Die „Le Monde Diplomatique“ und die „Blätter“

Eigenwerbung der "Blätter". Bei Obama, der offiziell 2363 Tage in sieben Kriegen weltweit aktiv war, gab es deutlich weniger Widerstand bei der "Insel der Vernunft".

Eigenwerbung der „Blätter“. Bei Obama, der offiziell 2363 Tage in sieben Kriegen weltweit aktiv war, gab es deutlich weniger Widerstand bei der „Insel der Vernunft“.

Seit vielen Jahren habe ich die Blätter für deutsche und internationale Politik sowie die Le Monde Diplomatique abonniert. Ich fühle mich stets mit vielen interessanten und alternativen Blickwinkeln, Analysen, Interpretationen und Bewertungen versorgt. Doch in letzter Zeit lese ich immer wieder Beiträge in beiden Publikationen, die unverhohlen im NATO-Mainstream-Meer fischen. Zwar gibt es immer wieder sehr gute, linke und kritische Berichte, Artikel und Reportagen, aber sobald es beispielsweise um Themen wie Trump oder Putin geht, wird- ähnlich wie auf Spiegel Online, Zeit, Welt oder sueddeutsche.de– nicht selten der Populismus- und Verschwörungstheorie-Hammer geschwungen und/oder häufig sehr einseitig analysiert. Dafür habe ich diese linken Monatszeitungen aber nicht abonniert.

Weiße Alte Männer und Toxische Männlichkeit
Die extrem einseitigen Feminismus-Beiträge habe ich zudem noch nie gemocht. In beiden Zeitungen nicht. Hier ist und war einfach niemals die Rede von Sorgerechts-, Unterhalts- und/oder Scheidungskriegen, von millionenfach entsorgten Vätern, davon das 80 Prozent aller Obdachlosen und Drogenkranken Männer sind, drei Viertel aller Suizide von Männern begangen werden, Kachelmann-Vorfällen bzw. Vergewaltigungs-Falschbeschuldigungen und deren Folgen, Männer in sozialen Berufen oder dass die Jungen in der Bildungsrepublik Deutschland schon lange das Nachsehen haben, dennoch weiterhin ausschließlich Mädchen und Frauen politisch gefördert werden. Denn solche Überlegungen passen nicht in das vorgegebene Links-Dogma-Korsett.

Wenn beispielsweise die US-amerikanische Politologin Wendy Brown in den aktuellen „Blättern“ (»Demokratie unter Beschuss: Der apokalyptische Populismus« / August 2017 / ab S. 47) seitenweise von „weißen Ansprüchen“, „weißer Vorherrschaft“, „kriegerischer weißer Männlichkeit“, „wütenden weißen Kerlen, die nach der Pussy greifen wollen“, „entthrontem Weißsein“ und „alternden weißen Männern, die in Panik geraten“ sowie von Trump behauptet, für ihn gelten die „uneingeschränkten Rechte seines Penis“, dann ist das für mich keine linksprogressive Denkweise, sondern schlicht Sexismus von der anderen Seite. Ja, feministische Perspektiven sind wichtig! Aber bitte nicht komplett ohne Erwiderung und Kritik daran. Bezeichnenderweise sind Wendy Brown und die Feministin Judith Butler ein Paar und leben zusammen.

Gerade von vermeintlichen Linksliberalen erwarte ich, dass sie sich stets beide Seiten der Gender-Medaille detailiert anschauen, statt immer und immer wieder nur das einseitige Narrativ vom Patriarchat verfestigen zu wollen. Eben auch, wenn es für Linke eher unbequem werden sollte, weil sie damit sofort bestimmte Beißreflexe von vermeintlich wahren Linken verursachen. Denn mit feminismuskritischen Artikeln konnte man innerhalb der Linken noch nie einen Blumentopf gewinnen.

Journalismus ist etwas zu veröffentlichen, was andere nicht wollen, daß es veröffentlicht wird. Alles andere ist Propaganda.“

– George Orwell

Aktuell sehr empfehlenswerter Artikel über Gentrifizierung. (Le Monde Diplomatique, 13. Juli 2017)

Aktuell sehr empfehlenswerter Artikel über Gentrifizierung. (Le Monde Diplomatique, 13. Juli 2017)

„Die Sprache ist das Haus des Seins“
Auch bei der inflationären Verwendung von politischen Kampfbegriffen und negativ besetzten Diffamierungsvokabeln, wie beispielsweise Hate Speech, Populismus, Verschwörungstheorie, Fake News oder Querfront, gibt es leider immer weniger analytische und rhetorische Sensibilität. Gerade alternative Publikationen sollten stets darum bemüht sein, Sprachanalysen zu betreiben. Ich würde mir beispielsweise mindestens einen Beitrag pro Ausgabe in der „Le Monde Diplomatique“ und in den „Blättern“ wünschen, der sich mit der aktuellen Herrschaftssprache sowie mit aktuellen Worthülsen-Vokabeln auseinandersetzt. Beispielsweise eine regelmäßige Neusprech-Rubrik. Denn damit werden wir derzeit regelrecht bombardiert. Und wir wissen mittlerweile von vielen Linguisten und Sprachphilosophen, dass Sprache und Denken sich gegenseitig konstituieren.

Ich kann leider mittlerweile nicht einmal mehr müde lächeln, wenn beispielsweise die Blätter oder die Le Monde  Diplomatique in einigen Beiträgen die „deutsche Demokratie“ hochhalten und mit dem moralischen Zeigefinger auf Putin, Afrika oder China zeigen. Allein der Begriff „Demokratie“ gehört schon seit langem auf den Prüfstand. Im Akkord werden mittlerweile Gesetze beschlossen, die gegen das Grundgesetz verstoßen (Netzwerkdurchsuchungsgesetz, Autobahnprivatisierung, Überwachung, Polizei-Maßnahmen etc.). Bayern will Menschen, sog. „Gefährder“ unbefristet und ohne jede Anklage wegsperren. Die System- und NATO-Presse betreibt schon lange Gleichschaltung und Propaganda (Griechenland, Syrien, Putin, Venezuela, GdL, Trump etc.). Die Agenda 2010-Gesetze sind durchweg menschenverachtend und verstoßen in vielen Fällen gegen das Grundgesetz. Und so weiter und so fort.

Hinzu kommen dutzende Skandale, Affären und Korruptionen. Was bitte ist hier noch „Demokratie“? Wählen gehen? Polizisten, die Zivilisten und Journalisten verprügeln? Lobbyisten, die in den Ministerien Gesetze formulieren? Große Parteispenden von der Industrie? Banken, die mit Milliarden gerettet werden? Würden die Bezeichnungen Neofeudalismus, Oligarchie oder Plutokratie nicht viel besser auf den derzeitigen Ist-Zustand passen?

Darüber hinaus lese ich beide Publikationen immer noch sehr gerne und kann sie durchaus weiter empfehlen.

Das neue digitale Prekariat getarnt als "Start Up". (Ausgabe Juli 2017, S. 29)

Das neue digitale Prekariat getarnt als „Start Up“. (Ausgabe Juli 2017, S. 29)


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3 Gedanken zu “Die „Le Monde Diplomatique“ und die „Blätter“

  1. Moin Epi,
    schöned Ding, Treffer versenkt.
    Falls nicht bekannt: ixquicke mal: neusprech.org
    schönes WE

  2. @Fluchtwagenfahrer

    Danke und ebenso schönes Wochenende!

    Neusprech.org kenne ich, ja. Ist teilweise nicht schlecht, geht mir häufig in der Analyse aber nicht weit genug. Der Kai Biermann darf vermutlich auch nicht zu (system-)kritisch sein, sonst mögen sie ihn bei der ZEIT nicht mehr. ;)

  3. Treffer versenkt, schließe mich an.
    Man stelle sich den Aufschrei vor, würden sich „weiße Männer“ in ähnlicher Weise über Frauen äußern.
    Schon seltsam, selbst Leute, die bei anderen Themen durchaus links oder liberal sind, fangen beim Geschlechterthema an, offensichtlich faschistische Haltungen zu unterstützen (ähnlich beim Thema der Migration).
    Offenbar gibt es einen guten und einen bösen Hang zu solch einem Denken, es kommt nicht mehr auf die Art des Denkens an, sondern nur noch auf die Gruppe, die man vertritt.
    Genau diese Leute sind es dann, die ständig von der Querfront salbadern, was nichts anderes ist als glatter Projektionismus.

    Querfronten gibts in der Tat, zwischen heutigem Feminismus (nicht zu verwechseln mit der früheren liberalen Frauenbewegung) und dem Neoliberalismus, ja in einzelnen Punkten sogar mit offenem Sozialdarwinismus wie bei der heute widerlegten, aber jahrelang virulenten These, das männliche Y-Chromosom sei vom Aussterben bedroht.

    Ebenso zwischen Feministinnen- und noch schlimmer, Feministen -und Rechtsradikalen, die sich überschlagen darin, die Frauenrechte (oder die Frauen-Rechte?) gegen den bösen Islam zu verteidigen und die sich auch nicht entblöden, immer wieder auf „unbegleitete männliche Flüchtlinge“ hinzuweisen, die – unausgesprochen, aber gemeint- von Natur aus offenbar dazu neigen, plündernd und vergewaltigend durchs Land zu marodieren.

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