Presseblick (29)

Auf faz.net wird im Artikel »Pazifismus – ein Abgesang« gefragt:»Welche Rolle spielen die intellektuellen Restbestände pazifistischer Reinkultur?«. Restbestände. Grabbeltisch. Überflüssiger Ballast. So wird der Pazifismus als eine Form von Blockade‐Haltung von vermeintlich Ewiggestrigen abgewertet. Wer für Frieden ist, fördert letztlich den Krieg, so die Unterstellung. Ja, der ist auch für Leid, Zerstörung und Tote verantwortlich: »Ich möchte nicht, dass Menschen sterben für die Reinheit meiner Philosophie, meines Pazifismus« — wird Rupert Neudeck zitiert. Nach dieser Logik haben alle Diktatoren und Tyrannen in der Geschichte der Menschheit ihre Kriege gerechtfertigt.

Medien
Ein sehr interessantes und persönliches Interview mit dem kürzlich verstorbenen »Journalisten« (einer der Wenigen, der diese Bezeichnung auch verdient!) Peter Scholl‐Latour gibt es auf heise.de. Er betont: »Wir leben in einem Zeitalter der Massenverblödung, besonders der medialen Massenverblödung. [...] Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von TAZ bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im großen Stil berichten.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Der IT‐Entwickler Ethan Zuckerman, der Mitter der 90er angeblich die Pop‐Up‐Werbung mit entwickelt haben soll, sagt auf horizont.net: »Werbung ist die Ursünde des Web«. Sie würde Leser ablenken, nerven und zum wegklicken animieren. Wie immer, wird hier nur über Ausprägungen und Folgen der Internet‐Werbung fabuliert, nicht aber, über das gesamte zweifelhafte System von werbefinanzierten Inhalten oder von werbeverseuchten Lebensräumen. Eine Welt und ein Internet ohne Werbung, also ohne kommerzielle Propaganda, sollte indessen das Ziel sein.

Politik
Der ehemalige deutsche Fussballer Arne Friedrich fühlt sich geehrt, Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen zu haben. Via Twitter (knapp 50 Retweets) verkündet er: »Tolles Gespräch mit der #Bundeskanzlerin im Kanzleramt. Es war mir eine Ehre!« Wie man sich freuen kann, eine Konzern‐, Banken‐ und Reichen‐Marionette zu treffen, die mit Worthülsen, Bullshit‐Bingo und Plastikbuchstaben kommuniziert, ist mir ein Rätsel.

PR‐Propaganda
Ein beispielhafter Fall von typisch bezahlter PR‐Propaganda ist auf focus.de zu finden: »Vor allem Blei schadet: Gift im Garten! Doku zeigt: Gemüse aus Eigenanbau extrem belastet.« Jahrhunderte lang wurde Gemüse selbst angebaut, aber auf einmal soll das gesundheitsschädlich sein? Die deutliche Zunahme in Deutschland von Eigenversorgern stört natürlich die Lebensmittelindustrie und so schicken sie ihre PR‐Huren los, um den Eigenanbau schlecht zu reden. Wer glaubt, hier haben Journalisten ordentlich recherchiert, weiß nicht, wie PR‐Agenturen arbeiten. Bleibt abzuwarten, wann Gärtner und Eigenversorger eine staatliche Abgabe leisten dürfen, um die Gewinne der Discounter zu sichern.

Arbeitsmarkt
Auf nwzonline.de gibt es ein Interview mit dem Geschäftsführer eines großen deutschen Warenhauses. Er plädiert dafür, dass »der Sonntag zumindest von 13 bis 18 oder 19 Uhr, also fünf oder sechs Stunden, eine Öffnungsmöglichkeit« haben sollte. Wir lohnarbeiten alle noch nicht genug. Und sollte das eingeführt werden, stehen die Wochenend‐Zuschläge sicherlich als nächstes auf der Liste der Dinge, die von Unternehmen und Managern abgeschafft werden wollen.

4 Gedanken zu “Presseblick (29)

  1. @Bleibelastung
    Wie kann das sein? Alle Nahrungsmittel werden draußen angebaut. Somit müssten alle in Deutschland angebauten Lebensmittel aus der gleichen Region, ähnliche Belastungen sehen. Ich wäre da sehr skeptisch.

    @Öffnungszeit
    Das ist der Glaube, dass man durch die Verlängerung der Verkaufszeit mehr verkaufen kann. Wenn ein einzelnes Unternehmen das macht, mag es stimmen. Machen alle es so, dann kosten, theoretisch, die Produkte mehr. Schließlich muss man Personen länger bezahlen.

  2. Bzgl. Öffnungszeiten.

    Die Kombination von menschlichen Bedürfnissen (tatsächlichen oder herbeigeworbenen) einerseits und Bedarf (= mit Kaufkraft ausgestattete Bedürfnisse) andererseits sind viel stärkere Stellschrauben für den EH‐Umsatz als die Öffnungszeiten. Gerade anhand des LEH (Lebensmitteleinzelhandels) kann man erkennen, wie absurd diese Idee ist. Denn folgt man dieser Logik, würde jeder Kunde desto mehr Lebensmittel kaufen und verzehren, je länger die Läden geöffnet sind.

    Das alles sind Verdrängungswettbewerbe, die komplett auf dem Rücken der Beschäftigten, aber z.T. auch auf dem der Käufer ausgetragen werden. Der Wettbewerb ist hart (kann man als Multimilliardär als Eigentümer schon mal so sehen) und da können die Mitarbeiter nicht mehr Lohn bekommen oder Zuschläge und es werden auch nicht mehr Mitarbeiter eingestellt. Die »harte Wettbewerbslage« erfordert mehr »Flexibilität« der Beschäftigten. Da dürfen diese dann schon gern auch mal 2‐mal täglich zum Dienst erscheinen, für z.B. jeweils 4 Stunden. Einmal früh (zzgl. x min kostenloser Rüstzeit, in der unentgeltlich arbeitsvorbereitende Tätigkeiten zu machen sind, das kann im Extremfall schon mal bis zu einer dreiviertel oder einer Stunde dauern) und abends (zzgl. x min kostenloser Rüstzeit). Oder in Geschäften, in denen zuvor 3 Mitarbeiter pro Schicht alle Hände voll zu tun hatten, wissen die nun verbliebenen 2 oder anderthalb Mitarbeiter nicht mehr, wie sie alles bewältigen sollen. Die gleiche Mitarbeiterzahl wird nun nur über eine größere Anzahl von Arbeitsstunden aufgeteilt. Das alles geht zulasten der Beschäftigten, in geringerem Maße auch zulasten der Käufer.

    Es gäbe diesbezüglich noch sehr vieles zu sagen, aber ich belasse es an dieser Stelle einmal dabei.

  3. @Lutz Hausstein

    Das alles sind Verdrängungswettbewerbe

    Sehe ich auch so. Es geht bei den Wochenend‐, Sonntags‐ und Feiertags‐Öffnungszeiten doch vor allem auch darum, den Spätkauf‐Läden, den Tankstellen und so weiter, die Kunden abzugraben. Gerade die Party‐Süchtigen kaufen dann ihr Bier im Discounter, weil´s eben billiger ist, als an der Tanke.

    Die Beschäftigten schuften sich derweil kaputt, haben kein Privatleben mehr und dürfen sich dann auch noch von den Kunden anhören, sie wären unfreundlich, weil sie nicht die ganze Zeit grenzdebil vor sich hin lächeln würden.

  4. Über den Tweet des Fußballers wundere ich mich nicht. Sie sind ja noch nie durch besonders interessante Aussprüche aufgefallen, wenn man von »Ich habe fertig« mal absieht :)

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