Multi‐Millionär: Endlich sorgenfrei!

reich_titelAuf einmal war ich reich. Sehr reich. 10 Millionen Euro schwer. Es hieß, machen Sie einfach mit, finden Sie die Antwort auf die Frage, tragen Sie ihre Daten dort ein und schicken sie den Brief ab. Natürlich dachte ich mir nichts dabei. Ich hatte gerade nur nichts Besseres zu tun und vergaß die Hoffnung auf ein glückliches Leben. Vier Wochen später hatte ich Post: »Sie haben 10 Millionen Euro gewonnen«. Ich glaubte nicht daran. Schon wieder einer von diesen Spam‐Briefen, die nur meine Daten abfischen wollten. Ich zerriss ihn und warf ihn weg. Zwei Tage später klingelte es am Telefon: »Guten Tag, spreche ich da mit Herrn Vollack?« »Ähm ja, was gibt es?«, antwortete ich leicht genervt, da ich annahm mal wieder von diesen Callcenter‐Pseudo‐Umfrage‐Deppen gestört zu werden. »Steubing, mein Name. Wir hatten Sie bereits vor zwei Tagen kontaktiert und ihnen mitgeteilt, dass Sie 10 Millionen Euro gewonnen haben.« Von da an war alles anders.

Euphorische Ekstase
Ich konnte mein Glück kaum fassen und rief sofort meine ganze Familie und meine besten Freunde an. Aber sie glaubten mir nicht, solange bis ich ihnen die Scheine gezeigt hatte. Ich nahm meine Liebsten und machte erst einmal eine ausgiebige Weltreise. Sechs Monate lang. Wir waren auf allen Kontinenten der Erde, in allen Klimazonen. Dann kamen wir nach Berlin zurück und waren wie berauscht. Was nun? Wir kauften uns ein neues Auto und eine Eigentumswohnung samt Garten, gingen ordentlich shoppen, veranstalteten große Partys, legten uns neue Möbel zu. Alles was ich wollte, kaufte ich mir. Auch schenkte ich meinen Verwandten und engsten Freunden ein wenig Geld. Dann kam ich zur Ruhe und investierte mein restliches Vermögen in Immobilien, in ein Restaurant — das »Taj Mahal«, in Aktien, Spar‐ und Wertanlagen sowie Gold. Von nun an wollte ich finanzielle Sicherheit und nichts mehr verprassen.

Gehässiges Glück
Nach ungefähr einem Jahr legte sich mein Rausch und Ernüchterung machte sich breit. In der Eigentumswohnung hatten wir Schimmel und Rohrbruch. Wir mussten umfangreiche Renovierungs‐ und Ausbesserungsarbeiten in Auftrag geben. Auch wurde bei uns mehrfach eingebrochen. Es hatte sich wohl herum gesprochen, dass wir nun sehr vermögend waren. Wir installierten Sicherheitstüren und –Fenster sowie Alarmanlagen. Leisteten uns einen Sicherheitsmann. Kauften uns einen dicken Tresor. Unser neuer Porsche war ein angeblich gestohlenes Auto und wir mussten uns mit der Polizei herumschlagen. Sie waren überzeugt, dass wir ihn unrechtmäßig erworben hätten. Im »Taj Mahal« gab es Schlägereien und Diebstähle von Mitarbeitern. Staatliche Lebensmittelkontrolleure sowie das Finanzamt machten uns Ärger. Im Zuge der Bankenkrise verlor ich ein paar Wertanlagen, aber das war zu verkraften. Dennoch dachte ich Tag und Nacht an meine Aktien.

Arm durch Reichtum
Mittlerweile kann ich niemandem mehr trauen. Nicht mal mehr meiner Familie. Wo wir uns früher über Filme, das Leben, unsere Kinder oder über Gott und die Welt unterhalten haben, geht es heute nur noch ums Geld. Alle halten sie die Hand auf, sind neidisch, misstrauen einander und bekommen nie genug. Es gibt fast nur noch Konflikte. Zu Weihnachten wird Zwangsharmonie gespielt, aber unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Freunde und Mitmenschen sind für mich Konkurrenten geworden. Nach den ganzen Diebstählen und Einbrüchen, habe ich das Gefühl, dass sie alle nur an meinen Reichtum und nicht an mir als Mensch interessiert sind. Bis heute sind die Vorfälle nicht restlos aufgeklärt. Aber auch ich denke ständig nur an die Sicherung und Vermehrung meines Wohlstands. Andere Themen tangieren mich nicht mehr. Inzwischen hat mich auch meine Frau verlassen, weil ich mit einer Schönheit fremdgegangen bin, bei der ich früher nie eine Chance gehabt hätte. Der Scheidungskrieg um das Vermögen ist nun in vollem Gange.

Jetzt habe ich einen Großteil meines Eigentums an wohltätige Organisationen gespendet. Und zwar nicht, weil ich ein so guter, mitfühlender oder sozialer Mensch bin, sondern weil mich mein finanzieller Reichtum unglücklich, charakterlich arm gemacht und in den Wahnsinn getrieben hat.

6 Gedanken zu “Multi‐Millionär: Endlich sorgenfrei!

  1. Demnächst müßte mein Millionengewinn auch bei mir eintrudeln — die Zeit ist ran. Gefühlsmäßig.
    Ich weiß jetzt, wie ich mich nicht verhalten sollte. Danke für die nette Geschichte. :MRGREEN:

  2. In der Tat habe ich mich auch schon mal gefragt, wie ich wohl leben würde, wenn ich ein paar Mille im Lotto gewinnen würde (was unwahrscheinlich ist, da ich kein Lotto spiele). Ich bin zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen.
    Das Problem ist nur, dass die meisten Reichen eben nicht merken, wie ihr Reichtum sie unglücklich, charakterlich arm gemacht und in den Wahnsinn getrieben hat.

  3. Spielt bei Deiner Fiktion nicht auch ein wenig die Hoffnung mit, dass sich die gemeinhin mit Reichtum in Verbindung gebrachten Probleme bei den Reichen, tatsächlich über die Zeit, so oder in ähnlicher Art und Weise darstellen?
    Wäre es nicht eine allzu gräßliche Vorstellung für all jene, die aller Wahrscheinlichkeit nach niemals über große Vermögen und die damit einhergehenden Möglichkeiten verfügen werden, wenn sich herausstellte, dass materieller Reichtum dem Glück nicht zwangsläufig abträglich ist?
    Es mag sein, dass Reichtum selbst kein Glücks‐, Heils‐ oder Zufriedenheitsgarant ist, dennoch kann er unbestreitbar die Lebensqualität im Detail enorm erhöhen.

    EDIT (ADMIN):

    Aus einem zeitlichen Abstand heraus betrachtet, erweisen sich »Schwingt« statt »Spielt« und »einstellen« statt »darstellen« als trefflicher.

    »treffender« statt »trefflicher«
    ...und das trotz Editierfunktion.

  4. @sledgehammer

    Meine fiktive Geschichte sollte vor allem mit der Vorstellung aufräumen, dass Reichtum glücklich mache oder die Nerven beruhige, wie man am Stammtisch so gerne zu sagen pflegt. Völlig unstrittig ist natürlich, dass Armut auch nicht glücklich machen kann. Man braucht schon ein gewisses Maß an finanzieller Sicherheit, um nicht nur über die Runden zu kommen, sondern auch um eine innere Ruhe entfalten zu können.

    Sich jedoch sein Leben lang für die Hoffnung auf ein sorgenfreies und glückliches Leben kaputt schuften, ständig Gewinnspiele spielen, geizig sein und jeden Euro sparen, Rabattaktionen hinterherhecheln, Aktien kaufen, sein Geld anlegen und so weiter — all das um »vielleicht« eines Tages vermögend zu sein. Nur um dann festzustellen: verdammt, die Sorgen hören nicht auf, es werden noch mehr, wenn auch unter Umständen diesmal andere Probleme.

    Ergo: lieber in der Gegenwart leben und den Augenblick genießen, solange man noch kann.

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