Filmtipp: »Parasite«

Der südkoreanische Spielfilm von Bong Joon‐ho aus dem Jahr 2019, ist sicher kein Geheimtipp mehr. Schließlich hat er eine Fülle an Auszeichnungen und insgesamt vier Oscars abgeräumt. Viele bezeichnen ihn als Beitrag zum Klassenkampf oder als verschnörkelte Kapitalismuskritik. Das wird dem Film aber nur in Teilen gerecht. Denn er erzählt und visualisiert auf vielen (Meta-)Ebenen, durch die Bildsprache sowie im Subtext, was Erich Fromm schon im Jahr 1976 mit »Haben oder Sein« verdeutlichen wollte. Achtung Spoiler!

Haben oder Sein
Es ist der Habitus des Habens und der Scheinidentität, die primär das Leben mit dem finanziellen Reichtum ausmachen. Denn da existenzielle Sorgen und Nöte nicht mehr vorhanden sind, gibt es vor allem Alibi‐Probleme und Scheinkonflikte, um sich irgendwie lebendig zu fühlen. Eigene Interessen und Leidenschaften, die intrinsisch motiviert sind, gibt es kaum. Stattdessen dreht sich alles um die Aufrechterhaltung des Scheins und des Habens.  So sorgt sich die reiche Mutter um ein vermeintlich unaufgearbeitetes Trauma ihres Sohnes, was aber in Wahrheit eine völlig unaufgeregte normale kindliche Entwicklung ist. Die Kinder sind hier generell -aber das dürfte auch in Deutschlands Mittelschicht weit verbreitet sein‐ elterliche Projektionsfläche und Status Symbol. Objekte, die zum eigenen Nutzen und Vorteil zurechtgebogen und geformt werden.

Scheinwelt
Die Klarinette der Scheinwelt der Reichen, spielen die vier Charaktere aus der arbeitslosen Familie hervorragend mit. Sie halten dem finanziell sehr vermögenden Zuschauer unbarmherzig den Spiegel vor. Es ist ein ähnliches Prinzip wie in Fachkreisen von Mathematik, Jura oder Informatik: wer die Fachsprache beherrscht, kann hervorragend blenden und täuschen. Wer sich gut verkaufen und inszenieren kann (»Selbstmarketing«), muss heutzutage auch nicht viel können. Wer dazu noch »Vitamin B« vorweisen kann, kommt überall rein. Es ist kein Zufall, dass alle Familienmitglieder erst durch die Empfehlungen der Anderen eingestellt werden. Als bei der ersten »Bewerbung«, noch mühsam ein Zeugnis der Hochschule gefälscht wurde, sagt die reiche Mutter, dass sie die Dokumente gar nicht benötige und die Empfehlung völlig genügen würde. Das neoliberale Leistungsgequatsche wird damit fein säuberlich zerlegt (siehe auch: »Plagiate«).

Geruch der Armut
Aber egal, wie gut man das Spiel der Reichen mit spielt, am Ende bleibt immer der eigene Geruch der Armut. Es gibt mehrere Szenen im Film, die das zeigen und verdeutlichen. Wer in Armut aufwächst, hat einen Makel, eine Narbe oder ein Stigma, dass er nie wieder los wird. Die Reichen bemerken ihn irgendwann und versichern sich somit ihrer eigenen sozialen Überlegenheit. Der Film betont in wunderbarer Weise, dass es nicht zwingend immer nur eine Geldfrage ist, was Armut und Reichtum voneinander trennt. Es geht um Achtung, Würde und Respekt, die den finanziell Armen eher selten entgegengebracht wird. So bekommt der Hauptprotagonist am Anfang des Filmes einen »Stein des Wohlstandes« geschenkt, der sprichwörtlich verdeutlicht: zu Wohlstand kommen heißt, die Armen kämpfen untereinander um die Brotkrumen der Reichen.


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8 Gedanken zu “Filmtipp: »Parasite«

  1. Der Film ist anfangs nicht schlecht und teilweise sogar echt komisch, aber die plötzliche Wandlung des Vaters trotz des Geruches zum Mörder ist für mich kaum nachvollziehbar und vor allem das Ende des Filmes mit der Erfüllung des kapitalistischen Traums ist alles andere als befriedigend.
    Ich war am Ende doch sehr enttäuscht

  2. @Publicviewer

    Der Genre‐Mix (Komödie, Thriller, Krimi, Sozialstudie etc.) macht den Film einerseits zu etwas Besonderem, ist andererseits auch nicht immer so passend.

    Es ist eben kein Hollywood‐Film. Ich merke es selbst, wenn ich mal einen französischen, asiatischen oder lateinameriaknischen Film sehe, wie sehr ich schon auf Hollywood konditioniert wurde, was Dramaturgie, Dialoge, Bildsprache und so weiter angeht. Man muss sich darauf einlassen und die eigenen Erwartungen hinterfragen.

    SPOILER: Ich konnte die Wandlung des Vaters durchaus nachvollziehen. Ihm wurde Geringschätzung und Verachtung entgegengebracht (»Geruch«) und keinerlei Mitgefühl. Stattdessen sollte er die »Grenzen« der Reichen beachten. Er wurde benutzt. Selbst als seine Tochter tot am Boden liegt, hat der reiche Typ keine Empathie gezeigt, er sollte stattdessen seinen ohnmächtigen Sohn ins Krankenhaus fahren. Da hat er im Affekt gehandelt und wurde zum Mörder.

  3. Ja, gut geht noch gerade so durch, aber der ganze Schluss ist m.E. hanebüchener Schwachsinn und auch absolut unpassend.

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