Presseblick (60)

Pedanterie und Kleingeistigkeit sowie eine vorauseilende Regel- und Gesetzeshörigkeit sind typische Anzeichen von deutschen Eichmann-Schreibtischtätern. Wie gerecht, moralisch nachvollziehbar oder angemessen viele Regeln und Gesetze wirklich sind, interessiert scheinbar weniger. Gesetz ist Gesetz. Sich daran zu halten und jede Regelwidrigkeit sofort zu melden, ist oberste Bürgerpflicht! Wir leben schließlich in Deutschland! Und Ordnung muss sein! :bulle:

hessenschau.de vom 10. Februar 2017

hessenschau.de vom 10. Februar 2017

Krieg
Frieder Wagner hat im Jahr 2007 mit der Dokumentation »Deadly Dust« wahrlich Staub aufgewirbelt. Die Folgen von Uran-Munition im Serbien-Krieg und im Irak-Krieg ‑radioaktiv verseuchte Gebiete und eine erhöhte Gefahr an Krebs zu erkranken- wurden in dem Film thematisiert. Für die NATO-Länder hat Uran-Munition den »Vorteil«, ihren radioaktiven Müll los zu werden. Der Film wird bis heute medial totgeschwiegen und Wagner bekommt keine öffentlichen Aufträge mehr. Nun gibt das Pentagon zu, dass die USA in Syrien Uran-Munition einsetzen und niemanden interessiert es. Keine Aufregung. Keine Proteste. Nichts. Aber Putin frisst Katzenbabys.

Dazu passt: »Radioaktivität über Europa — Experten rätseln über die Quelle.« Ob die Reaktorunfälle in Tschernobyl und Fukushima oder die weltweit eingesetzte Uran-Munition: Radioaktivität lässt sich nicht national begrenzen. Natürlich wissen das alle Beteiligten, tun aber auf doof oder erzählen uns irgendeinen Bullshit.

Arbeitsmarkt
Die Massenmedien lügen. Politiker lügen. Ehepartner lügen. Aber das die Werbeindustrie sowie Vertriebsmitarbeiter strukturell bedingt schon immer gelogen haben, wird als kapitalistisch-systemischer Naturzustand in aller Regel akzeptiert. Deshalb ist die Headline: »GameStop-Skandal: »Du bist Verkäufer, Du musst lügen!« — Das sagen deutsche (Ex-)Mitarbeiter« auch typischer Clickbait-Journalismus, der nach Skandal schreit, der schon längst als alltägliche Normalität durchgeht. Mutiger wäre es gewesen, wenn die Redakteure die Werbelügen ihrer eigenen Anzeigenkunden entlarvt hätten. ;)

Politik
»Herr Pofalla wird Mensch« titelt Spiegel Online in einem Spiegel-Plus-Beitrag. Es menschelt gar sehr. Und das bei einem CDU-Politiker, der sich politisch immer angebiedert hatte, im CDU-Steuersumpf verstrickt war und die NSA-Affäre ‑freilich ohne jede Art von Aufklärung- im Jahr 2013 für beendet erklärt hatte. Für diesen Mann dürfen Spiegel-Leser ein Plus-Abo abschließen, um mehr über seine einzigartige Erwerbsbiographie zu erfahren:

Der Agenda 2010-Steinmeier ist nun zum Bundespräsidenten gewählt worden. Alleine der Begriff »Wahl« ist an dieser Stelle nicht nur irreführend, sondern auch grotesk. Für alle Beteiligten war im Vorfeld klar, wer Bundespräsident werden würde. Die »Wahl« war somit keine, da der »Sieger« bereits vorher fest stand. Dennoch bediente man sich diesem Relikt, um weiterhin die Demokratie-Simulation aufrecht zu erhalten. Die SPD konnte es aber nicht abwarten und feierte daher schon via Twitter, bevor die offizielle Zeremonie abgeschlossen war. Nachdem es darüber Protest gab, löschte der Berliner SPD Landesverband den Tweet.

Übrigens: der Populismus von Oskar Lafontaine, Donald Trump oder Hugo Chavez ist böse. Der von Martin Schulz (SPD) ist gut. An diesem absurden Narrativ arbeitet, unter anderem, Spiegel Online und entlarvt damit unfreiwillig, dass der Begriff eine inhaltlslose Kampfvokabel ist.

Medien
Satiren über Christen, Moslems, Schwule, Veganer, Politiker, Rentner, ALG2-Empfänger und jede andere gesellschaftliche (Rand-)Gruppe muss man aushalten. Meinungsfreiheit und so. Nur bei Juden hört der Spaß auf! Und zwar immer und überall! Beispiele hierfür gibt es wie Sand am Meer. Der Antisemitismus-Vorwurf sowie der Kinderschänder-Vorwurf genügen heutzutage bereits, um Menschen medial und beruflich fertig zu machen: »Pewdiepie — Nach Antisemitismus-Vorwurf: Disney trennt sich vom YouTube-Star.« Selbstverständlich wurde hier die Kommentarfunktion abgeschaltet. Kritik an Antisemitismus-Vorwürfen ist nämlich bereits rechtes Gedankengut. Und das ich diese Meldung hier überhaupt erwähne, zeugt auch schon von meinem Querfront-Nazi-Geist! :jaja:

Die Stanford-University betreibt nun »Trollforschung«. Ihr Ergebnis: wer mies drauf ist, neige eher zum trollen in sozialen Netzwerken. Wow! Krasse Studie! Am Ende instrumentalisiert der Redakteur Eike Kühl auf zeit.de das Thema, um  das Schließen ganzer Kommentarsektionen bei den großen Massenmedien (zuletzt wieder NZZ), mit der immer gleichen Leier zu rechtfertigen: Fake News, Hasskommentare, Putinversteher, Populisten, Verschwörungstheoretiker, Social Bots und natürlich: Trolle. Es geht keineswegs darum, dass die Kuh-Medien mit ihren systematischen Beschönigungen, Verzerrungen und Lügen längst die Meinungs- und Deutungshoheit verloren haben. Denn wer das behauptet, ist nicht nur ein Verschwörungstheoretiker, Populist und Fake-Newser, sondern auch ‑richtig- ein Troll! :bulle:

Natürlich kommen auch die Kinder schon früh in Kontakt mit Hofberichterstattung und Kuh-Medien. ZDF-Tivi hat knallhart recherchiert: »Fake-News als Thema im Unterricht.« Unsere Kinder sollen bloß nicht auf dumme Ideen kommen und die üblichen Mainstream-Narrative hinterfragen!

An dieser Stelle auch noch einmal der Hinweis auf die regelmäßige, fast tägliche Presseschau von Andreas bei Duckhome: »aufgelesen und kommentiert«. Sehr zu empfehlen!

Bildung

Junge Welt vom 22. Februar 2017

Junge Welt vom 22. Februar 2017

Obdachlosigkeit
Rund 25.000 Menschen in Berlin sind ohne Unterkunft. Dies entspricht der Einwohnerzahl einer Kleinstadt in Deutschland. Bundesweit sind es mehr als 300.000. Nach gängiger neoliberaler Eigenverantwortungs-Dogmatik sind sie alle selbst schuld. Weder die Sanktionspraxis der Jobcenter, der knallharte Arbeitsmarkt (also die Unternehmen samt ihren Feudalherren), noch die explodierenden Mietpreise haben damit irgendetwas zu tun. Es ist genau so, wie es Prof. Christoph Butterwegge betont hat: »Armut unter Armen ist erträglich. Aber Armut unter protzendem Reichtum ist unerträglich«. Und an alle radikalen Feministinnen: Rund 75 Prozent aller Obdachlosen in Deutschland sind Männer. Aber da seit ihr ganz bei der neoliberalen Selbst-Schuld-Erklärung, nicht wahr?

Ein paar Promis haben eine Kampagne gestartet, um auf das Obdachlosen-Problem aufmerksam zu machen. Sie überließen ihre Instagram-Accounts für eine bestimmte Zeit obdachlosen Menschen, die dann von ihrem Leben auf der Straße berichtet haben. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Auch Prinz Pi machte mit:

Während dieser Clip auf Youtube noch nicht mal 10.000 User angeschaut haben, werden seine Liebes-Herzschmerz-Hipster-Lieder millionenfach angeklickt. So tickt die Masse. Früher war er eindeutig besser! Aber mit dem Schnulzenkram macht man eben mehr Kohle. Und mit dem Alter kommt die Kleinbürgerlichkeit von ganz allein. Bei den meisten jedenfalls. Wer sich sein Jugend-Rebellentum bis ins hohe Alter bewahrt, wird als Spinner tituliert, der nicht erwachsen werde. Denn »erwachsen sein« bedeutet, die herrschende Ordnung zu akzeptieren, sich zu fügen und Geld »zu machen«. Egal wie.

» Archiv: Presseblick

4 Gedanken zu “Presseblick (60)

  1. Auch SPON hat anscheinend noch nie etwas von Pfandflaschen sammelnden Niedrigrentnern, inkontinenten Senioren, Alzheimer und Demenz gehört:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/generationenstudie-senioren-geniessen-steigende-einkommen-a-1136633.html

    SPON: Menschen zwischen 65 und 85 haben monatlich bis zu 2.400 Euro zur Verfügung, arbeiten noch gerne dazu und sind fit wie Olympioniken. Allen gehts doch gut.

    Zur sportlichen Betätigung möchte ich aus eigener Erfahrung sagen, dass nur eine kleine Minorität regelmäßig Sport betreiben kann. Ich perönlich empfinde dies mit meinen 70 Lenzen sogar als Privileg. Der Film »Herbstgold« wurde seinerzeit von den Medien gefeiert. Ich finde die Gestalten einfach nur bedauernswert und war der öffentlichen Vorstellung des Films der Einzige im Publikum, der sich mit dem anwesenden Regisseur in der anschließenden Diskussion anlegte..

    https://www.youtube.com/watch?v=sW0GYTU_2kk

  2. @altautonomer

    Danke für den Artikel-Hinweis. Überraschenderweise gibt es diesmal viele interessante Kommentare, die den Teile-und-Herrsche-Versuch des Redakteurs (»alt vs. jung«) durchschauen. Wie beispielsweise dieser Kommentar hier:

    »Ja, die jungen Familien zahlen für die Kreuzfahrt, und das ist richtig so, ich tue das gern, haben doch die Rentner früher im aktiven Erwerbsleben für sie gesorgt. Das Problem ist eher, das die junge und die mittlere Generation wegen stagnierender Einkommen bei steigender Produktivität die Unternehmensgewinne mehrt, und diese bringen den Rentenkassen nichts. Darum bleibt den Jüngeren immer weniger, und nicht wegen der Rentner. Und darum werden die Jüngeren später schmale und auseinanderklaffende Renten haben.«

  3. Apropos Kraul-Verbot im Schwimmbad:

    Beim Kraulen sind die Augen auf den Schwimmbadboden gerichtet und die meisten Krauler sehen daher häufig nicht so gut, wer ihnen entgegenkommt bzw. wenn sie einen »Auffahrunfall« verursachen.
    Es kommt tatsächlich vor, dass ein Kraul-Schwimmer durch die ausholende Armbewegung einem anderen Schwimmer ein Veilchen verpasst.
    Das Problem ist ehrlich gesagt schon länger bekannt, weshalb es häufig extra-Bahnen für die schnellen Kraul-Schwimmer gibt. Wenn ein Schwimmbad jetzt aber voll ist, dann gibt es diesen Luxus nicht, also Kraul-Verbot.

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