Geschichte der Reichen

history_teaserFrage: Warum gibt es eigentlich überall in Deutschland Gedenkstätten, Denkmäler, Statuen, Schlösser, Museen, Filme, Ausstellungen, Bücher und Kunstwerke über vergangene Könige, Prinzessinnen und dem Adel, aber wenig bis gar keine Erinnerungskultur über die einfachen Bürger vergangener Zeiten?

11 Gedanken zu “Geschichte der Reichen

  1. Geht mal in eines der unzähligen Freilichtmuseen (hier in NRW — Lindlar, Detmold, Kommern, ...). Weniger protzige Denkmäler als detaillierte Beschreibungen der Lebensumstände. Die machen in vielleicht international nicht so viel her wie das Brandenburger Tor oder der Drachenfels, weisen aber dennoch erstaunlich hohe Besucherzahlen auf.

  2. Die einfachste und wahrscheinlich naheliegendste Antwort auf diese Frage lautet: Weil wir im Kapitalismus dahinsiechen.

    Weder die Frage, noch die Antwort ist neu.

    Fragen eines lesenden Arbeiters

    Wer baute das siebentorige Theben?
    In den Büchern stehen die Namen von Königen.
    Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
    Und das mehrmals zerstörte Babylon
    Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
    Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
    Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
    Die Maurer? Das große Rom
    Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
    Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
    Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
    Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
    Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

    Der junge Alexander eroberte Indien.
    Er allein?
    Cäsar schlug die Gallier.
    Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
    Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
    Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
    Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
    Siegte außer ihm?

    Jede Seite ein Sieg.
    Wer kochte den Siegesschmaus?
    Alle zehn Jahre ein großer Mann.
    Wer bezahlte die Spesen?

    So viele Berichte.
    So viele Fragen.

    (Bertolt Brecht, 1935)

  3. Die meisten Menschen bewundern die Palast‐Museen und Schloss‐Museen, die sie besuchen, aber sie kapieren nicht, dass es ihresgleichen war, die den Buckel krumm machen mussten, um ein paar Adeligen ein protziges Schloss zu bauen.
    Menschen sind halt so.
    Die Briten jubeln ja auch ihrer Queen noch zu.
    Der Ur‐Enkel des letzten Deutschen Kaisers nutzt seinen Adelstitel heute offiziell nur als als Familiennamen »Prinz von Preussen«, aber adeligen Eindruck macht das Ding immernoch. Er wird wegen seines Familienstammbaums eingeladen, hat nix geleistet, aber geerbt und macht auch sonst nicht viel her. Aber er gilt trotzdem als derjenige welcher »wenn vielleicht in Zukunft könnte man ja mal darüber nachdenken usw.«.
    Die Leute sind halt nicht so helle...

    Man muss sich ja nur mal überlegen, dass das Hohenzollern‐Schloss in Berlin, das sogenannte Kronprinzenpalais (aka »Hohenzollernziegel«, »Steintorte«), wieder aufgebaut wird. Das wurde erstmal beschlossen, ohne eine Ahnung zu haben, wozu man es verwenden will. Irgendwann später wurde ein unbestimmtes humanistisches Geschwurbel nachgeschoben. Die alten Preussen hatten mit Humanismus nix im Sinn, die Hohenzollern‐Könige und Kaiser taten ihr möglichstes, ihre Untertanen durch Verweigerung von Menschenrechten möglichst weit »unten« zu halten.
    Berlin braucht sowas humanistisch Verschwurbeltes in adeliger Steintorte nicht. Berlin hat schon viel davon. Berlin hat Museen, Begegnungsstätten, Theater, Kunsthäuser, Universitäten, Parlament usw. Trotzdem wird der Hohenzollernziegel wieder aufgebaut. Und es gibt eine Menge Leute, die das unterstützen, die sich eben so einen einen Starken an der Spitze wünschen.
    Die Restauration ist bereits im Gange.

  4. Lustigerweise schreibe ich gerade über das Thema »Pflege von Erinnerungskulturen« eine Hausarbeit.

    Ich kopiere mal eine Stelle daraus, die zusammenfasst, wie der Kulturwissenschaftler Jan Assmann das erklärt:

    »Das kulturelle Gedächtnis wird durch Institutionen und ihre Träger organisiert und gepflegt. Es legt verbindlich die Wertmaßstäbe der Gruppe fest und wirkt sich auf die edukative, zivilisierende und humanisierende Gestaltung der Gesellschaft aus. Es reflektiert sich selbst und das Selbstbild der Gruppe in Form von Auslegung, Kritik und Zensur. Der wichtigste Unterschied zum kommunikativen Gedächtnis ist die Alltagsferne. Dem kulturellen Gedächtnis haftet etwas Sakrales an; in ihm werden geschichtliche Fakten in Mythen verwandelt und mit fixen Zeremonien und Bräuchen gefeiert.«

    Assmann, Jan: »Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität«, in: Assmann, Jan/ Hölscher, Tonio [Hrsg.]: Kultur und Gedächtnis, Suhrkamp: Frankfurt, 1988, S. 9–19.

    Ich glaub der Punkt an der Sache ist die Alltagsferne. Das würde erklären, warum der einfache Bürger in der Erinnerungskultur so selten vorkommt. Er ist zu alltagsnah für den zelebralen Charakter der institutionalisierten Erinnerung.

  5. Berndt Engelmann noch ein Begriff? Nein? Kein Wunder dieser vor Jahren leider längst verstorbene Buchautor hat sich einmal mit der Geschichte der Armen befaßt — Bin über »Ganz Unten« von Günter Wallraff auf diesen Autor aufmerksam geworden.

    Der hat mir deine Frage eigentlich ganz einfach beantwortet, die Meinungsbildner sind seit der Niederschlagung der Bauernaufstände eben unsere »Eliten« in Deutschland....auch die noch lebende Ex‐Grüne und Ex‐Adelige Jutta (von) Ditfurth schlägt in dieselbe Bresche.....

    ....unsere »Eliten« sind weitgehend dieselben seit damals, auch bei der Meinungsbildung....und da wundert es keinen, dass es eben keine »Geschichte der Reichen« in Deutschland gibt.....

    Jutta (von) Ditfurth hat übrigens auf ihren Adelstitel verzichtet seit sie weiß das dieser »mit Bauernblut verdient wurde«....

    Zynische Grüße
    Bernie

  6. .....tja...der dumme Michel hat es eben nie geschafft die adligen Köpfe rollen zu lassen....anders als unsere französischen Nachbarn....

  7. Seltsam, adelige Köpfe (Geistes‐und Seelenadel) finde ich in fast
    allen Schichten, vor Allem weiter unter – aber selten oder nie beim
    Titularadel!

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