Presseblick (21)

Die Uni Cambridge hat eine extrem überraschende Studie veröffentlicht, wie das Handelsblatt berichtet. Demnach stiegen seit der Wirtschaftskrise in Griechenland dort die psychischen Leiden, die Totgeburten, die Selbstmorde sowie die HIV‐Infektionen. Unerwähnt bleiben natürlich die Massenerwerbslosigkeit, die sozialen Kürzungen in fast allen Bereichen (Bildung, Rente, Kultur etc.), die Privatisierung staatlicher Infrastruktur und die Massenentlassungen. Alle diese Maßnahmen sind, vor allem von Deutschland, als notwendiges »Gesund‐Sparen« verordnet worden. Sie sind natürlich nicht dafür verantwortlich, sondern einzig das Naturereignis »Wirtschaftskrise«.

Es vergeht kaum ein Tag, in dem es keine Artikel zur Jobsuche in den Massenmedien gibt. Wie man sich bei Vorstellungsgesprächen zu verhalten habe, wie man sich am besten verkaufen könne, wie man seine Bewerbung schreiben solle und so weiter und so fort. In der »Welt« will Jobcoacherin Sylvia Löhken nun introvertierten Menschen Tipps zum Vorstellungsgespräch geben: »Ich würde nicht sagen: Ich bin introvertiert, deshalb brauche ich Ruhe zum Arbeiten.« Jobcoacher wollen die Menschen zu funktionstüchtigen Lohnarbeits‐Maschinen (um-)erziehen, die besonders dem Unternehmen nützen. Sie ignorieren dabei bewusst die strukturellen Bedingungen des Arbeitsmarktes und tun ständig so, als sei alles nur eine Frage der Eigenverantwortlichkeit und der persönlichen Einstellung. Bei ungeschönt fünf bis sechs Millionen Arbeitslosen, die auf maximal eine Million offener Stellen in Deutschland treffen, ist das reichlich zynisch und realitätsfremd.

Der Südwestrundfunk stellt doch tatsächlich die Frage, ob smartphones süchtig machen können und will das anhand von Forschungen untersuchen. Wer sich einmal in Bus und Bahn, in den Unis, Schulen, in Cafes, auf Partys — ja eigentlich überall umschaut, sieht die Massen, wie sie auf ihre blinkenden Tamagotchis starren. Aber bevor es nicht wissenschaftlich erwiesen ist, dass es sich hier um ein Suchtverhalten handelt, ist das natürlich nur eine harmlose Neurose.

In Sotchi bei den diesjährigen olympischen Spielen wurde gedopt, wie unter anderem SpiegelOnline berichtet. Alle Jahre wieder dieses Theater. Legalisiert doch einfach sämtliche Doping‐Mittel und gut ist. Natürlich hätten dann die Medien weniger Skandalträchtiges zu berichten und die moralingetränkten Sportorganisationen weniger Pressestatements, mit denen sie sich in die Öffentlichkeit pushen können. Millionen Menschen in Deutschland dopen sich morgens mit Kaffee. Viele nehmen Aufputschmittel und/oder Koffeintabletten, von Zigaretten und Alkohol ganz zu schweigen. Alle wollen sie absolute Höchstleistungen im Sport und in der Lohnarbeit sehen, die ohne gewisse Substanzen aber kaum noch möglich sind. Gesundheit und Fairness sind im Leistungssport und in der Arbeitswelt eher zweitrangige, oder völlig zu vernachlässigende, Kriterien. Was zählt ist: Leistung, Leistung, Leistung.

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