Vorwürfe rechtfertigen

Typische Euphemismen um sich selbst eine Legitimation zu schaffen, um vorwurfsvoll sein zu dürfen, ohne jedoch der/die »Böse« zu sein, weil man den Gesprächspartner doch darauf vorbereitet habe, sind:

  1. Du darfst das jetzt bitte nicht persönlich nehmen, aber...
  2. Bitte nicht falsch verstehen...
  3. Das ist jetzt nicht böse gemeint...

Wenn man einen Satz so beginnt, kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass danach Schuldzuweisungen, Vorwürfe, Kritik, Verurteilungen, Tadel, Rügen, Maßregelungen und Beanstandungen folgen. Der Versuch, die Kritik präventiv rosarot zu färben, heißt noch lange nicht, dass sie zwingend angemessen ist.

5 Gedanken zu “Vorwürfe rechtfertigen

  1. Ich habe festgestellt, dass Menschen oft den Trick in der Einleitung von Sätzen benutzen, das Subjekt »Ich« durch »Man« zu ersetzen, wenn sie über ihre Gefühle oder Gedanken sprechen möchten.
    Alles nachfolgend Gesagte wird dadurch entpersonalisiert und auf eine allgemeingültige Ebene der Moral oder der Ethik gehoben.
    Im Falle von Gefühlsbeschreibungen führt das dazu, dass dem Empfänger der Botschaft durch die vorgenommene Distanzierung des Senders von dessen Ich dieser als solcher verschleiert und damit schwieriger angreifbar wird.
    Bei geäußerten Gedanken ist es so, dass aus den Gedanken des Senders ein allgemeingültiger Anspruch seiner Wirklichkeitsbeschreibung wird.

    Das darf man doch wohl noch sagen/fragen, obwohl man manchmal Angst vor seinen eigenen Gedanken bekommt. Oder so.

    Für die Richtigkeit meiner Behauptung bürge ich nicht und der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.

  2. @Rainer

    Gute Beobachtung! Fällt mir auch auf bei »Man dankt!«, statt einfach »Danke« oder besser »Ich danke Dir« zu sagen. Auch wenn wir durch die Medien völlig durch‐emotionalisiert werden (Hollywood, Werbung, Musik etc.), so haben meines Erachtens, immer noch viele Menschen große Probleme ihre Gefühle zu zeigen.

  3. Wozu soll ich denn meine kleinen und unwichtigen Gefühle der Welt noch präsentieren, wenn bereits der/die [Name eines/einer Prominenten] bereits das Gegenteil davon gesagt hat und sogar meine unmittelbare Umgebung dies bereits als Wahrheit anerkannt hat?
    Mmh, war es nicht Adorno, der sagte, dass die Benutzung des Wortes »Ich« bereits ein »revolutionärer Akt« wäre?
    Ich weiß nicht, was an der Idee dran ist, dass es innen‐ und außengeleitete Menschen gebe. Vielleicht ist es Esoterik, aber mein Eindruck ist, dass die große Mehrheit zur letzten Gruppe gezählt werden muss. Es gehört schon einiges dazu, sich in einer Gruppe hinzustellen und zu sagen, was man wirklich will und was nicht.
    Machen wir das aber nicht, dann werden wir zur Verfügungsmasse anderer, denen das leicht fällt und die das »Machtvakuum« erkennen und sogleich mit ihren Gedanken und Wünschen ausfüllen.

    Have a nice day!

  4. Deutet immerhin auf einen Rest an Anstand hin, wenn jemand solche Floskeln vorausschickt. ;) Meine Erfahrung ist, dass die meisten einem völlig hemmungslos und vollkommen ungeschönt sehr persönliche Vorwürfe völlig selbstverständlich um die Ohren hauen... man überlegt auch keine Sekunde, was man da überhaupt sagt. Besonders grausam finde ich ja das ungefragte erteilen besonders dummer Ratschläge — als habe der Betroffene selbst die einfachsten Dinge nicht selbst schon durchdacht...

    Andererseits muss ich zugeben, dass ich diese Floskeln auch ab und an verwende... Als Gesellschaftskritiker ist es eben schon ziemlich schwer, die sachliche und persönliche Ebene zu trennen; die Gesellschaft zu kritisieren, ohne dem Einzelnen hier und da auf den Schlips zu treten. Vorwürfe sind dann ja auch teilweise unvermeidlich. Der Unterschied ist, ob man diese gut und detailliert begründet... und dem anderen nicht einfach irgendwas vor den Latz knallt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.