Anleitung zur Ausbeutung

knigge_titelGustave Le Bons „Psychologie der Massen“ ist aktueller denn je. Die Massen sollen (und wollen!) geführt, gesteuert und gelenkt werden. Schließlich will der Geldadel bei seiner Besitzstandswahrung und Profitvermehrung nicht gestört werden. Auch Unternehmen haben ein Interesse am Betriebsfrieden. Lohnarbeiter sollen funktionieren, nur reden, wenn sie gefragt werden und nicht aufmucken. Um all das zu erreichen, gibt es mittlerweile eine ganze Fülle an Methoden und subversiven Mechanismen. Heute stelle ich zehn beliebte und aktuelle (Um-)Erziehungsmaßnahmen vor.

  1. Mache den Leuten Angst! Wer in ständiger Furcht lebt, unsicher und gehemmt in seinem Handeln ist, der hat auch wenig Mut, seinem Chef die Meinung zu sagen, auf die Straße zu gehen oder zu protestieren. Fatalismus, Ohnmacht und Resignation machen sich breit. Gleichzeitig hat es den hübschen Nebeneffekt, dass eingeschüchterte Menschen generell mehr konsumieren (Frustessen, Sicherheits-Produkte, Vorräte, Versicherungen etc.),  als eher ausgeglichene und sorglose Zeitgenossen.
  2. Fülle ihre Köpfe mit Nichtigkeiten! Damit Niemand auf die Idee kommt, über essentielle Sachverhalte, wie Krieg und Frieden, Reichtum und Armut sowie Freiheit und Zwang nachzudenken, müssen banale Themen zu gesellschaftlich relevanten Diskursen aufgeblasen werden. Hierzu zählen Promi-News, Boulevard-Themen, Sport-Events (EM, WM, Olympia etc.), TV-Sendungen, Wer, Wie, Wo, Wann, Was gesagt haben soll (oder auch nicht) sowie viel Alltags-Gedöns abseits von kritischer Berichterstattung.
  3. Teile und Herrsche! Spalte die Menschen in viele unterschiedliche Gruppen und hetze sie gegeneinander auf (Raucher gegen Nichtraucher, Frauen gegen Männer, Gesunde gegen Alte, Eltern gegen Erzieher, Vegetarier gegen Fleischesser, Deutsche gegen Ausländer etc. – und umgekehrt!). Eröffne gleichzeitig viele Nebenkriegsschauplätze (beispielsweise „Gender Pay Gap“ statt Managergehälter), werfe Nebelkerzen und entsolidarisiere, isoliere und atomisiere die Menschen. Dadurch sind sie alle so sehr mit sich selbst und ihren Nachbarn beschäftigt, so dass der Geldadel in Ruhe die Menschen weiter ausbeuten und seine Pfründe genießen kann.
  4. Bespaße Deine Untertanen! Zwar gibt es heute keine Gladiatoren-Arena-Kämpfe mehr, dafür aber Gewinn-Shows, Casting-Sendungen, Videospiele, Konzerte, Filme, Musik-Wettbewerbe, vermeintlich lustige Internet-Videos, Mobile-Spielchen, Fussball-Events und vieles vieles mehr. Wer stets in der Unterhaltungsblase lebt, entwickelt auch keine Wut auf die herrschenden Verhältnisse.
  5. Lasse Ihnen keine Zeit zum Nachdenken! Sie müssen stets berieselt werden, ständig beschäftigt sowie Opfer und Getriebene von Strukturzwängen sein. Wer von morgens bis abends schuftet, Kinder, Haushalt, Familie und Hobbys vereinbaren will, wird keine Zeit zum Nachdenken haben. Und das ist auch gut so!

     

    »Die Verbrechen der Massen sind in der Regel die Folge einer starken Suggestion, und die einzelnen, die daran teilnahmen, sind hinterher davon überzeugt, einer Pflicht gehorcht zu haben.«

    Gustave le Bon. „Psychologie der Massen“. Nikol Verlag. Hamburg 2009. S. 150

     

  6. Forme die Sprache nach Deinen Interessen um! Betreibe semantische Enteignung. Bullshit-Bingo, (Halb-)Lügen, Werbesprache, Versprechungen, Verzerrungen, Begriffe besetzen, Euphemismen, Oxymorone, Zwiesprech, Neusprech, Plastik-und-Lego-Wörter, Emotionalisierungen, Gummibegriffe, Wortverdrehungen und so weiter. Bediene Dich sämtlicher Methoden, um die Sprache nach Deinen Bedürfnissen anzupassen. Denn sobald die Untertanen die Sprache der Herrschenden verinnerlicht haben, verfolgen sie auch deren Interessen.
  7. Halte die Menschen dumm! Gibt es zu viele Menschen, die politische Sachverhalte, wirtschaftliche Methoden, Manipulations-Verfahren und Herrschafts-Mechanismen verstehen, ist deine Macht bedroht. Insofern wird die Masse nur zum konsumieren und lohnarbeiten gebraucht.
  8. Verunglimpfe alle Alternativen! Jede Sichtweise, Perspektive und Analyse, jenseits des von Politik, Medien und Wirtschaft öffentlich Gesagten, sollte diskreditiert werden als: Verschwörungstheorie, Antiamerikanismus, Populismus, Antisemitismus, Spinnerei, Übertreibung, Extremismus, Hassbeitrag und so weiter. So kann gewährleistet werden, dass die Hofberichterstattung bei den Bürgern als die absolute Wahrheit verinnerlicht wird.
  9. Bringe sie dazu, ihre Sklaverei zu lieben! Wer glaubt, in Freiheit und Autonomie zu leben, hat keinen Grund zu protestieren. Verkaufe den Zwang zur Lohnarbeit als „Selbstverwirklichung“, den Abbau von Bürgerrechten, verfassungswidrige Gesetze, übertriebene Polizeimaßnahmen, die Ausweitung der Überwachung, Waffenexporte in Diktaturen, rechtsfreie Geheimdienste und so weiter, als Freiheit und Demokratie sowie Angriffskriege als „humanitäre Intervention“.
  10. Kaufe, erpresse oder bedrohe die Opposition! Sollte es dennoch zu ernsthaften Gegnern kommen, welche die Besitzstandswahrung und -Vermehrung gefährden könnten, so kaufe, erpresse oder bedrohe sie. In der Reihenfolge. Die SPD sowie der DGB sind ein gutes Beispiel, wie man hier vorgehen sollte. Oft genügt bereits der Wink mit dem Geldschein.

Welche Methoden zur Kontrolle der Massen heute außerdem sehr effektiv sind, erklärt wunderbar der Psychologe Rainer Mausfeld:

Alle diese Methoden zur Kontrolle und Steuerung der Massen sind ein Zusammenspiel und eine Gemengelage von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Es ist unwahrscheinlich, dass dahinter ein Mastermind steckt. Dennoch haben Abgeordnete und Vermögende oft die gleichen Ziele: die Konsumenten sollen ruhig gehalten werden, jedoch zugleich im Sinne von Unternehmen und Gross-Kapital funktionieren: als Steuerzahler, Konsument und Lohnarbeiter.

Die Unterwanderung der Opposition sowie die Einschüchterung des Widerstandes sind in einer Mediendemokratie nicht mehr zwingend erforderlich. Zwar gibt es hin und wieder auch einen Agent Provocateur bei großen Demonstrationen (wie beispielsweise beim G-8 Protest in Heiligendamm 2007) oder auch verdeckte Ermittler in linken Kreisen, aber die Massenmedien und der Lohnarbeits-Zwang halten die Bevölkerung in aller Regel sehr viel effektiver bei „Laune“.

12 Gedanken zu “Anleitung zur Ausbeutung

  1. Das sprachlos machende Thema. Sich beim Unterworfensein selbst zu schauen. Im Nachhinein kann man daran das Positive sehen: ganz nahtlos ist das Unterworfensein in der Ordnung nicht mehr. Langsam langsam kommen die ersten Resultate des unvermeidlichen Durcharbeitens dessen, was ist, damit wieder etwa ist, zum Vorschein. Das Schicksal einer jeden Ordnung ist die Durcharbeitung. Der Mensch ist nicht festgestellt. Man sagt, das heiße, er sei frei. Nun, das mag er sein oder nicht. Das Durcharbeiten ist aber nichts freies, denn man kann es nicht anhalten. Die Sukzession des Erlebens arbeitet alles durch, man weiß nicht wie, aber jedenfalls. Was heute ist, ist morgen anders oder nicht mehr. Was heute sieht was heute ist, sieht morgen anders und anderes. Unsere Sicht ist nie die gleiche und das was wir zu sehen bekommen, auch nicht. Jede festgestellte Ordnung geht daran zugrunde, die schlechten und die Guten. Zugegeben, die zeitliche Dimension ist bei gesellschaftlichen Ordnungen frustrierend lang, auch länger als ein Leben.

  2. Deswegen rede ich seit Jahr und Tag, wenn man die Massen dazu kriegen will, sich zu wehren und was anders zu machen, muss Psychologie ganz vorn auf die Tagesordnung. Weil vieles von dem, welchem sie bedingungslos und ohne nachzudenken hinterherlaufen, erst einmal etwas ist, was in ihrem Kopf stattfindet. Sie glauben daran, dass es wichtig ist – faktisch ist es aber bedeutungslos oder hat einen ganz anderen Stellenwert im Bezug darauf, ob es für das eigene tägliche Überleben wichtig ist.
    Da sind sich Teenager mit Markenklamotten und den neuesten Handys im Geiste gar nicht mal so unähnlich mit Erwachsenen, die meinen, sie müssten alle 2 Jahre einen neuen Fernseher haben und gleich die Wohnung neu einrichten, auf bestimmte Veranstaltungen gehen, um gesehen zu werden, in bestimmten Clubs sein, um zur Gesellschaft dazuzugehören, jedes Jahr in den Urlaub fahren, einen Neuwagen fahren statt eines guten Gebrauchtwagens oder sie müssten sich ein Haus kaufen, weil das zur Familienplanung dazugehört (geschweigedenn die Familienplanung überhaupt gehört zum Leben dazu – Leute ohne Kinder sind ja griesgrämig, selbstsüchtig, viel zu beschäftigt und sterben irgendwann mal allein – Kinder kriegt ja noch jeder Neandertaler erzogen (Irrtum!)).

  3. Durch deine gute Zusammenfassung der Nebenkerzen angeregt, versuche ich mal aufzuschreiben, über welche Entwicklungen nicht nachgedacht werden soll:

    1. Die Armut nimmt zu.
    Die ungerechte Verteilung des Wohlstandes wird zwar relativ häufig angesprochen, aber fast immer mit dem Focus auf die Reichen und wie diese immer reicher werden.
    Die Folgen der Armut finden in der veröffentlichen Meinung nicht statt. Keine Berichte über die Hungersnöte, Slumbildung, wie in London, Obdachlosigkeit, mehrere Jobs zum Leben nötig etc. Diese Dinge tauchen allenfalls auf, um Wohltätigkeit zu zeigen.

    2. Seit dem 2. Weltkrieg war das letzte Jahr (2015) das Jahr mit den meisten Toten in kriegerischen Auseinandersetzungen.
    Die Toten, die direkt durch Wirken der „westlichen“ Staaten verursacht werden, finden gar nicht statt. Aber auch das Ausmaß der bekannten Auseinandersetzungen wird regelmäßig heruntergespielt (Syrien, Irak, Mali) und hinzu kommen die Konflikte, die mehr oder weniger vollständig ignoriert werden (z.B. Mexiko, Brasilien, Bahrein, Kongo, Nigeria, Algerien, Angola, Jemen)

    3. Nach mehreren gescheiterten Revolutionen und Protesten wurden die Strukturen und der Zusammenhalt der arabischen (und türkischen) Gesellschaften zerstört.
    Dies taucht natürlich in den Medien auf, aber nur im Zerrspiegel. Als „Erfolgsgeschichte“ des arabischen Frühlings, als Flüchtlingsproblematik, Islambashing, Terrorismus, Erdogan …

    4. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit des Einzelnen wird durch eine Regelungswut und immer neue Repressionsmittel weltweit mehr und mehr eingeschränkt.
    So deutlich dies in den „westlichen“ Ländern spürbar ist, Hauptlast tragen die Menschen in der sog. Dritten Welt, hier sind die Repressionsmittel auch deutlich direkter.
    Dennoch möchte ich ein banales Beispiel aufführen:
    Seit ich 1983 das erste Mal auf dem Trafalgar Square war, wurden die folgenden Handlungen dort verboten:
    – Das Verkaufen von Taubenfutter
    – Das Füttern von Tauben
    – Das Verkaufen von irgendetwas
    – Das Klettern auf den Brunnen
    (seit diesem Zeitpunkt werden auf dem Platz private Sicherheitsleute eingesetzt, um die Verbote durchzusetzen)
    – Das Betreten der Brunnen
    – Das Klettern auf den Löwen
    Die Entwicklung ist sicher noch nicht abgeschlossen, es kann noch verboten werden:
    – Das Rauchen
    – Das Klettern auf den Sockeln der Löwen (damit Klettern insgesamt)
    – Das Rennen
    – Das Fotografieren

    Insgesamt erleben wir in den letzten vierzig Jahren einen deutlichen Anstieg der Unterdrückung und Ausbeutung.

  4. Bei der Aufzählung „Unterwandere die Opposition“ habe ich die V-Männer des VS bei rechten Gruppen vermisst. Diese waren ja nicht nur zum Beobachten da sondern selbst in solch führenden Positionen, so daß man gar nicht mehr wußte wer nun die potentielle Verfassungsfeindlichkeit einer bekannten Rechtspartei hergestellt und zu vertreten hatte und somit der Verbotsantrag scheiterte.

  5. zur armen unterschicht/niedriglöhner gehören vielleicht 30ig% der deutschen bevölkerung und die mehrheit des deutschen volkes wiegt sich in sicherheit und glaubt, wenn sie alles erdulden dann wird es ihnen nie so schlecht ergehen wie den unterschichtler und das funktioniert, solange wie die mehrheit mehr als 12€/stunde bekommt wird sich in deutschland nichts ändern

  6. Vielen Dank für diesen Artikel. Es macht Mut zu erfahren, dass es noch Mitmenschen gibt, die Bücher lesen und reflektieren.
    Für mich habe ich erkannt: entferne die Angst aus der Gleichung und Veränderung wird möglich.
    Ich habe mir erlaubt, den Beitrag auf einer Facebook-Seite zu verlinken. Bitte kurze Nachricht, falls dieses nicht gewünscht ist.
    Ich werde zeitgeistlos.de nun regelmäßig besuchen.
    Danke und weiter so.

  7. Angst schüren – heißt Menschen abhängig zu machen. Angst verbreiten – heißt angebliche Sicherheiten zuzulassen die man sonst niemals zulassen würde. ANGST- einhauchen vor der Zukunft, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und mehr. Das ist die Waffe die wirksam ist um gezielt Pläne umsetzen zu können. Begierden wecken, sich von der Technik abhängig zu machen das ist Zukunftsmusik der Dirigenten an den Schalthebeln der Macht. Schöne neue digitale Welt die da kommt über uns und nimmt uns mehr und mehr die Freiheit, oder das was wir noch Freiheit nennen.

  8. @Piotr56

    Ja, ein sehr guter Vortrag! Habe ich bereits gesehen. Aber Achtung: KenFM aka Ken Jebsen hat den Vortrag aufgenommen! Ganz ganz ganz schlimm, diese antisemitischen-Querfront-Nazi-Socken. ;)

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