Lehrer‐Bashing

Es ist mittlerweile zum Volkssport geworden und dauert keine 10 Minuten mehr, wenn über Schule geredet wird: Lehrer‐Bashing. Es klammert (wie so oft) jedwede strukturelle Problematik komplett aus: »schuld sind die Lehrer!« Darin sind sich alle einig. Sie sind die Prügelknaben der Nation. Gleichzeitig wundern sich alle, warum es bundesweit so einen Lehrermangel gibt? Die Bezahlung ist doch vergleichsweise solide? Na gut, Kinder können ein wenig Kraft kosten, aber das bekommt man doch irgendwie hin, oder?

Das Problem sind jedoch nicht die Kinder, sondern die Eltern! Ich kenne und lebe -als Pädagoge der täglich in einer Grundschulklasse arbeitet und gleichzeitig als Vater auf Elternabenden auftritt‐ beide Perspektiven. Am Ende sind es für mich meist die Eltern, die mit Hysterie, Propellerkreisen, überzogener Anspruchshaltung, Gerüchten, Vorwurfssprache, Selbstoptimierungs‐, Wettbewerbs‐ und Konkurrenzdenken sowie mangelnder Kooperationsbereitschaft, das System Schule zu einer anstrengenden Veranstaltung machen. Waren früher die Kinder für ihre Leistungen selbst verantwortlich, stürmen heute die Eltern die Lehrerzimmer: »Warum hat mein Kind eine fünf bekommen?«

Fremdreflexion
Ich habe in den letzten Jahren mehr als 30 Fälle erlebt, die absurd, albern, lächerlich, aber vor allem immer zielgerichtet von Eltern gegen die Lehrer geht. Da wollen Muttis auf Elternabenden, der Lehrerin sagen, wie sie ihren Unterricht doch besser gestalten können, da werden Lehrer täglich mit E‐Mails wegen infantilen Banalitäten zugebombt, da wird sich an Absprachen nicht gehalten, Lehrer und Pädagogen frech ins Gesicht gelogen (und generell für dumm gehalten!) und da wird die Lehrerin aufgefordert, für eine Schönschrift ihres Sohnes zu sorgen. Allein meine Anekdoten und die meiner Kolleginnen sind hier endlos lang. Findet jedoch die Wahl zum Elternvertreter statt oder werden helfende Hände für das Schulfest gesucht, wird es meist gespenstisch still. Es wird sich peinlich weggeduckt, bis sich jemand erbarmen muss, weil die Lehrerinnen unmissverständlich klarmachen, dass es ohne nicht geht. Verantwortung wird hier häufig gerne delegiert, aber ungern übernommen.

»In den USA quittieren jedes Jahr ca. 500.000 Lehrkräfte ihren Dienst. 40 bis 50 Prozent derjenigen, die schon in den ersten fünf Jahren ausscheiden, geben den Umgang mit Eltern als Hauptgrund an.« (Harvate Graduate School Survey, 2005.)

Da gibt es die gefürchteten Helikopter‐Eltern, die Drückeberger, Egomanen, Prinzen‐Eltern, die Bildungspanischen, Missionare und »Submarines«, Eltern die überall abtauchen. Die Erziehungs‐ und Bildungspartnerschaften zwischen Kindern, Lehrerinnen und Eltern sind zwar immer von den jeweiligen Charakteren, den Kommunikationsfähigkeiten, der gegenseitigen Wertschätzung sowie von ihren Befindlichkeiten geprägt, aber es gibt auch allgemeine Tendenzen, die immer stärker zunehmen. Beispielsweise das Auslagern (»Outsourcing«) von emotionaler, kognitiver und motorischer Erziehung und Bildung, an Kindergarten, Schule, Therapeuten, Ärzten, Hausaufgabenhilfen, Nachmittagsbetreuung/Hort und so weiter.

Gemeinsam Einsam
Es wäre ja zu begrüßen, wenn sich Eltern gemeinsam gegen das Ausgrenzungs‐System Schule mit seinem völlig überzogenen und realitätsfremden Rahmenlehrplan, seiner Leistungsorientierung sowie seinem Wettbewerbs‐ und Konkurrenzdenken, solidarisieren würden. Wenn sie sich mit Elternvertretern, Lehrern, Pädagogen und Gewerkschaftern verbünden, um gegen die Unterfinanzierung zu protestieren und zu demonstrieren. Wenn sie öffentlichkeitswirksame Aktionen gegen den Sozial‐ und Bildungsabbau planen, organisieren und mit durchführen würden. Das gibt es auch. Aber eben leider nur im Promillebereich. Stattdessen hocken sie in aller Regel in ihrer Komfortzone und gehen der neoliberalen Eigenverantwortungs‐Rhetorik voll auf den Leim: »Du bist schuld!«


Unter Muttis
Der pädagogische Happen
Kinder in Deutschland; Teil 40: Erzieher. Lehrer. Eltern.

5 Gedanken zu “Lehrer‐Bashing

  1. Moin,
    auch »Frau Müller muss weg« S. Wortmann und »Der Gott des Gemetzels« R. Polanski geben schöne Einblicke in die Psyche der Protagonisten.
    Nun ja, man könnte auch sagen um ein Fahrzeug im öffentl. Verkehr zu bewegen benötigt man zumindest eine Prüfung/Fahrerlaubnis beim Kinderbekommen sieht es anders aus, aber auch mit Fleppe bin ich noch kein meisterhafter Autofahrer.
    Am Ende stehen beide Fraktionen vor der Challange die das System für beide bereithält, ein Miteinander findet nahezu nicht statt, so das zum Schluss die Kinder so werden, wie sie werden. Ein selbst verstärkendes System.

  2. Meine Freundin ist auch Grundschullehrerin. Nun, wenn die Eltern schon schlimm sind, dann übertreffen die Vorgesetzten diese manchmal noch bei weitem. Rektoren, die sich wie Mini‐Napoleons aufführen, Schulräte, denen die Gesundheit der Lehrer egal ist und Behörden, die heutige Lehrer mit einem Wust an Vorschriften belasten. Das alles macht den Lehrerberuf heute schwer.
    Meine Freundin hat inzwischen Ärger mit der obersten Regierungsbehörde, weil sie es gewagt hat, eine Mutter zu widersprechen! Ihr wurde von oberster Stelle Illoyalität vorgeworfen! Die Rektorin stellte sich hinter die Mutter! Inzwischen darf sie ihre Klasse nicht mehr führen und wurde zu Vorbereitungskursen abgeordnet.
    Wirklich schaden tut die Kooperation zwischen Eltern und Leitungen, denn beide zusammen können das Leben eines Lehrers zur Hölle machen. Meiner Meinung nach ist es die vornehmste Aufgabe von Führungskräften, denen Untergebenen den Weg frei zu machen und sie von allen unnötigen Aufgaben zu entlasten. Leider ist es heute oft umgekehrt.

  3. , »Die Sindy hat aber Doofmann zu meinem Kleinen gesagt. Wo ist hier das Antragsformular für die Todesstrafe?«
    .»Mein Kind ist hochbegabt und Bedarf einer gesonderten Förderung!« »Nein, liebe Eltern! Sie sind nur sehr, sehr dumm!«

  4. @Gerhard

    Die Struktur vieler Schulen zeigt deutlich, wie weit es mit der hochgelobten »Partizipation« und »Wertevermittlung« wirklich her ist. Die Schuldirektoren herrschen häufig sehr feudalistisch. Und da kenne ich alle möglichen Formen von persönlichen Befindlichkeiten und Charakteren. In allen möglichen Richtungen. Vom Schlaffi, der sich alles gefallen lässt, bis zum Tyrannen, ist da alles dabei. Dem muss sich dann alles unterordnen. Daraus entsteht nicht selten ein ziemlicher Affenzirkus. Natürlich nur »intern«. Nach außen wird immer gute Miene gespielt, denn der »Ruf« der Schulen ist ihre wichtigste Währung.

  5. Vor allen Dingen vergessen diese Art von Eltern auch wie viel in dem Sektor inzwischen auch mit sogenannten »Quereinsteigern« aufgefüllt wird. Leute, denen man eine Lehrertätigkeit zumutet, die aber keinen Abschluss in Pädagogik in irgendeiner Art und Weise haben — und die sollen dann aus Kindern, die auch mal nicht kooperationswillig sein können, ihre gewünschten Intelligenzbestien machen, die mal 5 große Scheine als Erwachsene nach Hause bringen.
    Das muss zwangsläufig in die Hose gehen. Mit Kindern zu arbeiten, geschweigedenn denen was beizubringen, das schüttelt man nicht mal einfach so nebenbei aus dem Ärmel.

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