»Karriere? Ohne mich!«

Ab einem gewissen Alter scheint es für viele Leute kaum ein anderes Thema als Lohnarbeit, Geld, Konsum und Geldvermehrung zu geben. Hobbys, Leidenschaften oder andere — eben nicht familiäre Interessen‐ werden immer seltener in Gesprächsrunden thematisiert. So wurde ich vor kurzem beispielsweise von unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und an unterschiedlichen Orten gefragt, ob ich nicht Karriere machen wolle? Ob ich nicht eine Leitungsposition anstreben, Vollzeit arbeiten, den bestbezahlten Job in der Branche suchen (in Berlin ist das im sozialen Bereich vor allem der öffentliche Dienst) und ob ich nicht etliche Fortbildungen machen wollen würde, um meinen Marktwert zu steigern?

Ich antwortete auf alle Fragen ohne groß zu zögern mit einem klaren »Nein«. Ich soll mich 40–50std/Woche bis zur chronischen Krankheit kaputt schuften, kaum mehr Zeit für Familie, Freunde, Leidenschaften und Hobbys mehr haben, ständig körperlich und geistig erschöpft sein, mich selbst entfremden und das alles eben nur für Geld? Geld. Geld. Geld. Solange die existenziellen Bedürfnisse gedeckt sind und ein kleines Taschengeld übrig bleibt, brauch und will ich nicht mehr lohnarbeiten. Wofür? Für mein Ego? Für irgendeinen materiellen Kram, der meine Selbstwert‐Lücken füllen soll? Für künstlich konstruierte Bedürfnisse, die mir die Werbeindustrie einimpfen will? Für Konsum‐Events, die meine innere Leere kompensieren sollen?


Geld stinkt!
Vom Geld‐Selbstwert
»Warum ich nicht reich sein will...«

5 Gedanken zu “»Karriere? Ohne mich!«

  1. »Ich soll mich 40–50std/Woche bis zur chronischen Krankheit kaputt schuften, kaum mehr Zeit für Familie, Freunde, Leidenschaften und Hobbys mehr haben, ständig körperlich und geistig erschöpft sein, mich selbst entfremden und das alles eben nur für Geld?«

    »Solange die existenziellen Bedürfnisse gedeckt sind und ein kleines Taschengeld übrig bleibt,...«

    Als Erzieher mit Familie kenne ich Ersteres gut, Letzteres jedoch nur gelegentlich... Es fuckt mich ab! Ich suche nach einer anderen Existenzgrundlage. Und dabei tue ich die eigentliche Arbeit sogar gerne!

  2. Zu dem Thema würde ich ein gutes Zitat kennen, weil ich es jüngst wieder vor mir hatte. Allerdings, wegen der Person, von der es stammt, sehe ich davon ab... (Dir würde das wahrscheinlich nichts ausmachen, aber man weiß ja nie, ob sich auch zwielichtige Gestalen zu deinem Blog hin verirren...)
    Sinngemäß stellt es die selbe Frage: »Was soll das? Was soll dieser Unsinn? Wofür? Damit man mal mein Haus abreißt, meine Kinder sterben, ich mit 65 in Rente gehe und danach noch 5 Jahre lebe?«.
    ...Worte, die nach über einem Jahrzehnt immer noch widerhallen.

  3. Recht hast du. Das wirklich Wertvolle ist nämlich Zeit. Die meisten Kollegen gucken mich aber an wie ›ne Kuh, wenn es donnert. Allerdings muss man auch festhalten, dass sehr viele von ihren lieben Ehefrauen im Job festgenagelt werden. Zumeist mit Immobilienprojekten, die zufällig immer gerade so groß sind, dass sie vom Gehalt des Mannes bezahlt werden können.

  4. Eine harte Frage. Für meinen Geschmack muss man dann ein gewisses Maß an Anerkennungsentzug und mitunter auch schmerzhafte Berührungen mit dem Instrument der Verarmung in Kauf nehmen. Und es ist schon so angelegt, vor allem bei euch in Deutschland, dass das Alter eine zusätzliche Drohkulisse ist. Mit eurem Rentensatz von 48 Prozent oder waren es 47 kommt ja kaum einer über die existenziellen Nöte hinaus. Aber ja, man macht daran eine existentiell tiefgreifende Erfahrung, auch wenn sie als solche oft nicht gesehen wird oder als Störung gar therapiert wird. Es ist ja auch nicht nahe liegend, dass so etwas alltägliches wie der Arbeitsmarkt und seine Normen eine existielle Erfahrung ermöglichen sollen? Da fährt man doch nach Asien in den budhistischen Tempel oder auf Exertitien ins Kloster. Man spürt daran die dumpfe Kraft, die soziale Kraft, die Druckstärke überindividueller Normen. Wenn ich in die Steckdose greife, spüre ich die Kraft der Stromspannung. Wenn du so lebst, wie du angibst, dann ziehst du wo an und dieser Zug läßt dich die Klebeverbindung mit diesen Normen spüren. Das ist aus meiner Sicht nicht angenehm. Oder für manche auch angenehm. Im ersten Moment ist es auch verstörend. Der Boden unter dem eigenen Sinngefüge wackelt mitunter. Das ist auch nicht immer angenehm. Manches Loslassen können, aufarbeiten und druch besprechen ist erleichternd, löst, erweitert und befreit. In diesem Fall ist das nicht so klar. Denn sonst wäre es ja jedenfalls sonderbar, dass die Loslösung davon und das Nichtmitmachen unter weicher Sanktion steht (Anerkennungsentzug, Verarmung, Altersverarmung). Man darf ja auch nicht vergessen, dass man dann ja vor gesteigertem Widerstand von seiten der Realtität steht. Es entstehen überall graduell kleine Hürden, kleine Unpässlichkeiten, kleine Zugangshindernisse, kleine Verwehrungen, kleine Drücke. Natürlich, man kann das alles auch nicht betrachten und am Ende ist es tatsächlich egal, was man tut. Der eine, wie der andere Weg führen nirgendwo hin.

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