Nichts gelernt

»Jedes Schwanken, jedes Zögern ist ein Verrat am Vaterland! Es geht niemals um den Einzelnen, sondern immer nur um das Gesamte.«

»Im Westen Nichts Neues«, Netflix-Neuverfilmung 2022

Anmerkung: Kommt euch das nicht bekannt vor? Diese Rhetorik hören wir seit Jahren wieder überall. Das Kollektiv ist Alles. Der Einzelne ist Nichts. Sei es bei den »Corona-Maßnahmen«, beim Ukraine-Konflikt oder der Energie-Krise. Durchhalten. Zusammenstehen. Bloß nicht widersprechen oder aufbegehren! Individuelle Bedürfnisse seien »falsch verstandene Freiheiten«.

Der deutsche (Un-)Geist des devoten Kollektivismus degradiert regelmäßig die Würde des Menschen zur Verfügungsmasse von politischen Interessen. Menschenbild? Menschenrechte? Menschenwürde? War da mal was? Wir haben ganz offensichtlich nur wenig aus der Geschichte gelernt.

8 Gedanken zu “Nichts gelernt

  1. Als der westliche Teil Deutschlands die untergegangene DDR in seine Arme geschlossen hat, mussten wir dummen Ostdeutschen schmerzhaft lernen, dass das Kollektiv nicht das Wichtigste ist, sondern das Individuum. Ohne Kreativität und Tatkraft des Einzelnen... kann eine Gesellschaft sich nicht entwickeln, wurde uns gesagt. Im Kollektiv ist jeder einzelne nur ein hirnloses Schaaf, wurde uns gesagt.

    Ab sofort mussten wir als Einzelne denken und handeln, Kollektive hießen jetzt Teams. Wer den Ellenbogen nicht anwendete, ging darin unter. Das erklärt unter anderem auch die wenigen ostdeutschen Chefs.

    Jetz haben wir gelernt, nach »westlichem Vorbild« eigenständig zu denken und werden als Rechte beschimpft.

    Habe ich irgendeine Revolution verpasst?
    Ist die DDR zurück?
    War das von Beginn an Honeckers (und Merkels) Plan?

  2. Hallo Ruby,

    bei uns im Westen war und ist selber denken auch nicht erwünscht. »Überlass das denken den Pferden, die haben den größeren Kopf.« oder »Wenn du fürs denken bezahlt würdest, hättest du doch eine höhere Lohngruppe, meinst du nicht?«.
    Das sind alte Sprüche, die ich seit 25 Jahren in der Fertigung zu hören bekomme.
    Gedanken durfte man sich nur darüber machen, wie man die Produktivität erhöhen und Mitarbeiter überflüssig machen konnte.

    Die »Teams« wurden bei uns auch vor ungefähr 20 oder 25 Jahren eingeführt. Waren anfangs in einer Schicht 10 Leute eingeteilt, so waren es später nur noch 6–7. »Ihr müßt halt besser zusammen arbeiten. Ihr seit jetzt ein Team.« Rentner oder Sterbefälle wurden nicht ersetzt. Angepasste Arschlecker und Ja-Sager wurden vom Meister behalten. Leute mit eigener Meinung (die z.B. nicht für die Faulpelze mitarbeiten wollten) wurden weg gegeben. Team steht nicht umsonst umgangssprachlich für »Toll, ein anderer macht’s.«

    Nach »westlichem Vorbild« denken gibt es nicht. Nicht mal bei uns im Westen. Die Unten sollen einfach nur widerspruchslos gehorchen. Die Oben sagen was gemacht werden soll. Bist du skrupellos genug, kannst du im begrenzten Rahmen die Leiter nach oben aufsteigen. Daß man euch jetzt für von der Regierung abweichende Meinungen als Nazis beschimpft, hat auch nichts mit West/Ost zu tun. Die wenigen Demonstranten hier im Westen werden auch so tituliert. Ihr im Osten hört vermutlich nichts von den wenigen Demos hier, weil sie so vernachlässigbar winzig sind. Und wir im Westen hören nichts von den größeren Demos bei euch, damit die Leute hier nicht plötzlich auch massiv auf die Straße gehen.
    Lediglich in den Alternativmedien höre ich was darüber.
    Oder wenn die öffentlich-rechtlichen Qualitätsmedien euch in ultrakomischen Satiresendungen mal wieder als geistig zurückgebliebene Halbgeschwister verarschen.

    Eine Revolution hast du nicht verpasst. Eher eine schleichende Degeneration. Und die DDR ist auch nicht wieder zurück. Nur ihre Methoden.

  3. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht soll Ende 2022 auslaufen. Das war mehr als überfällig. Die Tagesschau berichtet:

    »Die Grundlage für die Teil-Impfpflicht sei bei einer mehr oder weniger komplett immunevasiven Variante nicht mehr gegeben. Das Auslaufen wird also medizinisch begründet, weil die neue Variante ersten Erkenntnissen zufolge stärker der Immunabwehr entgeht.«

    »Mehr« oder »weniger« oder »komplett«? Hä?

    »Der Deutsche Pflegerat sprach von einer Zweiklassengesellschaft bei der Bewältigung der Corona-Pandemie. Wenn Impfpflicht, dann für die gesamte Gesellschaft, so die Pflegerats-Präsidentin Christine Vogler.«

    Also die einrichtungsbezogene Impfpflicht bringt nichts mehr, weil angeblich eine »immunevasive Variante« kursiert — aber sie wäre ok, wenn es eine allgemeine Impfpflicht geben würde? Hä?

    Bis heute dürfen in manchen Krankenhäusern und Kliniken, Menschen mit Corona arbeiten (weil Personalmangel), aber ungeimpfte Menschen werden schikaniert und mit Bußgeldern bedroht oder gar vor die Tür gesetzt.

    Die einrichtungsbezogene sowie die allgemeine Impfpflicht, waren von Anfang an, nicht nur juristisch und ethisch mehr als fragwürdig, sondern auch medizinisch.

    Wie viele Pflegekräfte wohl dadurch vergrault wurden? Wie viele Jugendliche deshalb diesen Beruf nicht ergreifen wollten? Und für wie viel Unfrieden und Unmut diese Impfpflicht in den Krankenhäusern und Kliniken gesorgt hat? Das alles wollen unsere Mainstream-Medien lieber nicht so genau wissen.

  4. @Ruby

    Das Problem entsteht immer dann, wenn »Egoismus« (neoliberal definiert) oder »Eigenverantwortung« (nicht zu verwechseln mit »Selbstbestimmung«) sowie »Gemeinsinn« oder »kollektives Denken« (Corona-Maßnahmen) von der Politik vorgegeben werden.

    Die Mütter und Väter der Menschenrechte haben übrigens nicht umsonst von »universellen Menschenrechten« gesprochen.

  5. »falsch verstandene Freiheiten«

    Das ist mal wirklich schlaue Propaganda. Wie kann man Freiheit falsch verstehen?

    Meinungsfreiheit z.B. ist die Freiheit, den Leuten Sachen sagen zu können, die sie nicht hören wollen. Wenn man jetzt nicht deren Meinung nachbetet, sondern Einspruch einlegt, dann ist das »falsch verstandene Freiheit«? Das wäre das Ende der (Meinungs-)Freiheit.

    Es ist die Propaganda eine Diktatur, die sich wie jede den Anstrich einer freiheitlichen Demokratie gibt: »Du bist frei und jetzt tu, was ich sage!«

  6. @uepsilonniks

    Da wären wir wohl wieder im Gefilde der Sprachregelung mit Wortgewichtungen, wie man sie braucht. Wenn »insolvent« zu hart klingt, sagt man halt lieber »produziert nichts mehr«, und schon hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Oder »Sondervermögen« (ganz großes Wortverdrehungskino). Was die »falsch verstandenen Freiheiten« betrifft, wird wohl alles wortverdreht werden müssen, was schwer in der Waagschale liegt, also muss man die Bedeutung von gewichtigen Werten herunterspielen.

    Corona zeigte, was da schon lange in ihnen schlummerte, nämlich dass sie vorher schon nicht frei waren, wenn sie Masken und sonstige Pflichten nicht als Einschränkung verstanden. Die hatten und haben wohl tatsächlich geglaubt, dass Freiheiten gewissen Bedingungen unterliegen.

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