Popcorn‐Kino

Fernando de Sousa from Melbourne, wikimedia commons

Mit mir ins Kino zu gehen, ist keine einfache Sache, weil ich mir nicht jeden Mist reinziehen will. Ich sehe es einfach nicht ein, für einen Film, über den ich nach dem Kino‐Besuch nicht mal eine Minute nachdenken kann und will, auch noch Geld zu bezahlen und meine Freizeit dafür zu opfern. Heute werden in Hollywood Hunderte Millionen Dollar für Spezialeffekte, Schauspieler und Produktionskosten ausgegeben. Die Drehbücher, Dialoge und Handlungen bewegen sich jedoch häufig auf einem geistig infantilen Niveau (Ja, es gibt Ausnahmen). Dennoch sind solche Filme internationale Blockbuster (Transformers, Avatar etc.), die kommerziell sehr erfolgreich sind.

Das häufige Argument ist dann: »Hey, das ist doch Popcorn‐Kino«. Man solle die Spezialeffekte, die Bilder und die Action genießen, den Alltag vergessen, sich zurücklehnen und tonnenweise Popcorn und Cola in sich hineinstopfen. Man solle »abschalten« und sein Gehirn ausmachen. Verblödung als Genußprinzip? Unterhaltung ist hier gleichbedeutend mit brutaler Gewalt (»Saw«), Krach‐Bumm‐Beng‐Sequenzen (Marvel‐Movies, Bruckheimer‐Produktionen), Pipi‐Kaka‐Humor (Comedys), Der‐Regen‐ist‐aber‐nass‐Dialogen (fast alle) sowie einer in drei Sätzen zusammenfassenden Klischee‐Story, sofern diese überhaupt als solche zu bezeichnen ist. Mit 15 Jahren fand ich das alles noch ganz spannend und cool, nur mit 35 möchte ich mich nicht mehr freiwillig verdummen lassen.

Wenn ich dann noch sage, dass ich mich von solchen Filmen in keiner Weise unterhalten, sondern eher in meiner Intelligenz beleidigt fühle, weil die großen Film‐Studios annehmen, solche Schinken würden mir Spaß machen, dann bin ich endgültig der elitäre Klugscheißer und biedere Spaßverderber. Wo steht eigentlich geschrieben, dass man im Kino unbedingt sein Hirn ausschalten muss, wenn man einen Streifen genießen will? Wieso ist es zuviel verlangt, wenn ich einen Film sehen will, der meinen persönlichen Horizont vergrößert, mich berührt und beschäftigt, wie das beispielsweise bei »Alphabet« der Fall war? Warum muss es überhaupt einen Gegensatz zwischen Unterhaltung (movie) und Nachdenken (film) geben?

5 Gedanken zu “Popcorn‐Kino

  1. Also ich mochte »Avatar« und »Avengers«. Eher Visuelles Popcorn für mich als intellektuelles. Und in diesen Filmen steckt so viel drin was man analysieren kann, Slavoy Zisek zum Beispiel macht das ja auch sehr gut mit den Blockbustern. Man lernt bei »Transformers« sehr viel über westliche Propagandamechanismen, Gut Böse Schemata usw.

    Avengers zum Beispiel war großes »Popcorn« Kino. Alles was der Film erreichen wollte, hat er geschafft. Ein in sich stimmiger Film. Oder »Pacific Rim«, oberflächlich, platte Dialoge, und trotzem: Innerhalb des vom Film geschaffenen Universums war es stimmig. Der Film hat Spaß gemacht. Da muss man sein Hirn nicht ausschalten, sondern hellwach sein, um sowas erkennen zu können.

  2. Schlimm ist ja nicht dieses Popcorn‐Kino an sich. Rückstandsfreie Unterhaltung hat es schon immer gegeben und sie kann ja dann und wann ganz nett sein. Ich stelle nur mit zunehmendem Alter fest, dass es kaum noch möglich ist, Menschen aus dem engeren Umfeld noch dazu zu bewegen, sich auch mal etwas anderes anzutun (»Ich gucke grundsätzlich keine deutschen/französischen/etc. Filme, da wird immer so viel gelabert. Das muss ich mir in meiner Freizeit nicht antun.«). Weil ich es nicht mag, allein im Kintopp zu sitzen, läuft das dann meistens darauf hinaus, dass ich mir nach einiger Zeit die DVD aus der gut sortierten Stadtbücherei besorge. Schade eigentlich. Ich fand es immer toll, zu mehreren in einen Film zu gehen, der einem ein wenig was abverlangt und das Gesehene später bei ein paar Drinks noch ein wenig zu verhackstücken.
    P.S.: Wer an wirklich fundierten Filmkritiken interessiert ist, die den Horizont zu erweitern vermögen, dem seien die Arbeiten Georg Seeßlens wärmstens ans Herz gelegt.

  3. Nein, tut mir leid. Auch »stumpfes Hollywood‐Popkornkino« hat seine Daseinsberechtigung. So gern ich Filme mit Tiefgang mag, was man in Filme hineininterpretiert und was Filme in Einem auslösen, ist sehr individuell. So bin ich z.B. recht nachdenklich aus Avatar gekommen, der Film (oder meine Assotiationen mit bestimmten Aspekten) hat mich noch einige Tage bewegt. Nein, man muß sich nicht jeden Mist ansehen, aber dieses »intellektuelle Gejammer« wirkt irgendwie auch nicht so wahnsinnig konstruktiv. Daher :frohen Mutes bleiben! Die Publikumsmüdigkeit beim X‐ten Superheldendieweltgehtunterrettermovie ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr. Es kommen auch andere Zeiten. Und die kleinen Kinos mit schönen Indieproduktionen gibt’s ja auch noch.

  4. »dass es kaum noch möglich ist, Menschen aus dem engeren Umfeld noch dazu zu bewegen, sich auch mal etwas anderes anzutun«

    Genau das ist der Punkt! Man wird ständig gezwungen, sich die Hollywood‐Mainstream‐Produktionen reinzuziehen, wenn man sich nicht ins soziale Abseits stellen will. Das hat dann auch wenig mit »intellektuellem Gejammer« (wie Nordlicht schreibt) zu tun, sondern eher damit, dass die Zuschauer‐Masse sich keine Alternativen mehr ansehen möchte bzw. streng auf Linie getrimmt wurde. Und das nervt gewaltig.

  5. @ Epikur,
    »sondern eher damit, dass die Zuschauer‐Masse sich keine Alternativen mehr ansehen möchte bzw. streng auf Linie getrimmt wurde. Und das nervt gewaltig.«
    war das je anders?
    Geht nur im Kleinen.
    Meine Freundin habe ich bekehrt, wir haben uns ein paar anspruchsvollere Filme wie »Drive«, ein paar Woody Allen Klassiker oder letztens erst »Gott des Gemetzels« angesehen, seitdem nur noch Verachtung für Schweighöfer, Schweiger, Emmerich und Co.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.