Der Tod der Wahrnehmung

Das ist nicht »1984«, sondern »2019«.

Als Wahrnehmung bezeichnet man »jenen Aspekt des psychischen Geschehens und Erlebens, der sich auf die Kopplung des Organismus an funktional relevante Aspekte der physikalischen Umwelt bezieht. Hierzu gehören nicht nur die haptische, visuelle, auditive, olfaktorische und gustatorische Wahrnehmung, sondern auch die Wahrnehmung des Leibes und seiner Teile« (Rainer Mausfeld, spektrum.de). Zu Wahrnehmungsstörungen zählen nicht nur Illusionen und Halluzinationen, sondern auch der Verlust über die Kontrolle der eigenen Wahrnehmung sowie deren Ausrichtung. Gefühle, Bewegungen, Farben, Gesichter oder Geräusche können kaum oder nur noch teilweise erkannt und identifiziert werden.

Filterblasen. Echokammern. Tunnelblick. Betriebsblindheit. Ich‐Bunker‐Weltverleugnung. Scheinbar leidet heute jeder Zweite unter einer chronischen Wahrnehmungsstörung. Allerlei Verbotsschilder, Regeln des Zusammenlebens sowie soziale Konventionen werden komplett ignoriert, Meinungen, Analysen und Kommentare, die nicht in das eigene Weltbild passen, werden gezielt weggeschoben und überall Smombies, die von ihrer realen Umgebung nur noch das Hintergrundrauschen wahrnehmen. Es existiert eine große Unfähigkeit, Sachverhalte, Dinge und Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit zu erfassen. Kontexte, Ursachen und Inhalte müssen in 200 Wörtern oder mit Bildern erklärt werden, weil sonst die Konzentration und Aufnahmefähigkeit rapide absinkt. Die Dystopie liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart.


Medial verstrahlt
Die Ablehnung der Wirklichkeit

6 Gedanken zu “Der Tod der Wahrnehmung

  1. Aus der Psychologie auch noch bekannt: Depersonalisation & Derealisation.

    Ist ein Grund, warum ich relativ wenige bis gar keine Ego‐Shooter spiele und auch bei Filmen sehr wählerisch bin. Es ist so, dass es einen auf lange Sicht kognitiv verblödet, wenn man davon zu viel bekommt.
    Die Spiele/Filme stellen eine Matrix von physikalischen und logischen Bedingungen dar, die nur innerhalb des Universums dieses fiktionellen Werks funktionieren. Sowohl geschichtlich als auch technisch.
    Deswegen interessiere ich mich dann doch lieber für »the real deal«. (Was mir heutzutage immer mehr Sorgen bereitet, allmählich in einem rechtlichen Graubereich zu enden, weil sichtlich die Tendenz dazu hingeht, dir dadurch per Ferndiagnose irgendwelche Unterstellungen zu machen, was du denken, nicht denken, vorhaben oder nicht vorhaben könntest.)
    Weil — echte Sinneserfahrungen, sich mit der Realität befassen, es lässt das Hirn kognitiv wachsen durch neue Verdrahtungen. Trägt zu geistiger Reife bei. Trägt auch dazu bei, physikalische Gegebenheiten besser einschätzen zu können. Mit der Realität muss man schließlich leben. Man lebt nicht im Spiel oder im Film.
    Aus der Hirnforschung sind diese Abläufe schon lang bekannt und belegt. Um das eigene Gehirn auszumisten will ich mich auch daran halten. Und es nur zum Spaß haben, andere Gegebenheiten für die Sinne vorzufinden. Ob überzeichnet oder durchgeknallt angelegt oder als totaler Nonsens a là »Hirn aus, X rein«, oder als Teil einer völlig anders konstruierten Welt. Mehr als anderweltliche Bereicherung/Denkanstoß zu den bekannten Sinneserfahrungen oder um dem Hirn mal für eine gewisse Zeit eine Entlastung zu geben (Realität ist schließlich auch anstrengend).

    Ständig gefesselt aufs Smartphone starren funktioniert vielleicht noch auf einer etwas primitiveren, weniger komplexen Basis, sonst ist es aber das Gleiche. Dosiert angewandt ist es ein Werkzeug, im Übermaß führt es zu kognitiver Verblödung (ganz besonders, wenn diese schon in den Entwicklungsjahren anfängt).

  2. Ein direkter Zusammenhang zwischen Anzahl der gesehenen Filme (oder Serien) oder verdaddelten Stunden und einer Verblödung konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Das Gehirn funktioniert nicht wie ein Muskel. Ein Muskel verkümmert, wenn er nicht benutzt wird. Wird das Gehirn entlastet, sucht es sich andere Tätigkeitsfelder. Das ist der Grund, warum Gehirnentlastungtechniken in der Regel zu Zivilisationsschüben geführt haben (so Schriftsprache, Buchdruck und auch für den Computer schon nachweisbar).
    Das Problem ist, das die im Text beschriebenen Verhaltensweisen das Gehirn eben nicht entlasten, sondern beschäftigen, sogar verbessern. Wer viele Filme sieht, viel spielt, ständig What’s Apped und Katzenvideos anschaut dessen Gehirn wird nicht auf die Idee kommen andere Betätigungsfelder zu suchen. Daher ist die Vorgehensweise von @matrixmann sinnvoll, gewisse Hirntätigkeiten einzuschränken (um andere zu ermöglichen). Ich habe die Befürchtung gerade das Smartphone führt zu einer geringeren »Lust« nachzudenken, zu reflektieren oder kreativ zu werden, da das Hirn ständig beschäftigt ist.
    Also keine Hirntätigkeit verschwenden, sondern viel unterschiedliches ausprobieren.
    P.S. Eins lässt sich allerdings nicht verhindern. Je älter man wird, desto träger wird das Gehirn. Schön zu sehen an Filmen. Die für Jugendliche haben wesentlich mehr Schnitte und Kamerawechsel, als die Filme, die die ältere Generation gut findet.

  3. @Kakapo3
    Das Gehirn verkümmert sehr wohl wie ein Muskel, wenn man es nicht trainiert. Ja, es entwickelt sich nicht einmal richtig, reift nicht, wenn man ihm in der Entwicklungsphase einen verarmten nervlichen und sinnlichen Input gibt. Weil sich keine neuronalen Verbindungen in der Hirnsubstanz bilden ( = eine Nervenzelle verbindet sich mit einer anderen).
    Von Seiten der ernsthaften Wissenschaft (also nicht die, die bloß Wischi‐Waschi und Wasser tragen für die Industrie betreibt) ist das lang bekannt. Wurde nur sehr lange Zeit nicht darüber geredet, weil über Jahrzehnte viele Gelder wohl nur in die Psychopharmaka‐Forschung geflossen sind und »Neuroplastizität« sowie »neuronale Vernetzung« keine gewinnversprechenden Themen waren.
    Im Prinzip sind Smombies (die richtig extremen Vertreter), ihren angelegten Hirnschaltkreisen zufolge, nichts anderes als Junkies. Menschen mit einem zum 20‐stöckigen Hochhaus ausgebauten Suchtschaltkreis. Sie wurden nur auf ein anderes Mittel geprägt als ein Drogensüchtiger und haben keine körperliche Substanzabhängigkeit (die beispielsweise einen Alkoholiker wiederum zu seinem Suchtmittel zurücktreiben kann). Für sie wäre der Kampf gegen ihr eigenes ungünstiges Verhalten, trivial ausgedrückt, vergleichbarer mit einem Kampf gegen schlechte Angewohnheiten.

    Noch mal kurz etwas zum nervlichen und sinnlichen Input — weshalb ich die Dosierung von Videospiellogik versuche nierdrig zu halten, wo sie mir merklich nicht gefällt: Im Grunde kann man es so verstehen, wie als wenn dir ein Spiel beibringen wurde, dass Hunde miauen.
    Ähnliches ist es, wenn ein Spiel einem vorführt, dass MPs/Sturmgewehre Tonnen von Munition verschießen müssen, um überhaupt beim Gegner Schaden zu verursachen. Während jede Shotgun wie ein Allheilmittel durch seine Streuung alles mit ein paar wenigen Schüssen in Grund und Boden zerfetzt. Diese physikalische Hierarchie stimmt in der Realität nicht. Wer das weiß, für den kann ein Spiel, bei dem das eine Rolle spielt, Unterhaltung sein, weil ihm bewusst ist, dass diese Hierarchie der Kräfte nur in diesem fiktionellen Universum so funktioniert. Wer das allerdings nicht weiß, dessen Hirn fängt an, das als gegebene Realität hinzunehmen und darauf basierend seine Kalkulationen und Überlegungen zu machen.
    Man gewöhnt, im Prinzip, dem Gehirn sachlich unrichtige Verknüpfungen an. Dass Hunde miauen, der Himmel grün ist, Äpfel schwarz oder natürliches Erdbeeraroma aus der Lebensmittelindustrie der Geschmack von echter Erdbeere ist. Oder, dass Strom nicht im Kraftwerk produziert wird, sondern »einfach so« aus der Wand kommt, weil dieser langweilig ist.
    Dieser geistigen Vermüllung und Nichtwissen möchte ich gern entgegen wirken. Ich betrachte den Effekt von beidem, vor Augen geführt, wie eine Form von geistiger Behinderung. Man bekommt vor Augen geführt wie dumm man eigentlich, auf das Leben bemessen, ist und wie unfähig. Wie hilflos auch. Und das dann noch in der Gestalt eines Erwachsenen, das ist schrecklich...

  4. @Matrixman
    Ich halte den Muskel für eine schlechte Metapher, da das Gehirn und was man als Intelligenz bezeichnet erheblich komplexer ist. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ein Mensch, der sich entschließt, sich nur noch im Rollstuhl fortzubewegen, wird irgendwann große Probleme mit der Beinmuskulatur haben, die funktioniert einfach nicht mehr. Ein Mensch, der sich entschließt wichtige Texte nicht mehr auswendig zu lernen, sondern mit abstrakten Zeichen immer wieder lesbar zu machen, dessen Gehirn verkümmert nicht (die Befürchtungen Platos hierüber sind nicht eingetreten) sondern sein Denken wird neue Formen erreichen (können).
    Dennoch lässt sich die Denkfähigkeit trainieren. So stellte sich heraus, dass regelmäßige 3D‐Tetris Spieler in den USA unglaubliche Werte im (Standart‐) Intelligenztest erzielten, weil sie ihr räumliches Erfassungsvermögen extrem trainiert hatten. (Der Test musste dann verändert werden.)
    Zum Verhältnis Wirklichkeit und Fiktion. Knifflig. Aber ist das Scheitern im Alltag nicht auch ein Anzeichen für extreme starke Denktätigkeit (klischeehaft der zerstreute Professor). Und ist die Aufforderung »Bleib mal mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität« nicht eher die Aufforderung nicht zu denken, sondern sich abzufinden? Beginnt nicht jeder großer Fortschritt mit der Infragestellung der angeblich unabänderlichen Realität? (übrigens auch jede Revolution)
    @Juri Nello: Es sind 196 Wörter, ich bin schon so sozialisiert

  5. @Kakapo3
    Ist eine Frage inwieweit man versteht wie das Hirn arbeitet, wie kognitive Intelligenz zustande kommt.
    Auf Hirnmasse, so wie Muskelmasse bei den Freunden aus dem Fitnessstudio, darauf braucht man nicht zu arbeiten, weil ein großes Hirn allein noch keine Denkleistung ausmacht.
    Vernetzung ist der entscheidende Punkt.
    Und diese verbessert sich, wird trainiert wie ein Muskel, wenn derjenige, dem das Gehirn gehört, Anforderungen an dieses regelmäßig erhält, denen er nicht ausweichen kann.
    Die Analogie ist insofern inhaltlich nicht so daneben und macht es für Laien auch in gewissem Maße verständlich, dass kognitive Fähigkeiten keine reine Gabe der Natur sind, sondern dass man dafür etwas tun muss — dass man das genauso trainieren muss wie als wenn man ausladende Arme haben will.

    Hm... Ich verdeutlich das mit dem Verhältnis Realität und Fiktion mal an einem aktuellen und äußerst bösen Beispiel: Zu viel Fiktion trägt ihren Teil dazu bei, dass z. B. solche wie der letztens in Halle bei herauskommen.
    Wenn Gehirn sich in einer Fantasiewelt verstecken kann und sich antrainiert, auf dessen Gesetzmäßigkeiten Entscheidungen oder Handlungen zu treffen (Gesetzmäßigkeiten und Kraftverhältnisse, die aber in der Realität völlig anders sind), dann kann das schnell vorhandene Größenfantasien nähren — insofern, dass sich jemand denkt, mit diesen und jenen wenigen Mitteln kann er König der Welt werden. Und der geht dann hin und baut irgendeinen Mist im Glauben, dass er dadurch zu jemandem wird, dabei geht dann in der Praxis so ziemlich alles daran schief, was nur möglich ist.
    Eben weil diese Kalkulation, die sich das Gehirn über längere Zeit ausgegrübelt hat, nicht auf realen Gesetzmäßigkeiten beruht, sondern nur auf denen eines fiktionellen Universums. Und von denen gibt es heutzutage, dank vieler und intenisiver Filterblasen, mehr als genug — ohne dass jemand allzu schnell wieder mit der Realität Berührung macht und merkt, dass der Kram aus seinem fiktionellen Universum eben nur fiktionell ist.

    »Mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben« ist insofern so etwas wie ein Dämpfer, der dir sagt »Krieg ist eben nicht wie Call of Duty, und ist schon gar keine Einbahnstraße, bei der nur du gewinnen kannst«. CoD ist vielmehr nur wie das Rollenspiel (auch wie »sexuelles Rollenspiel«), in dem man einfach mal eine Rolle annehmen kann, die einem in der Realität verschlossen bleiben würde, die vielleicht auch in der Realität etwas zu gefährlich wäre, und man kann ein Gesamtszenario spielerisch ausprobieren mit der Option, jederzeit auch aussteigen oder Pause machen zu können, wenn einem der Input zu viel wird.
    Mit Realität vertraut sein, sie im Hinterkopf zu haben, wahrt, sozusagen, das Bewusstsein, dass man sich dabei nur in einem Rollenspiel befindet, in einer Simulation, und nicht in etwas echtem bzw. in etwas, was in echt genauso aussehen würde.
    Jedenfalls sehe ich das so.
    Deswegen will ich auch nicht mehr, dass mein Hirn davon zu viel bekommt, sondern interessiere mich mehr für die Realität.
    (Rollenspiel als sicherer Raum, in dem man Dinge tun oder ausprobieren kann, mit denen sonst nicht zu spaßen wäre — das ist dagegen nett, weil die Konsequenzen weniger schwerwiegend sind als in der Realität.)

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