Kranke Gesellschaft

»Wir alle sind krank. Die einen, weil sie keine Arbeit haben. Die Anderen, weil sie Arbeit haben.«

- Volker Pispers

Anmerkung: In unseren bürgerlichen Massenmedien wird jedoch vor allem nur darüber gesprochen, dass Erwerbslosigkeit krank machen würde. Sie würde Depressionen und Süchte verursachen. Wer sich nicht der Zwangsverwertung und der Selbstentfremdung durch Lohnarbeit unterwerfe, sei sinnentleert und unglücklich, so der Tenor. Dabei wird gerade auch die große Mehrheit der Bevölkerung durch ihre Lohnarbeit krank und kaputt.

8 Gedanken zu “Kranke Gesellschaft

  1. »Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein«. J. Krishnamurti.

    Ja, eigentlich ist es eine besonders zynische Krankheit² — man hat die Mehrzahl der Menschen derart abgerichtet, dass sie sich krank fühlen(!), wenn sie nicht das tun »dürfen«, was sie nachweislich in vielen Fällen wesentlich kränker und ja auf lange Sicht: erst richtig gebrechlich macht! Die Rechnung bekommt man oft dann erst im Alter. Aber daran denken die Jung‐Ichlinge heute ja sowieso nicht, anders lassen sich die hingenommenen »Rentenreformen« der letzten 20–30 Jahre nicht wirklich erklären. »Mich wird es schon nicht treffen, ich bin ja immer fleißig«. Wesentlicher Grund, ist ja, in unserem System das nackte Überleben an ein regelm. »Einkommen« zu koppeln — welches viele eben nur durch »Prostitution« erlangen können. Man denke da nur an die Schlecker‐Pleite — und wie viele jahrelang ausgebeutete, gepeinigte »Schlecker‐Frauen« dann um »ihre Arbeit« kämpften. Stockholm‐Syndrom! Man muss Westerwelle (oder war es Rösler?) dankbar sein für die ausnahmsweise klaren und unmissverständlichen Worte, als er von »Anschlussverwendung« sprach.

    Eigentlich müsste man die gesamte Gesellschaft auf eine rote Couch legen und von Grund auf psychotherapieren lassen. Doch letztere zielt in den allermeisten Fällen ja dann auch wieder nur darauf ab, die Hamster in ihre Räder zurückzutreiben, damit sie wieder »funktionieren«.

    Das ist dann auch ein wesentlicher Grund, warum gerade jene auf den untersten Stufen der Erwerbsarbeit (mit den stupidesten Jobs) sich am meisten von denen ohne eine Solche abgrenzen. Man hat sonst nichts, was dem Leben eine Bedeutung geben würde, keinen (von der kranken Gesellschaft!) »anerkannten« Inhalt... Von anderen Menschen, Freunden, Familien als »gebraucht werden« ist halt eben keine »Leistung«, an der ein anderer einen Mehrwert absaugen könnte. Deshalb hat auch heute einfach niemand mehr Zeit für den anderen. Bei den spärlichen Kontakten, die ich zumindest zeitweise am Siechtum / »Leben« erhalte, ist die einzige Konstante, dass sich niemand mehr persönlich für einen Zeit nimmt. Weil man keine hat! Alle sind nur im Dauerstress. Wenn du dann die pöhse, ketzerische Frage stellst, warum derjenige denn keine »Zeit« hat, hat sich das Thema dann auch recht bald erledigt...

    Letztens schrieb mir eine Ex‐Studentin aus Finanzamtszeiten, dass »sie ja 64 Überstunden rausarbeiten müsse« (sic!), weil daheim bald größere Renovierungsarbeiten anstünden und sie keinen ausreichenden Urlaub hätte. Und täglich grüßt das Murmeltier... Nimm einer wie der ihren stressigen Job weg — die würde schlicht: durchdrehen!

  2. Deren Definition von »Arbeitslosigkeit« geht ja auch nur von einem Bild aus wie aus dem Proll‐Fernsehen: Den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen, irgendwas glotzen und Knabbereien in sich hineinstopfen.
    Leute, die trotz Arbeitslosigkeit täglich was zu tun haben, sei es durch ihre Kinder, sei es, dass sie einen Garten oder eine Garage haben oder sportlicher Betätigung oder irgendeinem Hobby nachgehen, die sind beileibe häufig nicht die Inkarnation von Depression. Höchstens kann in manch einem Moment eine Spur von Verbitterung aufkommen — aber auch nur, weil man sich der Gewissheit in diesem System wägen kann, bist du einmal aussortiert, bleibst du auch aussortiert. Größeren Nutzen als den privaten Rahmen wird nie wieder einer von dir einfordern, und das kann manch einem in einem Moment doch auf den Kopf fallen, weil er sich mal was anderes vorgestellt hat. (Maximal, weil man mit dem Geld als »Aussortierter« keine großen Sprünge machen kann, sondern haushalten muss.)

  3. @ Dennis82

    Die Rechnung bekommt man oft dann erst im Alter. Aber daran denken die Jung‐Ichlinge heute ja sowieso nicht,

    Trifft völlig zu, ich würde ich zunächst in erster Instanz aber auf das Alter zurückführen. In seinen Zwanzigern hat man schlichtweg noch keine Vorstellung davon, wie das ist, wenn der Körper anfängt nachzulassen, ohne dass man das mit irgendwas kompensieren kann, da man sich in der Hochzeit seiner körperlichen Leistungsfähigkeit befindet. Zusätzlich kommt dann noch die Kondition aus der Psyche: Man ist eher bereit, neue Dinge auszuprobieren, man will sich einen Namen in der Gesellschaft machen, Anerkennung erhalten, für das, was man kann, gleichzeitig sind die Meisten in dieser Zeit auch noch nicht gebunden, sondern die Strukturen, die einen später binden, entwickeln sich erst in dieser Zeit; gleichzeitig fehlt es einem an Lebenserfahrung, die Meisten haben bis zu diesem Punkt noch keine so durchschlagende Erfahrung damit gemacht, wie schlecht Menschen auch sein können und wie es aussehen kann, wenn nicht alles so ist wie es scheint (Stichwort: Ausnutzung im Job und sich dagegen wehren).

    Auf der anderen Seite, in zweiter Instanz, kommt dann die Komponente der täglichen Propaganda hinzu, die einem weismacht, einem stehen als junger Mensch alle Türen offen, die Welt wartet auf dich, und es ist eine so große bunte und freie Welt, die untergeht, wenn man nicht frei konsumieren, frei reisen und frei seinen Mist in die öffentliche Umlaufbahn blasen kann.

    Wenn da nicht einschneidende Ereignisse dazwischen kommen so wie Unfall, chronische Krankheit, Kinder aus nicht aktuellen Beziehungen, die falsche politische Meinung vertreten und aufgrund dessen gefeuert zu werden oder Tod/Pflege eines sehr nachstehenden Angehörigen, bei dem kein anderer dafür verantwortlich gemacht wird, dann leben die Meisten mindestens bis zur 30 in einer Blase, in der alles gut geht und alle positiven Mantras dieser Zeit erfüllt werden — und dementsprechend gehen sie durchs Leben, sind mental konditioniert und predigen allen anderen das so — kritiklos — weiter.

    Maximal behalten ehemalige Mobbingopfer ein oder andere Erkenntnis aus diesen Tagen zurück, aber davon auch nicht alle, weil ihnen vom »besseren Leben nach der Schule« gepredigt wird, was sich für manche sogar auch noch erfüllt — defacto und/oder augenscheinlich.

  4. Ob Arbeitslosigkeit die Sehnsucht nach Betäubung fördert wage ich zu bezweifeln, wenn ich mir die ganzen Systemklone betrachte, die sich von Freitagmittag bis Sonntagabend zuknallen bis zur Bewusstlosigkeit. Ich denke mal, viel anders, als im Zustand der totalen Betäubung können diese Individuen aus der Retorte ihr sinnfreies/‐entleertes Dasein auch gar nicht ertragen, als konstant bedudelt, besflimmert, belallt zu werden und sich in ihrer Freizeit zu berauschen. Keine Frage, es gehört zum Leben dazu, sich auch mal auszuklinken und dem Rausch hinzugeben. Drogen, in Maßen, sind sicherlich nicht grundsätzlich abzulehnen und gehören zur Kultur der Menschheit, aber welcher monetär verarmte Arbeitslose oder Rentner kann sich schon ununterbrochen zuknallen? Konsumismus bspw. ist ja auch eine Form von Sucht und Rausch. Die Leute arbeiten doch im Endeffekt nur noch dazu, sich ihre Ersatzbefriedigungen für ein entgangenes Leben zu finanzieren. Ich bin mir sicher, viele Leute sterben, ohne auch nur einen einzigen Tag gelebt zu haben. Kämen die Leute überhaupt erstmal zu Bewusstsein, bliebe für einen Großteil der Bevölkerung doch nur die Option des Suizids. Nichts besitzen sie. Vollkommen sinnfrei vegetieren sie dahin, die geistig entkernten Seelenkrüppel, zwischen wertlosen Bekanntschaften, fruchtlosen Partnerschaften, ihren Eltern, die sie nicht lieben, weil selbst die Mutterliebe eine Ware, wertloser Plunder ist, die es sich durch »Will to Please« zu erschleichen gilt. Ich will nicht in Abrede stellen, dass es Leute gibt, die in ihrem Beruf aufgehen, etwas Sinnvolles tun und wahre Werte schaffen, aber ein Großteil der Leute kann in diesem System doch nur durch Selbstaufgabe, den Verzicht auf die eigene Persönlichkeit, bestehen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass der Mensch in diesem System des Strukturalismus, der Alternativlosigkeit, des Monetarismus überhaupt, zerbricht und zugrunde geht. Mir tun die Kinder leid, die in unsere denaturierte, pervertierte Gesellschaft hineingeschissen werden, denn diese nehmen die herrschenden Zustände als »normal« und gegeben hin. Sie werden noch pervertierter und degenerierter sein. Der totalen Asozialität sind Tür und Tor geöffnet.

  5. @DDD: Der Preis fürs »perfekte Leben«

    [..] Ein Indiz dafür, dass es in der westlichen Welt nicht so gut um diese Autonomie bestellt ist, liefert die Sterbebegleiterin Bronnie Ware. In ihrem internationalen Bestseller über die Reue der Sterbenden (dt. 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen) fasst sie deren Klagen wie folgt zusammen:

    Ich wünschte, ich hätte mehr Mut gehabt, ein Leben in Ehrlichkeit mit mir selbst zu leben, nicht das Leben, das andere von mir erwarteten.
    Ich wünschte, ich hätte nicht so hart gearbeitet.
    Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.
    Ich wünschte, ich hätte Kontakt mit meinen Freunden gehalten.
    Ich wünschte, ich hätte mir selbst erlaubt, glücklicher zu sein. [..]

  6. Volker Pispers hat völlig recht, denn ich erlebe ja seit Frühjahr am eigenen Leib wie krank unsere (Arbeits-)gesellschaft ist.

    Ja, ich habe Arbeit, allerdings »nur« Leiharbeit und zwar total berufsfremd als »ungelernter Maschinenbediener« im sogenannten »Reinraum« einer hiesigen Pharmafabrik in 3er‐Schicht (heute das erste Mal in meinem Leben Nachtschicht von 22:00 — 6:00 Uhr) — meine Umschulungsabsicht zurück auf einen berufsverwandten kfm. Büroberuf habe ich aber (noch) nicht aufgegeben — für 2017 eben, und nicht über’s Arbeitsamt, da die mich seit Frühjahr dermaßen vera.... haben.

    Dank einem Anruf, und einer Beschwerde bei der unabhängigen Patientenberatung weiß ich jetzt a.) für 2017 eine Alternative und b.) warum sich die Arbeitsagentur in meinem Fall dermaßen quer stellt, und dies wohlwissend, dass meine alte Berufsausbildung nichts mehr wert ist. Ratet mal?

    Ich verate es euch, meine 46 Lenze sind das Problem.

    Ja, wäre ich 30 — oder gar noch jünger, aber so.....

    Die von der Arbeitsagentur interessiert nicht einmal, dass ich aufgrund eines schweren Schicksalsschlages in unserem Familienunternehmen wieder auf eine berufliche Alternative angewiesen bin.....neoliberal-menschenfeindliches Deutschland eben.....und ist froh, dass ich zwar eine Arbeit, wenn auch eine total berufsfremde für mich.....gefunden habe....

    Hauptsache draussen aus der Statistik — mal rein vom Arbeitsamt aus gesehen....

    Die Genehmigung für die »Externen Prüfung« der hiesigen IHK auf einen kfm. Büroberuf habe ich real vorliegen, aber kann diesjahr nichts damit anfangen, und nächstes Jahr weiß ich auch nicht, da mir die Gültigkeit nicht bewußt ist — unbegrenzt oder auf begrenzte Zeitdauer....

    Gruß
    Bernie

    PS: Das jahrelange Schüren von Vorurteilen macht auch psychisch krank, und das weiß hier jeder aus eigener leidvoller Erfahrung sicher selbst, der einmal Opfer von Vorurteilen, und deren Verbreitern, in .de geworden sein dürfte.....eigentlich auch mal einen eigenen Thread wert, nicht nur die Thematik arbeitslos oder nicht betreffend....unsere mittlerweile jahrzehntelange Vorurteilsrepublik Deutschland....

  7. »Wer sich nicht der Zwangsverwertung und der Selbstentfremdung durch Lohnarbeit unterwerfe, sei sinnentleert und unglücklich«

    Und die,die behaupten,sie wüssten ganz genau,was für andere das Beste ist und was in anderen so vor sich geht,haben in Wirklichkeit anscheinend überhaupt keinen blassen Schimmer.Die wissen vielleicht gar nicht einmal,was für sie selbst das Beste ist...Auf sowas würde ich gar nicht mehr hören!

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