»Ich bin doch kein Nazi!«

nsu6_teaserNur weil ich letztens auf einer »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (PEGIDA) — Demonstration war? Sogar mit Ausländern (mehr als 600 Likes, 500 Shares, 100 Comments). Oder weil ich finde, dass Thilo Sarrazin mit der Behauptung in seinem Buch »Deutschland schafft sich ab« Recht hat, dass Türken und Araber eigentlich nur für den Obst‐ und Gemüsehandel in Deutschland wichtig sind? Ich bin auch der Meinung, dass die Erbanlagen der Ausländer viel schlechter sind, als von uns Deutschen. Außerdem gibt es einfach viel zu viele Türken, Russen, Zigeuner, Polen und andere Migranten in Deutschland. Ich habe auch nichts generell gegen Ausländer, solange sie sich in Deutschland anständig benehmen. Und wenn Moslems bei uns leben wollen, sollen sie ihre Frauen auch nicht mit einem Schleier unterdrücken. Wir leben schließlich in einer Demokratie. Mit Meinungsfreiheit. Dass muss man doch mal sagen dürfen, oder?

Ja, ich lese gerne den »Politically Incorrect – Blog«, manchmal auch die BILD und ich schaue viel RTL. Bin ich deshalb gleich rechts? Ich wähle keine NPD -auch wenn ich die Pro‐Bewegung und die AFD gar nicht schlecht finde‐ male ich keine Hakenkreuze an Häuserwände, trage keine Glatze und habe auch nichts gegen Juden. Auch wenn ich finde, dass Israel mit seinen Bomben und Tötungen ganz schön übertreibt im Gazastreifen. Aber Hitler mit seiner Judenvergasung fand ich nicht gut. Das war übertrieben. Trotzdem hatten damals alle Arbeit und er hat die Autobahnen gebaut. Die Juden damals waren unschuldig. Die Türken jedoch machen mich ständig blöde an. Die haben keine Erziehung genossen und haben oft kein Benehmen.

Warum nimmt Deutschland eigentlich so viele Flüchtlinge auf? So langsam muss doch mal genug sein, oder nicht? Die kommen doch eh alle nur hier her, um Hartz4 zu schmarotzen, weil es das in ihrem Heimatland nicht gibt. Klar, erzählen die dann alle, sie würden verfolgt werden. Aber ob das wirklich stimmt? Letztlich liegen sie uns dann hier nur auf der Tasche. Und sind dann auch noch undankbar oder nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Und dann grillen sie in öffentlichen Parks und lassen ständig ihren Müll liegen. Ist ja auch nicht ihre Heimat, die sie da verdrecken. Nein, aus Deutschland wollen sie nur die Kohle pressen, die sie dann in die Türkei schicken.

Und dann immer dieses laute Reden. Meine Güte! Können die sich nicht mal ruhiger unterhalten? In Bus und Bahn brüllen die immer alles zusammen. Und wenn man solche Leute als Nachbarn hat, dann nehmen die auch auf nichts Rücksicht. Sind ständig laut und machen Dreck im Hausflur. Ja, es gibt ja auch nette Ausländer. So ist das ja nicht. Zum Beispiel die, wo ich immer meinen Döner esse oder mein Obst und Gemüse kaufe. Aber alle anderen wollen sich einfach nicht integrieren. Der Islam ist doch auch keine demokratische Religion. Da gibt’s nur Terroristen. Wie der IS, Al‐Qaida oder die Taliban. Wer da nicht spurt, bekommt den Kopf ab.

Ich finde, wer nach Deutschland kommt, sollte unsere Sprache können und lernen müssen, unsere Werte respektieren und nicht vom Sozialstaat leben. Wir leben schließlich in Deutschland! Und darauf bin ich stolz. Das zeige ich auch bei allen Europa‐ und Weltmeisterschaften, weil ich da meine Deutschlandfahne aus dem Balkon und ans Auto hänge. Und auch wenn die Turniere vorbei sind, lasse ich die noch wochen‐, manchmal auch monatelang hängen. Wir haben doch ein schönes Land und das lasse ich mir auch nicht von linken Gutmenschen kaputt reden! Also ich bin wirklich kein Nazi und ich lass mich auch nicht als rechts oder rassistisch beschimpfen! Erst recht nicht von Ausländern! Ich bin unpolitisch, denn ich gehe schon seit Jahren nicht mehr wählen und ich meide auch politische Themen. Das interessiert mich einfach nicht.

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Und nächste Woche: »Doch, Du bist ein Nazi!«

8 Gedanken zu “»Ich bin doch kein Nazi!«

  1. Auf den Nachdenkseiten erschien jüngst ein mehr als treffender Artikel zu dem Thema. http://www.nachdenkseiten.de/?p=24465

    Aus der deutschen Geschichte resultiert wirklich ein gewisses Problem, dass am Ende alles auf das Bild des »Nazis« reduziert wird. Dazwischen gibt es offenbar nichts; nur 0 und 1. Die (ähnlich verrohte, kalte, entsolidarisierte, zunehmend fremdenfeindliche) Gesellschaft, die damals den Nazis die Machtergreifung erst ermöglichte, bestand exakt aus jener breiten, unverdächtigen Mittelschicht, die sich auch heute wieder bei Pegida wiederfindet. Oder eben in der SPD (Sarrazin) und CDU. Diese »Mitte« sieht sich — dem Narrativ entsprechend — eben selbst als Mitte (»Patriotische Europäer«), kann also gar nicht »rechts« sein. Man nutzt das Extrem »Nazi« selbst, um sich von diesen abzugrenzen (»ich hab ja nix gegen Ausländer, aber...« — »wenn man so was sagt, wird man immer gleich als Nazi bezeichnet«). Auch wenn man im Kern eben Ansichten vertritt, die mit denen »echter«, überzeugter Nazis in vielen Bereichen übereinstimmen. Die meisten sind in der Tat keine Nazis, sind einfach — wie damals — latent rechte Mitläufer (heute Resultate neoliberaler Gesellschaftspolitik), die im tagtäglichen Leben permanent nach oben buckeln und nach unten treten! Fleißige, sich noch etwas relevantes verlieren zu haben einbildende, unselbständige Bürger‐Michels, die sich kaum für Hintergründe und Politik interessieren, beeinflussbar, manipulierbar jeder Bewegung hinterherhecheln, die ihnen eine Lösung für ihre (teils herbeifantasierten) Probleme verspricht. Die große Masse, die damals die Nazis an die Macht brachte — und nach dem Krieg (scheinbar) einfach verschwand (»wir hatten ja nichts gewusst«). Diese Leute bedenken einfach nicht die Konsequenzen, wohin dieses Denken am Ende führt. Dass die Ursachen für eigentlichen Probleme ganz woanders liegen, eben nicht beim bösen Ausländer — wird ausgeblendet. Andernfalls müsste der Michel an jenem Punkt vermehrt die »Systemfrage« stellen, sich seiner eigenen Verantwortung (z. B. durch jahrzehntelanges Wählen von Union und SPD) stellen. An diesem Weltbild wird er aber nicht kratzen, er wird es mit Klauen und Zähnen verteidigen, weiter brav Lohnarbeiten und als rund laufendes Zahnrädchen den Ablauf der Maschine nicht stören...

  2. @Dennis 82

    Volle Zustimmung.

    Es ist und bleibt die kleinbürgerliche Mittelschicht, die das eigentliche Problem ist. Nicht der braune Mob, auch wenn man diesen nicht unterschätzen sollte (NSU, Nazi‐Morde, »national befreite Zonen« etc.). Dennoch wage ich es (nächsten Freitag dazu mehr), auch den frustrierten PEGIDA‐Pöbel als »Nazis« zu bezeichnen. Denn das, was sie fordern, ist mit dem Parteiprogramm der NPD zu großen Teilen identisch.

  3. Der »braune Mob« ist in meinen Augen im wesentlichen nur ein weiteres »Werkzeug« der Eliten. Ein zwar recht abstoßendes, gewalttätiges — aber wenn es nicht anders geht, wird es auch ohne Hemmungen eingesetzt — siehe den Putsch in der Ukraine. In diesem Falle könnte man ja drüber philosophieren, wer eigentlich abstoßender ist — eine »Mitte«, die sich solcher Mittel bedient, sie gewähren lässt — oder die Mittel selbst...? Auch die unbescholtenen, harmlosen Bürger, die Parteien der »Mitte« wählen, die sich jener Mittel bedienen...

    Im fest verankerten Parteien‐Narrativ sind Parteien wie bspw. die NPD auch notwendig, um die Illusion eben jener »Mitte« (wo bekanntermaßen ja die Wahrheit liege) aufrecht zu erhalten. Im Geiste unterscheidet sich die Stoßrichtung der Politik von NPD, SPD und CDU kaum. Letztere leben aber davon, ihre wahren Absichten und ihre tatsächliche Politik zu verschleiern, einen schönen Schein zu wahren. Hartz IV ist z. B. ja auch nichts anderes als purer Sozialfaschismus — flankiert von unzähligen anderen neoliberalen »Reformen«, die diese Gesellschaft zu der werden ließen, die sie heute ist. Und schon damals, in den 30er Jahren war...

    Den spießigen Pegida‐Kleinbürger kann man natürlich in vielen Fällen was die Thesen betrifft durchaus auch als »Nazi« bezeichnen. Allerdings wird er diesen schonungslosen Vorwurf in der beschriebenen Form reflexartig einfach abstreiten — und die Luke ist dicht. ;) Er selbst sieht sich nun einmal nicht so; auch weil es nicht dem klassischen Bild des »Nazis« entspricht, welches man in der Geschichtsschreibung sinnbildlich in Form des stupiden, braunen Uniformträgers mit gehobenem Arm verankert hat (und mit dem Stereotyp der springerstiefeltragenden Glatze am Leben hält). Auch damals stützte die große, stille Mehrheit ohne Uniform und Parteimitgliedschaft eben jenes System, weil es in großer Zahl in der Gesellschaft die notwendigen ideologischem Übereinstimmungen gab. Hinterher wollte eben keiner etwas davon gewusst haben. Die Geister, die ich rief...

    Die (rechts)extremistische »Mitte« hat daraus eben gelernt. Siehe Adorno: »Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.«

  4. Nö, ´n Nazi isser nicht, trägt keine Glatze, aber einen Gammelfleisch‐Bierbauch vor sich her. Hat während der WM mit Schlandlappen wie blöd dekoriert. Hat von abendländischer Kultur
    mangels Bildung (und schon Grips) Zero Ahnung (verwechselt sie
    eh mit Ami‐Import‐» way of live and let die «). Verteidigt also etwas ihm völlig Unbekanntes wie Unzugängliches: könnte sich ebenso
    für das Überleben der haarigen Wurstgurgler auf dem Planeten Knaarf einsetzen. Deutscher sein wird immer ekliger …

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