Kinder in Deutschland; Teil 43: Übergänge

übergänge_titelIm Leben eines jeden Kindes gibt es vor allem zwei große Übergangsphasen: der Eintritt in die Schule sowie der Eintritt in das Arbeitsleben. In der pädagogischen Literatur gibt es primär jede Menge Beiträge und Untersuchungen vom Übergang Kindergarten — Schule. Die Untersuchung von der Schulphase zum Berufsleben scheint meist eher ein wirtschaftspolitisches Thema zu sein.  Beide Übergangsphasen sind für Kinder und Jugendliche entscheidende Wegpunkte. Sehr viel wird und wurde darüber geredet und geschrieben, wie man Kinder in dieser sensiblen Lebensphase unterstützen kann. Was jedoch der Aufprall von gegensätzlichen Werten und Normen bei Kindern verursacht, wird eher selten bis gar nicht thematisiert.

Wertschätzung (Kita)
Laut Berliner Bildungsprogramm sollen alle Berliner Kindertageseinrichtungen (fast jedes Bundesland hat so eine »Kita‐Bibel«)  den Kindern ein ganzes Bündel an Werten vermitteln: Selbstwirksamkeit, Fairness, Höflichkeit, Toleranz, Partizipation, Respekt, Selbstbestimmtheit, Mitgestaltung, Wertschätzung, Inklusion, Solidarität und vieles mehr. Die Welt der Kinder, ihre Wahrnehmung und ihre Interessen sollen ernst genommen und in den Kita‐Alltag integriert werden. Ihre sozial‐emotionale Sicherheit und Entwicklung steht genauso im Fokus, wie Inklusion, Partizipation und Selbstwirksamkeit.

Kleinkinder bekommen auch außerhalb der Kita sowie gesamtgesellschaftlich noch eine ganz andere Wertschätzung entgegen gebracht, als es später der Fall ist. Sie werden als »süß«, »niedlich« und »knuddelig« empfunden. Auf Facebook werden unendlich viele Babybilder gepostet. Mit zunehmendem Alter nimmt auch diese Anzahl deutlich ab.

Bewertung (Schule)
In der Regel freuen sich fast alle Kinder auf die Schule. Sie sind neugierig, interessiert und suchen die Herausforderung. Spätestens nach drei Jahren intensiven Stillsitzens, Bulimie‐Lernen, Lehrer‐Gebrüll, Hausaufgaben‐Zwang, Leistungsdruck, Bewertungs‐Fetisch sowie stupides auswendig lernen, hassen die meisten Kinder wieder die Schule. Das freie Erkunden der Welt ist nicht mehr möglich: standardisierte Antworten werden in den Lernfabriken gefordert. Der Identitätswechsel vom Kitakind zum Schulkind ist bei den meisten zwar erfolgreich vollzogen worden, damit einher geht aber auch ein Werte‐ und Normenwechsel.

»Und auch LehrerInnen betrachten die emotionale Sicherheit der Kinder als zentrales pädagogisches Ziel ihrer Arbeit.«

Meike Sauerhering auf fruehe-bildung.online

Anmerkung: Schön wärs! In aller Regel haben die Lehrer weder »pädagogische Ziele«, noch sind sie an der »emotionalen Sicherheit der Kinder« groß interessiert. Die Kinder sollen primär funktionieren, damit die Lehrer bestmöglich ihre Rahmenlehrpläne durchpeitschen können.

xwing

Das Internet und der Buchmarkt sind voll mit Ratgebern für Eltern, wie sie ihre Kinder wieder für die Schule und für das Lernen (Hausaufgaben!) motivieren können. Die gesamte Wertschätzungs‐Logik, welche Kinder im Kindergarten erfahren haben, gilt in der Schule auf einmal nicht mehr. Nur wer dem Leistungsdruck standhält, sich anpasst und unterordnet, das macht, was Lehrer und Eltern von ihnen fordern und erwarten, nur der, erfährt noch die Wertschätzung seiner Person. Alle anderen bekommen eine fünf, werden zur Nachhilfe geschleift, dürfen bis in die Nacht pauken oder werden zum »Problemfall«. Partizipation, Mitgestaltung und Selbstbestimmtheit werden gnadenlos der Funktionslogik der Schule -Wetttbewerb, Konkurrenz, Leistung‐ untergeordnet.

Entwertung (Lohnarbeit)
Beim Eintritt ins Berufsleben wird die Funktionslogik der Schule noch ausgeweitet und sich endgültig von Werten wie Empathie, Solidarität oder Nächstenliebe verabschiedet. Für Jugendliche,  die ernsthaft an der Selbstverwirklichung durch Lohnarbeit sowie an kulturimperialistische Werte glauben, dürfte es eine sehr schwierige Zeit werden. Wer keine Lohnarbeit findet oder keine hohe Qualifikation vorzuweisen hat, dem wird überall vermittelt werden, dass er ein wertloses und überflüssiges Individuum sei. Viele Jugendliche spüren noch den inneren Konflikt und kennen noch den Unterschied zwischen Selbstentfremdung und Selbstverwirklichung. Viele Erwachsene kennen ihn nicht mehr.

Solange weder die Schule, noch die Arbeitswelt nach pädagogischen Selbstwirksamkeits‐ und Wertschätzungs‐Konzepten umgestaltet wird, solange sind die Übergangsphasen für Kinder und Jugendliche Schockprozesse. Es sind eben keine eigenverantwortlichen und/oder individuellen Identitätskrisen, die pädagogischer oder psychologischer Hilfen bedürfen, sondern strukturgesteuerte Sachzwänge, die auf jedes Kind einwirken. Viele Sozialarbeiter tappen hier in die neoliberale Sprachfalle, dass Individualität, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung eine Soße sei. Die Eigenverantwortungs‐Verargumentierung wird jedoch überall als Methode verwendet, um Rahmenbedingungen, Strukturen und Sachzwänge unsichtbar zu machen.

Das komplette Gegenteil dessen, was Pädagogen den Kleinkindern noch vermittelt haben, wird in der neofeudalen Lohnarbeitswelt gnadenlos ausgeübt. Jugendliche sind den Interessen und Zielen von anderen ausgeliefert. Sie sind vielmehr Objekte, denn Subjekte. Verwertungsdenken, Nützlichkeits‐Habitus und Funktionslogik sind in der marktradikalen Lohnarbeitswelt die bestimmenden Werte. Denn global gilt: Solidarität ist Kommunismus. Soziale Prinzipien ein Handelshemmnis. Humanistische Werte wettbewerbschädigend. Und Konsumverzicht ein Wirtschaftsverbrechen. :JAJA:

____________________________________________________________________

Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen 42 Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden. Eine Auswahl bisheriger Teile:

» Teil 40: Erzieher. Lehrer. Eltern.
» Teil 26: Elternängste
» Teil 24: Freiräume
» Teil 18: Leistungsdenken

7 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 43: Übergänge

  1. Kinder sind vielleicht der wichtigste »Human‐Rohstoff« jeder Gesellschaftsform, gleichgültig wie diese organisiert wird, faschistisch, marktradikal, »kommunistisch«, demokratisch, liberal, klerikal etc.

    Jede Doktrin, jedes Dogma zerrt an Kindern und Jugendlichen herum, beeinflusst, krempelt um, um diesen »Human‐Rohstoff« für seine Ziele zu formen.
    Es funktioniert immer, denn auch die meisten Eltern, fast die ganze Gesellschaft läßt sich »einspannen«, oft natürlich unbewusst.

    Die »Fliegenden Bretter« haben im letzten Artikel darauf hingewiesen, das heutige junge Menschen anscheinend die bürgerlichen und neoliberalen »Werte« für ihr weiteres Leben bereits anstreben.

    Mission accomplished.

  2. @Alles nur Satire

    »Sicherer Job, gutes Einkommen, Eigenheim, Auto, zwei Kinder, regelmäßig Urlaub. Hat sich was mit Aufbegehren. Da will kaum jemand die Welt aus den Angeln heben, sich selbst verwirklichen, das System stürzen oder welcher Popanz sonst gerade durchs Dorf getrieben wird. Das System sitzt da so fest im Sattel wie nie zuvor.«

    Ja. Das hat der werte Kollege Stefan Rose gut auf den Punkt gebracht!

    P:S: Leider verschwinden meine Kommentare bei ihm regelmäßig im Nirvana oder hängen sich auf. Das ist technisch drüben ein wenig kompliziert.

  3. Schöner Beitrag, regt zum nachdenken an. Schule dient m.E. weniger der Aneignung von Wissen als vielmehr der subtilen Vermittlung von erwünschtem Verhalten: Akzeptieren von Hierarchien, jeder ein Einzelkämpfer, jeder wird bewertet, Leistung als Massstab des Selbstwertes etc. Wie sehr die ganze Organisation des Schulwesens auf Vorstellungen aus dem 19. Jhdt. fusst zeigt sehr schön dieser animierte Vortrag von Sir Ken Robinson (auf Englisch).
    https://www.youtube.com/watch?v=zDZFcDGpL4U&t=623s

  4. @Alles nur Satire
    Exakt so sehe ich es ebenfalls. Bildung und Erziehung (beides weit gefasst) gehören zu den wichtigsten Grundlagen für das »Funktionieren« einer Gesellschaft/Gemeinschaft.

    In der Gegenwart (Hierarchie und Herrschaft):
    Denken und Menschen werden, wenn man so will, standardisiert. Aus dem menschlichen Genius wird ein »eindimensionaler Mensch«. Verfangen im Glauben, dass man mit dem Ändern einer Dimension (viel und wenig, rechts und links, arm und reich, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, gerecht und ungerecht, dafür und dagegen ...) ein Optimum erzielen kann, ist er außerstande, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und dementsprechend leicht (ver)führbar/manipulierbar. Die Ergebnisse so einfacher Denkstrukturen sind dann Klassenkampf, Wahlen, Malen nach Zahlen für Erwachsene, Umweltverschmutzung, Parteien, Hunger, Kriege, Massentierhaltung, Parlamente, Butterberge, Sommerzeit, Überproduktion, Schuldgeld, Zinsen ... Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

  5. @Epikur: Das mit den Kommentaren bedaure ich zu hören. Mein Spam‐Ordner ist leer und ich bekomme auch keine Mails. Das bedeutet, die Kommentare verschwinden irgendwo in den Tiefen der Software. Leider hat man bei blogger.com nur wenig Möglichkeit, technisch was zu schrauben. :NENE:
    Letztes Jahr hatte schon ein freundlicher Leser so ein Problem, ich habe das daraufhin öffentlich gestellt und es entstand eine kleine Diskussion. Vielleicht hilft’s ja weiter.

  6. @epikur
    Ich weiß nicht, ob es was mit der Roboteraufgabe zu tun hat, aber ich habe bei Stefan auch manchmal Probleme, mit Straßenschildern. Versuchs mal mit dem Ändern der Aufgabe (links unten), meistens kommt dann PKW, das funktioniert besser.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.