Bullshit-Bingo-Gelaber

Bei all der berechtigten Medienkritik die von allen Seiten kommt, vergisst man häufig einen Aspekt: den zunehmenden Mangel von präziser und interessanter Sprache bei Journalisten. Aktuell gibt es politische Sondierungsgespräche zwischen den Parteien über die zukünftige Regierungskoalition. Unsere bürgerlichen Massenmedien entblöden sich dabei nicht, über Nicht-Nachrichten zu schwadronieren. Alles Spekulationen, Vermutungen und Thesen. Aber Hautpsache irgendwie, irgendwas rumlabern:

  • „Union, FDP und Grüne müssen zeigen, dass sie die Königsdisziplin der Demokratie beherrschen: den Ausgleich von Interessen.“ (sueddeutsche.de vom 23.10.)
  • „Wenn eine schwarz-gelb-grüne Koalition zustande kommt, hat sie das Potenzial, für frischen Wind zu sorgen.“ (fr.de vom 23.10.)
  • „Die Atmosphäre passt – doch ab jetzt geht es zwischen Union, FDP und Grünen um die Details.“ (spiegel.de vom 23.10.)
  • „Es bekommt einfach jeder seine Ausgabenwünsche erfüllt, solange Geld da ist oder noch etwas länger“ (faz.net vom 23.10.)

Was für ein „frischer Wind“? Welche „Demokratie“? Welche „Atmosphäre“? Was labern die alle für einen Bockmist? Gibt es noch so etwas wie Vernunft, authentische Sprache oder selbstdenkende Journalisten abseits von Plastikbegriffen, Gummiwörtern und hohlen Bullshit-Bingo-Phrasen? Sind denn alle verrückt geworden? :WTF:

4 Gedanken zu “Bullshit-Bingo-Gelaber

  1. Was sollen die Journalisten der Leitmedien auch sonst schreiben als dieses inhaltslose Gequarke?

    Das es zum Bleistift in diesem System und Parlament völlig egal ist, wie sich selbiges zusammensetzt? Ob da jetzt GroKo, Jamaika oder sonstwas am Etikett steht, ist doch völlig schnuppe und ein wahrhaft kritischer Beitrag ist vermutlich der letzte, den so ein Journalist ablieferte, wenn er überhaupt durch die Zensur – äääh redaktionelle Prüfung – käme…

    Was die Phrasen selber betrifft:

    Königsdisziplin der Demokratie – Ist dieser Interessenausgleich nicht genau das, was Demokratie an sich ist?

    Potenzial für frischen Wind – nur weil es dieses Potential gibt, heisst das noch lange nicht, dass es auch welchen gibt und zumindest ich gehe nicht davon aus.

    Die Atmosphäre passt – na toll! Und sonst so? Ja geht halt schon irgendwie…

    Es bekommt einfach jeder seine Ausgabenwünsche erfüllt, solange Geld da ist oder noch etwas länger – klaro und nachts ist es kälter als draussen, aber zum Glück wird´s ja früh wieder hell, notfalls mit Ketteninnenbeleuchtung am Posttraktor.

    Soviele Bretter gibt´s gar nicht, wie man bei diesem Gequacker braucht und selbst beim morgendlichen Lesen der Tageszeitung könnte man manchmal schon rückwärts die Wand hochlaufen angesichts des Wortbreis darin.

    Ferdsch? Ferdsch!

  2. Schönsprech und Phraseologie Man muß diese neuen Ausdrücke einer degenerierenden deutschen Sprache nur oft genug gehört und gelesen haben – irgendwann benutzt man die vielleicht selber.
    Falls ich morgens aktuelle Propaganda lesen möchte, mache ich mir den Videotext an. Da erscheint dieser Mist wenigstens in verknappter Form und ist damit minimal erträglicher. Der Rest wird automatisch in eine korrekte Sprache übersetzt. Das haben ich früher schon so gemacht, falls mein diktaturgeschultes Sprachzentrum sowas nicht vorher schon aussortiert hat.
    Oder ich mache nur Schlagzeilenlesen – da weiß man sofort, was man überfliegen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.