whataboutism

In der Politikwissenschaft gibt es eine wissenschaftlich anerkannte und weitverbreitete Methode: die Komparatistik oder vergleichende Politikfeldanalyse. In allen Bereichen von der politischen Theorie, der Wahlforschung, der politischen Systeme, der Medien‐, Bildungs‐ oder Umweltpolitik bis zur internationalen Politik, spielt der analytische Vergleich eine immanent wichtige Rolle. Wer aber nun Strukturen, Berichterstattungen, Wertungen, Präsidenten, Regierungsformen oder politische Fakten miteinander vergleicht, die nicht in das eigene ideologische Narrativ und/oder Wertesystem passen bzw. über die man einfach nicht sprechen will, dem wird als Totschlagargument »whataboutism« vorgeworfen.

Mentaler Stacheldraht
Inhaltliche Auseinandersetzungen mit eher unbequemen Themen sollen und werden mit dem whataboutism‐Vorwurf so unmöglich gemacht. Es wäre ja nachvollziehbar, wenn die Unwissenschaftlichkeit kritisiert werden würde, da die Komparatistik einige Methoden bereithält, um möglichst wertfreie Analysen machen zu können, aber eben dies passiert nicht. Es scheint nicht darum zu gehen, Vergleiche sachlich und/oder wisenschaftlich aufzubereiten, sondern sie komplett zu verbieten. Geistiges Sperrgebiet. Tabuzone. Denkverbot.

»Nicht nur in Politdebatten und Talkshows erlebt der Whataboutismus sein Comeback. Mittlerweile ist er auch im Internet nerviger Alltag und versaut die Stimmung in Kommentarspalten und auf Facebook.«

Enno Park auf deutschlandfunkkultur.de vom 27. April 2017

Vergleiche sind für mich auch keine »Lähmung der Kritik« wie es der geschätzte Kollege Roberto J. De Lapuente einmal formuliert hat, sondern die Entlarvung von Bigotterie und Doppelmoral. Natürlich darf, soll und muss man Trump kritisieren können! Gleichzeitig darf, soll und muss man aber auch darauf verweisen können, dass Trump eben kein Einzelfall ist und das die Strukturen (Tiefer Staat, militärisch‐industrieller‐Medien‐Komplex, Finanzindustrie, Konzernmacht etc.) die eigentlichen Probleme sind. Wir sollten nicht der Personalisierungsfalle auf den Leim gehen, indem man sich an einer Person abarbeitet und die tatsächlichen Ursachen nicht thematisiert.

Putin. Trump. Wutbürger.
Interessant ist, wem hier was wieder einmal denn genau vorgeworfen wird? Whatboutism soll -laut wikipedia- eine rhetorische Propaganda‐Methode der Sowjetunion gewesen sein. Sie soll verharmlosend und relativierend agieren. Und wer soll heute whataboutism vor allem verwenden? Trump, Putin und die »Wutbürger«.  Bei welchen Themen soll whataboutism in den sozialen Netzwerken angeblich benutzt werden? Finanzindustrie. Banken. Ukraine‐Konflikt. Gefangenenlager Guantanamo Bay. Angriffskriege der USA. Klima. Israel‐Palästina‐Konflikt. Feminismus. Also die üblichen Themen der üblen Populisten und gemeinen Verschwörungstheoretiker.

Vergleiche, die sich verbitten und verbieten, weil sie das eigene Wertesystem hinterfragen, Perspektivwechsel erzwingen, Doppelmoral aufzeigen oder Denkverbote berühren, sind unter anderem:

    • Demonstranten in China, Iran oder Russland sind Demokraten, die für die Freiheit und für Menschenrechte kämpfen. Demonstranten in Deutschland sind gewaltbereite Chaoten, die randalieren und den Verkehr blockieren.

    • USA, Frankreich, Großbritannien, Israel, Indien, Pakistan, China und Russland dürfen Atomwaffen besitzen. Iran und Nordkorea nicht. Warum eigentlich?

    • Der Völkermord der Türkei an den Armeniern ist immer wieder ein öffentliches und politisches Thema (wie erst zuletzt). Die millionenfachen Massaker von Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien und vielen anderen in ihren weltweiten Kolonien, werden bis heute kaum thematisiert.

    • Der Antisemitismus wird verurteilt und bekämpft. Der Antiislamismus und Antirussismus wird gefördert.

    • Mit Deniz Yücel gab es eine große mediale, politische und öffentliche Solidarität. Bei dem Investigativ‐Journalisten Julian Assange, der Kriegsverbrechen aufgedeckt hat, wurde es sehr still.

    • Während die USA dutzende internationale Abkommen nicht unterschrieben und nicht umgesetzt haben, sollen sich jedoch andere Staaten verbindlich -mit Sanktionsandrohung‐ an diese Verträge halten.

Es ist doch so: natürlich kann, soll und muss man sich beispielsweise über die Demokratiedefizite in China und Russland sachlich und kritisch unterhalten können. Wenn aber gleichzeitig die Demokratiedefizite in den USA nur ungern oder gar nicht thematisiert werden (oder nur alles auf die Person Trump abgewälzt wird), riecht das Ganze nach transatlantischen NATO‐Medien. Der whataboutism‐Vorwurf reiht sich so in die übliche Diskurs‐Herrschaftsmethode (Populismus, Verschwörungstheorie, sekundärer Antisemitismus etc.) ein, um Doppelmoral, Bigotterie und Heuchelei unter den Teppich zu kehren.


Kultivierte Doppelmoral
»Wir sind nicht die Guten!«

2 Gedanken zu “whataboutism

  1. Ob das allein nur eine Propaganda‐Methode in der Sowjetunion war...
    Dafür ist es heutzutage im Gesellschaftsaktivismus, dessen geistige Ursprünge in Übersee liegen, auch sehr gut verbreitet.

  2. das Hobby der ausgefressene dicken Wohlstandbürger.
    Langweile, rülpsen und pupsen sie vor dem Bildungskanal
    Fratzenbuch ( Kloaka Maxima), Bild und ihrem meist geringen
    Verstand und das totale Fehlen von Begabung, Ideen, Wille
    und Kreativität, erzeug dann diese « Leere«.

    Die sind DOA. wobei das DOA schon vor der Geburt lag.

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