie!

[»In diesem Beitrag verwende ich keinen Gender‐Gap (Unterstrich, z. B. in Schüler_innen), um Menschen, die sich als Frauen, Männer, Trans*-Personen, Inter*, gendernonconforming, genderqueer, twospirit, weder*-noch*, sowohl*-als auch*, als weder das eine noch das andere und als dazwischen definieren, direkt anzusprechen. Ich bitte untertänigst um Verzeihung!«]

Emanzipation

Über einen Deutschlandfunkkultur‐Podcast bin ich auf die Luxus‐Prostituierte Salomé Balthus aufmerksam geworden. Sie selbst sagt: »Was ich mit meinem Unterleib tue, entscheide ich selbst.« Für einen Großteil von radikalen Feministinnen sind Prostitution und Pornografie Frauen‐Unterdrückungs‐Maschinerien und gehören bekämpft. In ihrem Weltbild ist kein Platz für Frauen, die Spaß am Sex haben oder damit gar gerne ihr Geld verdienen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf und soll.

Nun wurde Salomé Balthus von Gunhild Mewes (»Kämpferin gegen die Vergewaltigungskultur«) »wegen Verbreitung pornografischer Schriften« angezeigt. Es sind eben nicht immer nur Männer, die per Generalverdacht sowieso alle Täter, Vergewaltiger und Unterdrücker -also stets schuldig sind‐ sondern auch selbstbewusste Frauen, die den radikalen Feministinnen nicht passen:

»Es ist genau dieser Stolz, die schamlose laszive Weiblichkeit, vor der alle die Angst haben, die Frauen lieber als Opfer sehen wollen. Lässt das nicht tief blicken? Steckt in diesem Opferbild nicht mehr Verachtung und Machtanspruch als in jedem schlüpfrigen Herrenwitz? Wie viel mehr fürchte ich den Neid der Frauen, als die Geilheit eines Mannes.«

Alle Männer, Porno‐Darstellerinnen und Sex‐Arbeiterinnen moralisch und rechtlich vor‐zu‐verurteilen, hat für mich nichts mit Emanzipation, Frauenbefreiung oder Feminismus zu tun, sondern mit einer menschenverachtenden, sexistischen Hetz‐ und Diskriminierungs‐Ideologie. Übrigens: Das Verfahren gegen Salomé Balthus wurde eingestellt.


Romantische Krawallchaotinnen
Die Spaltung der Geschlechter
Gender. Sex. Bullshit.

Integrität

»Integrität ist eine ethische Forderung des philosophischen Humanismus nach möglichst weitgehender Übereinstimmung zwischen den eigenen Idealen und Werten und der tatsächlichen Lebenspraxis« (wikipedia)

Ich bin ja für Flüchtlinge! Refugees Welcome! Aber an der Schule meiner Tochter soll der Migrationsanteil bitte nicht so hoch sein!

Ich bin ja gegen zu viele mediale Einflüsse meines Kindes, gegen Computer‐ und Konsolen‐Zockerei. Aber ich brauche ständig das neueste smartphone und es muss überall dabei sein!

Ich bin ja gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung. Auch die Wettbewerbs‐ und Leistungsgesellschaft gefällt mir nicht. Aber eine 3 in Mathe ist nicht gut und mein Kind sollte schon studieren!

Vorträge halten

Ob auf der Oberschule, in der Ausbildung, in der Universität oder auf einer Fortbildung: immer wenn es heißt, dass die Schüler in dem Fach ein Referat halten sollen, gibt es in der Regel genaue Vorgaben, in welcher Form das gemacht werden soll. Beispielsweise soll der Vortrag nicht länger als rund 20 Minuten sein. Wie oft mir in meinem bescheidenen Leben von Mitschülern und Mitstudenten stundenlang das Ohr abgekaut wurde, kann ich nicht mehr zählen. Wenn ich mir an einem Tag fünf Referate anhören muss und alle ihre Zeit gnadenlos überziehen, so eine Stunde und länger ihren Sermon vorne abliefern, dann bin ich fix und fertig. Nein, es hat absolut nichts mit Kompetenz oder Fachwissen zu tun, wenn man ganz besonders lange vorne herum schwätzt, nur um die meist anschließende Diskussion zu verkürzen.

Die Kunst besteht eben nicht darin, jedes Detail eines Textes wieder zu käuen (oder wikipedia durch‐zu‐zitieren), sondern das Wesentliche zu erkennen und auf den Punkt zu bringen. Fast überall im Berufsleben kommt es darauf an, den Kern in wenigen Worten zusammen zu fassen. Kaum ein Behördenmensch, Chef, Unternehmer, Kundenberater oder Geldgeber jedweder Form, möchte stundenlang zugetextet werden. Es ist eben kein Kavaliersdelikt, wenn man ganz besonders viel als Vortragender zu erzählen hat, sondern respektlos und egoistisch den Zuhörern gegenüber. Und sofern man als Zuhörer das Thema nicht absolut spannend findet, schaltet jeder nach 15 Minuten auf den Standby‐Modus. Inklusive des Dozenten.


»Aufmerksamkeit als Währung«