»Doch, Du bist ein Nazi!«

nsu4_teaserAntwort auf: »Ich bin doch kein Nazi!«

Auch wenn Du nicht die NPD wählst und keine Hakenkreuze an Häuserwände kritzelst: wer im großen Stil Sympathien für rechte Ideen hat, kann ruhig auch mal als Nazi bezeichnet werden. Die PEGIDA mag nur ein kurzweiliges Mitläufer‐Massenphänomen ohne große Substanz sein, wer aber Thilo Sarrazin´s Rassentheorien, die Pro‐Bewegung, die AFD und den PI‐Blog gut findet, und gleichzeitig eine große Abneigung gegen den Islam, Migranten und Flüchtlinge im Allgemeinen aufweist, möchte seine kultivierte Menschenverachtung hinter einer bigotten Kleinbürgerlichkeit verstecken. Faschistisches Gedankengut ist darüber hinaus keine Meinung, die man doch mal sagen dürfen könne, sondern ein Verbrechen. Wer gerade aus der deutschen Geschichte nichts gelernt hat, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Du sagst, Migranten sollten sich in Deutschland »benehmen« und die deutsche Sprache lernen, damit sie sich integrieren sollen und müssen. Zunächst sollte dies keine gesonderte Aufforderung an Migranten, sondern an alle in Deutschland lebenden Menschen sein, oder nicht? Wie integriert sind denn beispielsweise deutsche Unternehmen, die im großen Stile Steuern hinterziehen und somit wenig zur Aufrechterhaltung der deutschen Infrastruktur beitragen? Wie viele Deutsche beherrschen denn wirklich die deutsche Sprache, Rechtschreibung und Grammatik jenseits von lol, digga und alda? Darüber hinaus: wie verhalten sich eigentlich die im Ausland lebenden Deutschen? Beispielsweise in Mallorca oder in Thailand? Können sie auch die dortige Landessprache oder leben sie, ähnlich wie viele Migranten in Deutschland, auch eher in Communitys unter ihren Landsleuten?

Integration ist zudem keine Einbahnstraße. Wie oft habe ich bei Freunden und Bekannten erlebt, die beispielsweise einen serbischen oder türkischen Hintergrund haben –aber in Deutschland geboren sind‐ jedoch einen ausländisch‐klingenden Nachnamen und Aussehen besitzen, das sie allein nur deshalb immer als Nicht‐Deutsche betrachtet werden. Selbst wenn sie die deutsche Sprache perfekt beherrschen, die deutsche Fußball‐Nationalmannschaft anfeuern, hier studiert haben und Karriere machen sowie sich mehr mit Deutschland identifizieren, als mit dem Herkunftsland ihrer Eltern: sie werden von vielen Deutschen nicht als voll integrierte Mitbürger akzeptiert, sondern stets als Unzugehörige angesehen. Das vermeintlich ausländische Aussehen genügt, um diffamiert zu werden.

Das globale Dorf
Es ist übrigens moralisch sehr bedenklich, Menschen die in größter Not sind, und wir daran eine Mit‐Verantwortung tragen (Sweat Shops, Weltwirtschaftsordnung, Neokolonialismus, Rohstoff‐Ausbeutung, NATO‐Kriege), in Hilfsbedürftige (politische Flüchtlinge) und in vermeintliche Armutszuwanderer/Schmarotzer (Wirtschaftsflüchtlinge) einzuordnen. Die EU‐Flüchtlingspolitik ist darüber hinaus seit Jahren derart streng, so dass immer wieder hunderte Menschen im Mittelmeer zurück geschickt werden oder ertrinken. Aber das ist Dir natürlich völlig egal, denn für Dich sind es ja nur Menschen zweiter Klasse. Mitmenschlichkeit, humanistische Werte, Mitgefühl und Empathie sind Dir, außer bei Deiner eigenen Familie, völlig fremd. Was hälst Du eigentlich von den Morden der NSU?

»Schätzungen zufolge sind seit 1988 mehr als 20.000 Menschen entlang der EU‐Grenzen, insbesondere auf dem Meer, ums Leben gekommen.«

- »Hightech gegen Asyl«. Europa‐Atlas der Le Monde Diplomatique. S. 32

Ich weiß, Du magst es überhaupt nicht, mit den glatzköpfigen Proll‐Nazi‐Schlägern in eine Ecke gestellt zu werden. Du seist doch einer von den Guten, der seit Jahren fleißig lohnarbeitet, gebildet sei, anständig seine Steuern entrichtet, der regelmäßig sein Auto wäscht, Gewalt verabscheut, Gemüse in seinem Wochenend‐Garten anpflanzt, seine Kinder in den Arm nimmt und auch seiner Frau die Tür aufhält. Also ein echter Gentlemen und gutbürgerlicher Mittelschichtler. Rassismus und rechte Gesinnung fangen jedoch nicht erst an, wenn man mit einem Baseball‐Schläger auf Migranten losgeht oder Juden in die Vernichtungslager schickt, sondern schon sehr viel früher.

Menschenverachtung ist politisch
Der erste Schritt zum faschistischen Denken ist immer, Minderheiten oder bestimmte Menschengruppen als nicht gleichberechtigt anzuerkennen oder schlimmer noch: sie gleich komplett als wertlose und überflüssige Nicht‐Menschen abzuwerten. Es ist beispielsweise in höchstem Maße (sozial-)rassistisch, wenn ALG2‐Empfänger als »Parasiten« (Wolfgang Clement) bezeichnet werden und ihnen damit ihr Mensch‐Sein aberkannt wird. Die Juden wurden im Nationalsozialismus als Ratten und die Tutsis in Ruanda als Kakerlaken verunglimpft, bevor das Morden begann. Wenn man keine Menschen, sondern »Ungeziefer« tötet, hat man dem Volkskörper geholfen, nicht wahr?

Laut unterschiedlichen Zählungen wurden in Deutschland seit 1990 mehr als 180 Menschen von Nazis ermordet. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Der NSU‐Prozess ist nur noch als Farce zu bezeichnen und wird auch von den Massenmedien kaum noch beachtet. Während sich der Rechtsradikalismus, besonders in den neuen Bundesländern, ungehindert ausbreitet, ja sogar »national befreite Zonen« ausgerufen werden sowie den Verfassungsschutz komplett unterwandert hat; während die USA und die NATO weltweit willkürlich Drohnen‐Ermordungen durchführen, die ganze Welt via NSA überwachen und Foltergefängnisse unterhalten; während Afghanistan, der Irak, Syrien und Libyen wegen Ressourcen‐Interessen von der westlichen Welt in die Steinzeit gebombt wurden und tausende Zivilisten dabei gestorben sind — hast Du Angst vor den Salafisten und dem Islam.

Außerdem muss ich Dir Deine Illusion nehmen, dass Du nicht politisch seist. Du bist ein rassistisches, faschistisches Arschloch, der sich über einen modernen Hitler -der diesmal gegen Ausländer, den Islam und Flüchtlinge wäre‐ insgeheim sehr freuen würde. Wenn das mal nicht politisch ist.

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Und nächste Woche: »Rechte und Linke sind uns egal!«

4 Gedanken zu “»Doch, Du bist ein Nazi!«

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  2. Wunderbarer Text, aber du hast noch vergessen, dass man natürlich als »[...]Doch, Du bist ein Nazi![...]« auch strammer Anti-»Putinversteher« ist, und natürlich auf der Seite des Putschisten und Faschisten Poroschenko steht, der in der Ukraine »Nationalhelden« auferstehen läßt, die mit der SS an der Grube standen in der die »Europäischen Juden« (Zitat: Raul Hilberg) lagen. Man findet es übrigens auch toll, dass nun — 70 Jahre nach Befreiuung des Vernichtungslagers Auschwitz in Polen — die einstigen Befreier der Roten Armee gar nicht eingeladen worden sind — kein Witz, Polen hat Russlands Präsident Putin die Einreise zur Gedenkfeier in Polen verweigert, nur der russische Botschafter soll zugelassen worden sein — so kann man Antikommunismus über der Asche Ermordeter betreiben....auch so ein Fall des neoliberalen Nazitums, dass nicht nur in Deutschland, nein auch im neoliberal-»reformierten« Polen um sich greift.

    Zynischer Gruß
    Bernie

    PS: Man billigt natürlich auch — als neoliberalen Deutscher — wenn im ukrainischen Bürgerkrieg Söldner mit SS‐Uniformen auftreten bzw. ukrainische Batallione offen ihren Antisemitismus und Antikommunismus bzw. Russenhass zeigen dürfen.

  3. Und nicht vergessen: der Trotz alledem‐doch‐Nazi ist auch
    häufig mindestens Kirchgänger (u.U. in seiner oft freikirchlichen Gemeinde engagiert) und Lohas (Bioladenstammkunde, Ökosiegel‐Fetischist). Oder praktizierender Esoteriker, Buddhist, …
    Sein öko‐bewusster Lifestile gilt ihm als Ablasskauf von
    den Problemen in der 3. Welt – er unterstützt ja Vorort‐Initiativen
    im Sinne der Öko‐Agenden (Fair Trade etc.). Was soll dann das
    Gesocks von dort unsere hiesige ÖkoNOMIE belasten? Nimby
    ist er natürlich auch.

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