Presseblick (39)

Tja, was soll ich zur »BND‐Affäre« -die eigentlich keine »Affäre«, sondern ein sicheres Zeichen für den Untergang des Rest‐Rechtsstaates und der Trümmer‐Demokratie in Deutschland ist‐ (wie Roberto von ad sinistram richtigerweise schreibt) noch groß sagen? Da wird Landesverrat begangen, der Amtseid gebrochen und keinen interessiert es. Die Geheimdienste machen was sie wollen (NSU, Journalisten ausspähen). Willy Brandt ist wegen weit weniger zurückgetreten, aber unsere Bundesregierung sitzt alles aus. Bei der Bevölkerung ist das auch kein Problem; nie war sie so entpolitisiert, masochistisch, resigniert und fatalistisch. Mit den Deutschen kann man alles machen. Es sei denn, jemand würde es wagen, RTL, Facebook und alle smartphones gleichzeitig abzuschalten. So für eine Woche. Dann würde der Pöbel aber wütend werden.

Arbeitsmarkt
Über Depressionen, Burnout, Mobbing, Ausbeutung, Überlastung und Stress am Arbeitsplatz wird oft und viel geschrieben und gesprochen. Über das sog. »Boreout«, die Langeweile auf der Lohnarbeit aber kaum: »Schon heute ist fast jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland Experten zufolge dauerhaft am Arbeitsplatz unterfordert«. Das widerspricht natürlich der Leistungsideologie und dem Mythos von Qualifizierungen, Anspruch, Fachkompetenzen und so weiter. Die Mär, dass ein Großteil der Erwerbslosen selbst schuld an ihrer Situation, weil unterqualifiziert sei, lässt sich so natürlich schwerlich halten. Und weshalb man für so viele stupide Arbeiten, wie beispielsweise Akten sortieren, eine dreijährige Berufsausbildung benötigt, wollte sich mir auch noch nie erschließen.

Rüstungsindustrie
Das umstrittene G36‐Schrottgewehr wurde illegal nach Mexiko exportiert: »Heckler & Koch hat dem Bericht zufolge von 2003 bis 2011 insgesamt 9472 Sturmgewehre des Typs G36 nach Mexiko verkauft, davon 4767 in die Bundesstaaten Jalisco, Guerrero, Chiapas und Chihuahua, was die Behörden jedoch nicht erlaubt hatten«. Wie Andrew Feinstein treffend  in seinem Buch »Waffenhandel« festgehalten hat: »Der Waffenhandel ist für mehr als 40 Prozent der Korruption im gesamten Welthandel verantwortlich«. Noch Fragen?

Nun behauptet auch noch Papst Franziskus, es gebe eine enge Verflechtung zwischen Politik und Rüstungsindustrie: »Warum wollen so viele Regierenden nicht den Frieden? Weil sie vom Krieg leben!« Wie lange noch, bis die neoliberalen Mietmäuler diesen Papst komplett niederschreiben werden?

Medien
Die bürgerliche Presse trieft vor Hetze, Rufmord und einer ausgereiften Medien‐Kampagne gegen den Bahnstreik der GDL und Claus Weselsky (Zusammenfassung bei der Propagandaschau). Wer die Perspektive und die Inhalte der GDL erfahren möchte, muss schon mit der Lupe suchen. Drei Beiträge sind hier besonders empfehlenswert:

> Junge Welt: »GDL bleibt in der Spur«
> Telepolis: »Die GDL streikt für uns alle!«
> World Socialst Web Site: »Unterstützt den Streik der Lokführer und Zugbegleiter!«

Die GDL streikt, Erzieherinnen streiken — Eltern und Zugfahrer stöhnen, die Presse skandalisiert. Es würden Millionenschäden entstehen und sie suggeriert, als wären in Deutschland ständig Lohnarbeiter am protestieren. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Es wird in Deutschland im internationalen Vergleich sehr selten aufgemuckt, wie die Hans‐Böckler‐Stiftung untersucht hat:

»Im internationalen Vergleich wird in Deutschland weiterhin relativ wenig gestreikt, zeigt das WSI auf Basis der aktuellsten verfügbaren Daten. Nach Schätzung des WSI fielen hierzulande zwischen 2005 und 2013 im Jahresdurchschnitt pro 1.000 Beschäftigte rechnerisch 16 Arbeitstage aus. In Frankreich kamen auf 1.000 Beschäftigte hingegen im Jahresmittel 139 Arbeitskampftage, in Dänemark 135 und in Irland 28.«

Daten und Fakten haben den gemeinen Deutschen aber noch nie interessiert. Emotionen sind alles. Bestes Beispiel: die Sexualstraftaten gehen seit Jahren zurück, wie jede Kriminalstatistik belegt. Dennoch steigt die  gefühlte Angst von Frauen und Müttern vor »bösen Männern« ständig. Dank der skandalisierenden Massenmedien.

Liebe
Sybille Berg schreibt in ihrer Spiegel‐Online Kolumne treffend: »Viele sind unglücklicher über einen kaputten Computer als über ihre kaputte Großmutter.« Die komplette Erosion der Empathie, den Niedergang von familiären Strukturen und letztlich den Verlust der Mitmenschlichkeit, haben wir der neoliberalen Leistungsideologie zu verdanken. Sie erzieht die Menschen schon früh, zu egoistischen Konkurrenz‐ und Wettbewerbsmaschinen, bei der vor allem nur der eigene Vorteil von Bedeutung ist. Das Problem ist aber nicht nur, dass kaum jemand die Zeit und Verantwortung aufbringen will, für ältere Menschen da zu sein, sondern dass immer mehr ältere Menschen komplett unausstehlich -weil neoliberal konditioniert‐ geworden sind. Wer beispielsweise mit 70 Jahren den ganzen Tag nur über sein Geld, Vermögen und Besitz spricht, ist zwar eigentlich zu bemitleiden, aber eben auch furchtbar unsympathisch. Das es wenig »Spass« macht, solche Menschen auch noch zu pflegen, ihnen Liebe und Fürsorge entgegen zu bringen, kann ich durchaus nachvollziehen.

Politik
In Saudi‐Arabien wurden seit dem 1. Januar 2015 insgesamt 78 staatliche Hinrichtungen durchgeführt. Solange das Öl für die westliche Welt fließt, darf Saudi‐Arabien die brutalste Diktatur der Welt sein. Sollten die Araber eines Tages auf die Idee kommen, das schwarze Gold zu behalten oder an jemand anderen als die USA zu verticken, dann wird es heißen: »humanitärer Einsatz für die Menschenrechte — Stürzt den barbarischen Tyrannen« Bis dahin werden die Öl‐ und Gasvorkommen sowie die Rohstofftransportwege in Afghanistan, Irak und Syrien einverleibt demokratisiert. Wir sind doch die Guten.

Bei der Landtagswahl in Bremen gab es einen neuen Rekord der Nichtwähler von gut 50 Prozent. Die Rede ist schnell von »Wahlmüdigkeit« der Bürger, der Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre oder gar von der Wahlpflicht. Nach den Ursachen der Politikerverdrossenheit fragt natürlich wieder keiner. Womöglich gibt es bald eine neue statistische Methode zur Berechnung der Nichtwähler. Unbequemes einfach wegrechnen, funktioniert ja bei den Arbeitslosenzahlen auch seit Jahrzehnten.

Bildung
Studenten der Humboldt‐Uni in Berlin kritisieren öffentlich Professor Herfried Münkler auf Münkler‐Watch. Er verteidige die Extremismustheorie und äußere sich abfällig über Frauen und Erwerbslose in seinen Vorlesungen. Für Spiegel‐Online und den Dozenten ist das natürlich Majestätsbeleidigung. Für ihn sei es eine »unerträgliche Situation«. Medien und Elfenbeinturm‐Professoren teilen gerne mal aus, können aber überhaupt nicht damit umgehen, wenn sie einmal Gegenstand der Kritik sind. In einem Interview vom 2. Juli 2014 betont Münkler:

Ach, die Stechschrittpazifisten von der Linken. Die erzählen samstags: Wenn die NVA damals marschiert wäre, hätte sie die Bundeswehr platt gemacht. Und sonntags sagen sie: Von deutschem Boden darf kein Krieg ausgehen.

2 Gedanken zu “Presseblick (39)

  1. Interessant, dass du das mit der Unterforderung am Arbeitsplatz ansprichst. Denn selbst an die »Aktensortiererjobs« kommt man ja nicht mal mehr so leicht dran. Witzigerweise habe ich gerade eine Absage von der Hans‐Böckler‐Stiftung für genau so einen Job bekommen. Aber wahrscheinlich bin ich (mal wieder) überqualifiziert. Es ist vollkommen paradox. Diese Boreoutjobs werden in den Stellenanzeigen total aufgebauscht und schließlich fühlt man sich oft selbst dafür nicht gut genug.
    Ja, und über diese gruselige Gleichgültigkeit gegenüber dem BND‐Skandal innerhalb der deutschen Bevölkerung kann ich auch nur den Kopf schütteln. Leute, wir werden ausgespäht! Die Amis lachen sich doch kaputt über uns. :MAD:

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