Kinder in Deutschland; Teil 45: Ernährung

Niemand weiß, dass Fast Food ungesund ist. Deshalb brauchen wir unbedingt Aufklärung! (Bildquelle: wikimedia commons)

»Was gab es heute zu essen?«, diese Frage stellen täglich Millionen von Eltern ihren Kindern, wenn sie sie von der Kindertagesstätte, vom Hort oder der Schule abholen. Für sehr viele Eltern ist das ein sehr wichtiges Thema. Für sehr viele Kinder nicht. Entweder möchten sie nicht darüber sprechen, antworten nur kurz und knapp oder haben sogar vergessen, was es zu essen gab. Für sie ist es wichtiger, wie der Tag verlaufen ist, ob ihre Freunde da waren, sie wenig Konflikte hatten, ob sie sich frei entfalten durften, sich angenommen und geborgen fühlten. Und obwohl die Armut in Deutschland weiterhin explodiert sowie überall der neoliberale Sparzwang herrscht, wollen viele Mittelschichts‐Eltern nicht über Zusammenhänge oder Ursachen sprechen, sondern lieber in ihren bequemen Komfortzonen über das Essen in Schulen und Kindergärten mäkeln.

Einige Anmerkungen zum Thema:

Da gibt es beispielweise die klassischen Bio‐Öko‐Veganer‐Eltern, die auf Elternabenden fordern, ob man nicht das komplette Essen der Einrichtung auf Bio umstellen könne. Man verstehe, dass damit die Kosten steigen würden, aber die seien nicht das Problem. Wenn man als Pädagoge entgegnet, dass es sehr wohl Eltern und Familien gibt, für die das schwierig sei und man gleichzeitig nicht nur die obere Mitte der Gesellschaft abbilden möchte, reagieren sie entweder beleidigt oder fangen an zu diskutieren. Die ernährungstechnische Abgrenzung nach unten und der Glaube, mit dem Einkaufswagen könne man die Welt retten, sind weiterhin starke Narrative.

Dann kommen die Apologeten von nachhaltig, regional und »selber kochen«. Ja, in einer Einrichtung mit 10 Kindern ist das durchaus möglich, sofern man finanziell in der Lage und Willens ist, sich einen Koch zu leisten. In einer Schule mit 600 oder mehr Kindern, kann man zwar auch selber kochen, aber es bleibt eine Massenabfertigung, dementsprechend muss das Essen auch gelagert, aufgewärmt und zubereitet werden.

Ob in Talk‐Shows, Radio‐Interviews oder Web‐Beiträgen, das Thema der Finanzierung und des Geldes wird selten angesprochen. Es wird häufig so getan, als sei das Ganze primär ein Problem des Bewusstseins und der Aufklärung. Klar, die Leute sind alle zu blöde und wissen nicht, dass Fast Food, Zuckerbomben sowie Fertiggerichte ungesund sind. Man müsse den Lehrkräften, Pädagogen, Kindern und Jugendlichen bewusst machen, dass viel Obst und Gemüse eine reichhaltige und vielfältige Ernährung darstellen. Da gibt es beispielsweise das Berliner Landesprogramm »Kitas bewegen — für die gute gesunde Kita«. Für die politisch Verantwortlichen scheint alles ein reines Vermittlungs‐ und kein Finanzierungsproblem zu sein. Passt mal wieder hervorragend zum Zeitgeist, Stichwort: Eigenverantwortung wahrnehmen!

Ein in der Diskussion oft vernachlässigter Aspekt, ist die Kompensation. Kinder wie Erwachsene kompensieren durch Essen unbefriedigte Bedürfnisse, wie Aufmerksamkeit, Geborgenheit, Wärme und Liebe. Die deutschen Kinder gehören auch deshalb mit zu den dicksten Kindern in Europa, weil unsere Gesellschaft immer kälter und egoistischer wird. Gerade Kinder haben dafür ein sehr feines Gespür.

Fast am liebsten sind mir denn die Übermuttis, die Super‐Pädagogen und Pseudo‐Ernährungsexpertinnen, die immer wieder betonen, man müsse den Kindern nur den Spaß am Kochen beibringen oder gesundes Essen nur attraktiv verpacken, dann würden die Kinder auch gerne Spinat oder Brokkoli essen. Als Kind und Jugendlicher ist und bleibt man ein Konsum‐Opfer der Zucker‐und‐Fast‐Food‐Industrie: Coca Cola, Hamburger, Capri‐Sonne, Pommes, Chips, Schokolade etc. So hart wie das auch klingen mag, aber die Werbeindustrie verwendet sehr geschickte Manipulationsmethoden, um die Kinder in ihr Spinnennetz zu bekommen. Es hat viele Gründe, warum beispielsweise Bowling‐Bahnen, Indoor‐Spielplätze oder Schwimmbäder kaum Obst und Gemüse im Sortiment haben: es ist teuer, lässt sich schlecht lagern und wird nicht gekauft.

»Ernährung« ist ein beliebtes Wohlfühl‐, Luxus‐ und Erste‐Welt‐Problem besonders für Menschen und Milieus, denen es finanziell eigentlich ganz gut geht und die ansonsten kaum »echte Probleme« im Leben haben.

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Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 44 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden. Eine Auswahl bisheriger Teile:

Teil 40: Erzieher. Lehrer. Eltern.
Teil 32: Die perfekten Eltern
Teil 27: Kontaktabbruch
Teil 18: Leistungsdenken

5 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 45: Ernährung

  1. Zu meiner Schulzeit 80er/90er sah das mit Schulspeisung noch ganz anders aus. Grundschule gab es sowas nicht und Gymnasium etc. war das ein relativ kleiner Kreis, der aber durchaus was vernünftiges (!) bei minimaler Zuzahlung (2 Mark/Tag, konnte auch davon befreit werden) geboten bekam.
    Wenn heutzutage alle Eltern Vollzeit arbeiten sollen, dann muss gefälligst das Essen in den Einrichtungen komplett für lau und vernünftig sein. Und mit vernünftig meine ich nicht vegan, sondern gesund und ausgewogen. Da darf es auch mal ein Stück Fleisch geben, Sahne im Spinat etc. Und es wird gefälligst gegessen, was auf den Tisch kommt.

  2. Mal ganz allgemein zum Thema Ernährung, Bereich »Gesunde Ernährung«, Untergruppe »was man isst«.
    Im Allgemeinen ist dieses Thema in Deutschland einfach als Religionsersatz zu betrachten, wie ansonsten wohl nur noch im Vatikan oder in Mekka um die korrekte Auslegung der jeweils heiligen Bücher diskutiert wird.
    Eine der tatsächlich lustigsten Glaubensauseinandersetzungen ist zum Beispiel die Frage ob Vitamin C denn aus einer Tablette genauso wirkt wie aus einer Orange. Ascorbinsäure (Vitamin C) wurde erstmalig aus in den 1920er Jahren aus Orangen und Nebennieren isoliert.
    Wie soll man mit Menschen diskutieren, die überzeugt sind, das dasselbe Molekül aus unterschiedlichen Quellen isoliert oder industriell produziert, völlig anders im Körper wirkt?
    Der nächste Punkt ist, das es weltweit keine Studie gibt, die Menschen ernährungstechnisch über 10 oder mehr Jahre begleitet hat, in denen die Probanden dann tatsächlich überwacht wurden und im Extremfall auch mit Kotproben analysiert wurde, was die Teilnehmer gegessen haben.
    Die »besten« Studien in diesem Bereich kasernieren die Teilnehmer für einen kurzen Zeitraum, geben tolle Tipps und anschließend wird dann wöchentlich abgefragt, was der Teilnehmer denn so gegessen hat. Wissenschaft geht anders.
    Und das man wissenschaftlich aussagekräftig rein gar nichts weiß, wie Nahrungsmittel bzw. die Umwandlungsprodukte des Körpers vor Ort, also in den Zellen wirken, beweist der Grundumsatz.
    Also jener Umsatz, den jeder Warmblüter letztlich hat, zur Aufrechtrechterhaltung der Körperfunktionen und der Körpertemperatur.
    Dieser Grundumsatz sinkt im Laufe eines Lebens um pi mal Daumen 20%.
    Ein Mensch, zum Beispiel mit 17 Jahren ausgewachsen ist und sein »Idealgewicht« erreicht, ein Leben lang dieses Gewicht hält, nichts an seinen weiteren Umständen ändert, muss alle 17 Jahre seine Nahrungsaufnahme um etwa 6% reduzieren, wenn er nicht zunehmen will.
    Das bedeutet, das er zum 85. Geburtstag ein Viertel weniger essen muss, als beim 17.
    Das Absinken des Grundumsatzes ist wissenschaftlich anerkannt, die Zahlen sind Näherungswerte und umstritten, da es zum Thema weltweit keine Forschung gibt.
    Das heißt für mich ganz einfach folgendes:
    »Der Mensch altert, im Laufe der Alterung sinkt der Energiebedarf bei gleichbleibender Auslastung, wir wissen aber nicht warum, da wir zwar erstes zartes Wissen davon haben, wie eine einzelne Zelle funktioniert, aber nicht den Hauch einer Ahnung wie 1014 Zellen zusammen wirken. Und wir wissen ganz genau das Ballaststoffe vor Darmkrebs schützen.«
    Ach ja, die Kosten noch.
    Ich frage mich immer wieder, in welcher virtuellen Welt »frisch kochen« und »selber machen« billiger sind als »fertig« kaufen.
    Ich habe 35 Jahre fast alles selber gemacht bis hin zu gebackenen Brot und manchmal selbst gemachter Wurst. All die Jahre war meine Begründung aber immer »Kontrolle über die Zutaten« und nichts sonst.
    Eine Dose Erbseneintopf beim Discounter kostet 0,89 €, das Doppelpack »Pizza deLuxe« gibt es für 2,49 € und von der einfachen 3 Stück für den gleichen Preis. Die Tüte »Tiefkühl NasiGoreng« 750 g gibt es für 1,69 €.
    Wer das zuhause mit selbst gekauften Zutaten nach macht, kann sich den Orden »I cheated myself« an die Brust heften

  3. »In einer Schule mit 600 oder mehr Kindern, kann man zwar auch selber kochen, aber es bleibt eine Massenabfertigung, dementsprechend muss das Essen auch gelagert, aufgewärmt und zubereitet werden.«

    Aus meinen Kindheitserinnerungen kann ich berichten, dass ich in den 60‐ger Jahren in einem Land lebte, bei dem zwar industriell geschälte Kartoffeln an meine Schule geliefert wurden, aber, ab dann wurde alles frisch gekocht (Aufwärmen war verboten) von ca. 3–4 Köchinnen und war meist lecker, was den Köchinnen sehr gefreut hat und mit mehrmaligem Nachschlag belohnt wurde (ohne zusätzliche Bezahlung).

    An diese Schule gingen ca. 900 Kinder bis zur 10. Klasse und so gut wie jedes Kind hat mitgegessen (übrigens, Hauptgrund, weil es lecker war).

    Da ich aus einer kinderreichen Familie komme (alleinerziehende Mutter, vollberufstätig, 5 Kinder), war das Mittagessen kostenlos, die ganze Schulzeit über.

    Fastfood kannten wir nur als Bockwurst im Brötchen mit Senf.

  4. bei uns gibt es »freies Essen«

    jedes Kind bekommt das Essen von den Eltern mit, die können dann davon essen was sie wollen, oder auch nicht... :PFEIF:

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