Die letzte Generation

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die heutigen 30–40jährigen  die letzte Generation sind, die noch als Kinder wenig Verbote, kaum elterliche Überwachung, aber dafür viele Explorationsmöglichkeiten hatten. Ob alte Fabrikgelände, Ruinen, Mauern, Brachflächen, Hinterhöfe, Müll‐ und Schrottplätze, Hinterhöfe oder Waldgebiete: wir haben alles allein oder mit Freunden erkundet und erforscht. Wir haben den Sozialraum erobert. Wir durften bis 20 Uhr oder sogar 22 Uhr alleine draußen bleiben. Unsere Eltern haben uns blind vertraut und damit sehr stark unser Selbstbewusstsein und unsere Selbstständigkeit gefördert, ohne jemals an (früh-)kindliche Förderung gedacht zu haben. Dieses Zeitalter ist vorbei.

Heute regieren absurd‐skurile‐hysterische Elternängste. Angefangen von Dehydrierung, vermeintlichen Nägeln im Sand bis hin zu Kinderschändern hinterm jedem Baum. Moderne Eltern sperren ihre Kinder in Wohlfühl‐Schutzbunker ein. Ständige Überwachung, Kontrolle und Einmischung sind die Doktrinen. Die Kinder werden von Insel zu Insel: von Kindergarten zu Sportverein zu Muskangebot zur Schule zu Freunden zur Sprachschule zum Kindergeburtstag zur Familie gebracht und gefahren. Gleichzeitig sind immer mehr Kinder medial verstrahlt. Viele Eltern empfinden den hohen Medienkonsum zwar als kritisch, aber immerhin sind die Kids so Zuhause vor digitalen Welten geparkt, anstatt selbstständig, selbstbestimmt und selbstbewusst den Gefahren der Umwelt zu trotzen, wo ja so so so so so viel passieren könnte. :JAJA:


Kinder in Deutschland
Der pädagogische Happen

8 Gedanken zu “Die letzte Generation

  1. Von Vertrauen würde ich da nicht schreiben. Ich durfte so lang raus, weil zu Hause sonst immer Theater gewesen wäre. Da heute Handy und Tablet sehr portabel sind, bleibt das Digitale natürlich nicht nur dem zu Hause geschuldet. Das Digitale ist die beste Droge, die derzeit vorstellbar ist. Je früher man die Konsumenten abhängig macht, desto mehr Kohle lässt sich mit den Junkies machen und genau das passiert ja auch.

  2. Vielleicht ist diese Perspektive aber auch ein Zeichen des eigenen Alterns. Ich (50) kann mich noch erinnern, dass es zu meiner Jugendzeit ebenfalls Stimmen gab, die unsere Explorationsmöglichkeiten eingeschränkt sahen und uns eine (zb durchs TV) verstrahlte Generation nannten. Es ist wohl immer so, dass die Altvorderen die nachkommenden Generationen nicht sonderlich schätzen. ;)

  3. Zu der Medienverstrahlung: Ist heute noch schlimmer als vorher, aber die vorherige Generation hatte auch ihre Kinder, die vor dem Fernseher oder der Konsole geparkt wurden.
    »Lediglich«, als Außenbetrachter gruselig: Früher war man selbst eventuell eines von den wenigen Kindern, bei denen es so war; heute ist das MAINSTREAM.

    Zu der Sache mit »Kinderschänder hinter jedem Baum vermuten«: In den 90er Jahren gab es diese Angst auch schon. Was hat man aber getan? Den Kindern eingetrichtert »steigt zu keinem Fremden ins Auto; wenn euch einer locken will oder aus dem Blauen irgendwelche Versprechungen macht, geht nicht mit; wenn euch einer anfässt oder mit Gewalt wo hinzerrt — wehrt euch, schreit laut, bis das die ganze Nachbarschaft es mitkriegt und drei Leute aus dem Fenster schauen, was zum Teufel denn los ist«.
    Zu Deutsch: Man hat ihnen eingetrichtert, ein wenig auf sich selbst aufzuspassen, statt die Kinder wie in einer Gummizelle zu halten, und wenn sie langsam erwachsen werden, dann kommen sie mit der Welt nicht klar, weil sie ausschließlich ihre sichere Blase gewohnt sind.

    So etwas ist nämlich auch eine Form der Misshandlung — indem, dass man den Kindern jegliche kognitive Herausforderung vor der Nase wegstiehlt.
    Ist es da dann noch ein Wunder, dass später daraus verwöhnte überempfindliche, Schneeflocken werden, bei denen sich alles nur um sie dreht? Das ist nämlich, worauf sie damit geprägt werden. Sie sind das Zentrum der Welt, jeder orientiert sich an ihnen und daran, es ihnen recht zu machen, gleichzeitig besitzen sie eine extrem niedrige Frustrationstoleranz — einerseits, weil sie dieses Gefühl nicht kennen, und deswegen damit auch nicht umzugehen wissen (wer alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt bekommt, der stößt kaum auf Frustration); andererseits, weil sie ihr Leben lang schon mit einer Kernfrustration leben müssen, weil ihnen jedes Steinchen an Anforderung vor der Nase weggenommen wird, zu dem sie sogar bereit wären, sich damit zu beschäftigen.
    Und im nächsten Zuge dazu sind sie kognitiv zu nicht besonders hohen Fähigkeiten berufen — weil sie diese kognitive Komplexität nie entwickeln konnten. Weil ihre Umgebung Herausforderungen, die das gefördert hätten, stets aus dem Weg geräumt hat.

    Zu einem gewissen Maße ist das nötig, die Kinder laufen zu lassen und ihre eigenen Erfahrungen zu machen — sonst braucht man sich nicht zu wundern, dass diese noch mit 25 an Muttis Rockzipfel kleben und keinerlei Anlass sehen, das jemals aufzugeben.
    Von intellektuellen Leistungen gar nicht zu reden dabei...

  4. Mit Verallgemeinerungen wie »Wir« und »früher war alles besser« wird man einer solcher Thematik natürlich nicht im Ansatz gerecht.

    Dann müsste es Kindern aus einem prekären Umfeld zwangsläufig besser ergehen, da sie ja — mangels sich sorgender Eltern — in den vollen Genuss all jener Zustände kommen, die den materiell besser Gestellten demnach vorenthalten werden.

    Überhaupt mutet dieses Bejammern eines abgelaufen »Zeitalters«, in dem alles besser war und eine »letzte Generation« eine tolle Erziehung bzw. eine anscheinend wunderbare Zeit genossen hat schon merkwürdig an.....

  5. @Mecki

    »Dann müsste es Kindern aus einem prekären Umfeld zwangsläufig besser ergehen, da sie ja — mangels sich sorgender Eltern — in den vollen Genuss all jener Zustände kommen, die den materiell besser Gestellten demnach vorenthalten werden.«

    Mediale Verstrahlung sowie hysterisch‐absurde Elternängste sind keine Phänomene besonders armer, bildungsbürgerlicher oder besonders reicher Eltern: sie sind heute klassenübergreifend überall zu finden!

  6. Tja, irgendwie haben wir es anders hinbekommen. Mein Sohn hat einen Jugendleiterschein und arbeitet mit Kindern. Er liebt wandern und kochen und hatte bis 17 kein Smartphone. Er war schon mit 15 ohne Eltern auf einem Arbeitseinsatz in Nepal und ist dort jetzt alleine für ein halbes Jahr. Komplett selbst organisiert.

    Meine Tochter ist aktive Kampfsportlerin und als diesen Sommer auf einem Festival ein Besoffener ihre Freundin trotz expliziter Ablehnung angefasst hat, hat sie ihm eine reingehauen. Sie interessiert sich für Politik, findet Jammerfeministinnen furchtbar und liest viel. ÖPNV und Bahn kennt sie besser als ich und wir haben sie auch schon alleine 300 km zu einem 80.000 Mann Konzert fahren lassen.

    Beide können Holz hacken, mit Karte und Kompass navigieren, ein ordentliches Feuer machen (auch mit nassem Holz) und Messer schärfen.

    Und der Freundeskreis besteht fast nur aus jungen Leuten, die so ähnlich drauf sind. Von wegen Schneeflocken.

  7. @Rano64: Klingt zu perfekt, um wahr zu sein. Vor allem die Sache mit dem Freundeskreis. Ich frage mich — wenn ich sowas lese — immer, was für ein abartiges Pech(?) ich hatte, in eine völlig andere Welt geboren worden zu sein? Also in der unteren Mittelschicht, in der nichts wichtiger ist, als stets zu allem die Fresse zu halten, sich in jeder Hinsicht anzupassen, »Arbeit zu haben« und mit 60 mit kaputten Nerven oder Psyche in die Altersgrundsicherung zu fallen...

    Scheinbar gibt es in diesem Land doch eine relativ wohlhabende Schicht von Linken, die sich ihren linken Lebensstil auch leisten können?

    In meinem »Freundeskreis« tickte niemand, der »so drauf« war wie ich (oder deine Kinder). Ich war (genau deshalb) allein. Und bin es bis heute. Daran ändert auch diese obskure Weltuntergangssekte namens »FFF« nichts. Die sind genauso materialistisch verzogen und auf sinnfreien Konsum abgerichtet, wie die jüngeren Generationen vor ihnen. Zumal es eh nur ein sehr kleiner Teil ist, der da überhaupt mitläuft; das sind eher die Kids einger wohlhabender Grüner...

  8. Ewas ist wohl dran an dieser Sache. Man kann sie natürlich salopp abtun. Du hast es ja gehört: das formale Argument, dass es früher auch schon geheißen hat, dass früher alles besser war. Und überhaupt sei das alles zu allgemein. Jeder könne es ja machen wie er will.
    Mehrere Faktoren haben sich jedenfalls verändert und verändern sich schon länger, ob es einem gefällt oder nicht: Der Grad an verbreiteter Angst (in unterschiedlichen Formen: vor Verbrechen natürlich, gut, aber auch vor Optimierungslücken, Angst aus Unpässlichkeit ein Objekt des Instrumentes der Verarmung zu werden, Angst vor Konsumlücken usw.), die Geschwindigkeit des Lebens, Aufmerksamkeitswirtschaft. Das letztere ist wohl ein ganz wichtiger Punkt: brach liegende Aufmerksamkeitspotentiale finden sich im Vergleich zu früher und noch vormals früher sukzessive weniger. Im Sinnraum wird möglichst überall kommodifiziert. Derart ist das alte brach liegende Gelände hinter der Siedlung Verschwendung an Aufmerksamkeitswirtschaft: es wird daher versperrt und mit Werbetafeln versehen oder abgerissen und neu entwickelt (dann kommt der monetäre Profit hinzu). Die Kindheit generell, diese 10 Jahre des Lebens wurden ja auch sukzessive besiedelt, früher schon und vormals früher auch schon und insgesamt immer mehr. Man kann das am Warenausmaß ja sehen, welches für diese Lebensspanne produziert wird. Das war nicht immer gleich groß. Aber die Zeitspanne ist immer dieselbe geblieben. 10 Jahre für 118 Waren sind etwas anderes als 10 Jahre für 566.000 Waren. Nur um das zu veranschaulichen. Da wird die an Sinn und Fokussierung brach liegende Zeit objektiv betrachtet knapper. Die Waren wollen untergebracht werden bzw. zumindest selektiert werden. So ganz entweichen wird man dem nicht können, auch wenn man meint, dass das ja jeder selbst entscheiden kann. Und dann heißt es: pädagogisch ist der brach liegende Sinn ja gar nicht gut. Kinder müssen eingespannt und formiert werden. Und von 8 bis 9:30 gibt es im Kiga ohnehin freies Spielen. Das reiche. Wenn ich an meine Kindheit denke, so hatte ich nicht nur Stunden, sondern Wochen und Monate, ja Jahre des freien Spiels. Natürlich erlernte ich dabei nicht Flöte und die dritte Sprache in Grundzügen. Daher weise ich heute weit zurück reichende Optimierungslücken auf. Auch die Schule war nicht an Frühoptimierung gekoppelt. Die vierte Sprache kennen lernen nach der Festigung der dritten am Nachmittag im Kurs und der zweiten am Vormittag in der Schule, Klavierunterricht nehmen, physikalische Experimente spielerisch am Spätnachmittag kennen lernen, Tanzkurs am Donnerstag. Sport brauchte ich keinen, da ich ohnehin die meiste freie Zeit im Freien in Bewegung war. Mehr ist besser, so heisst es. Mehr in den Kopf leeren. Bei jeder Vergleichssituation pompös auftrumpfen: der 9 Jährige listet in der neuen Klasse auf, was er alles kann (9 Punkte selbstsicher vorgetragen) und wo er überall schon war (für Fremdsprachen wohlgemerkt, der Prolet gäbe situationsunangepasst die Urlaubsdestinationen an). Eine Art Modulportfoliopanzer, der durch den sozialen Raum röhrt. Schule, deren Absolventen vier Sprachen können, gefördert in Physik, Tanz, Sport, Mathematik und Wirtschaftsgrundwissen. Ein Jahr früher ausschulen. Ein Jahr früher an die Uni. Zwei Jahre früher mit der Uni fertig, drei Studiengänge.

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