Neusprech: »Bedauerlicher Einzelfall«

»Ich bin nur ein Einzelfall!«

»Nur Einzelfälle? Die lange Liste rechter Ausrutscher.«

(derstandard.at vom 21. November 2018)

»Dass Mietzahlungen bereits wegen geringer Überschreitungen der angemessenen Miete gekürzt werden, ist in Essen leider kein Einzelfall.«

(hartz4-essen.info vom 27. Februar 2018)

Kinder‐ und Altersarmut
Obdachlosigkeit
ALG2‐Willkür
Völkerrechtswidrige Angriffskriege
NATO‐Journalismus
Explodierende Mieten
Soziale Ängste
Landraub
Korrupte Politiker
Depressionen
Hungertote
Kriminelle Banken
Prekäre Arbeitsverhältnisse
Plastikmeere
Missbrauchsfälle bei der katholischen Kirche
Steuerhinterziehung
...

Das alles sind leider »bedauerliche Einzelfälle«. Dahinter steckt kein System! Es gibt keine Gesetze, Rahmenbedingungen, Mechanismen und/oder Strukturen, die bestimmte Verhaltens‐ und/oder Handlungsweisen hervorrufen. Es gibt nur die »Eigenverantwortung«. :JAJA:


Neusprech
Einzelfalltheorie

4 Gedanken zu “Neusprech: »Bedauerlicher Einzelfall«

  1. »Eigenverantwortung« gibt es in den Positionen schon.
    Allerdings scheint es das System, sobald man da erst einmal auf der administrativen Seite drin ist, eine gute Bandbreite von Möglichkeiten anzubieten, mit deren Hilfe man sich wie ein Arschloch benehmen kann, wenn man dazu Lust hat. Auf die Pfoten gehauen wird tendenziell scheinbar eher, wenn man seinen Job ordentlich macht ( = gemäß dem Gesetz, auch für den Bittsteller, wenn dieser im Recht ist).

    Wenn man es mal überspitzt ausdrücken soll: Das ist wohl wahrscheinliche das Einzige, was im Deutschland der heutigen Tage aus Preußen geblieben ist — Staatsdiener sind Heilige, die niemals nicht irren können. Die sind pauschal was besseres als der gemeine Bürger und wissen alles besser, der Bürger ist dumm wie Brot. Darum gilt deren Wort automatisch mehr und der Bürger hat sich gefälligst nicht zu wehren zu fügen. Auch wenn der Staatsdiener mal zum Mensch mutiert und egoistische Ziele verfolgt oder den Egoismus des Staates praktiziert (welche beide weder durch Position noch Rechtsvorschrift gedeckt sind).

  2. Das klingt ja so, als ob die Privatwirtschaft überhaupt keine Verantwortung trägt. Typisch neoliberal bürgerliche Sichtweise: Der böse Staatsdiener war’s!
    Was ist mit den Konzernen, die sich’s richten wie sie’s brauchen? Was ist mit deren Systemerhaltern in Medien, Wissenschaft, Kunst & Kultur? Alles Staatsdiener?
    Die Kurzsichtigkeit des bürgerlichen Lagers ist legendär. Aber so kurzsichtig — das macht @matrixmann zu etwas ganz besonderem.

  3. @Musil

    Zunächst sehe ich Staat und Konzerne nicht als aktiven Akteure. Der Schein trügt. Sie können es nicht sein, weil sie nur Gedankenkonstruktionen / Gesetzeskonstruktionen, Ideen abbilden. Staat und Konzerne tragen deshalb keine Eigenverantwortung. Handelnde Akteure sind immer Menschen. Ebenso in den Konzernen. Manager genauso wie »Staatsdiener« und Mitarbeiter wie Untertanen.
    Beide Strukturen sind streng hierarchisch und basieren auf uraltem, mechanistischem Denken, dem Patriarchat (Vaterherrschaft). Solche Strukturen begünstigen eindeutig das sogenannte »Arschlochverhalten«. Gleichzeitig sind sie notwendig, um eine Gesellschaft auf der Basis von »mein Gewinn ist Dein Verlust«, was nicht auf einem Naturgesetz, sondern auf Ökonomie und Tauschhandel(smythos) beruht, zu legitimieren und durchzusetzen.

    Stabilität erhalten solche Systeme dadurch, dass die meisten Menschen Opportunisten sind. Das kann man auch in vielen Fällen an sich selbst überprüfen. Eine der wichtigsten Überlebensstrategien der Natur ist die Anpassung. Das gilt auch für Menschen. Erziehung, Bildung, Medien, Politik und Kultur spielen dabei eine bedeutende Rolle, wobei auch hier handelnde Akteure Menschen sind. Sie machen aus Menschen Bürger und aus Menschenrecht Bürgerrecht. Leider fallen den meisten Menschen die Unterschiede nicht auf. Sie werden nicht breit in der Öffentlichkeit besprochen. Sie werden nicht gelehrt.

    Wer Eigenverantwortung übernimmt, also selbstbestimmt leben will, darf dies heute nur in den Grenzen vom hierarchischen System. Die Grenzen aufzuzeigen, zu verteidigen und neue zu ziehen ist die Aufgabe von »Staatsdienern« und Managern.

    Ich bin da ganz bei @matrixmann. Das hat rein gar nichts mit »neoliberal« oder »bürgerlich« zu tun. Es gibt einfach keine menschenwürdige/humanistische Ausbeutung, keinen menschenwürdigen/humanistischen Kapitalismus.

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