Denkdemenz und Bildverödung

Was unsere Zivilisation so besonders gern glaubt: dass alles, was wir nicht sehen können, uns nicht wehtun kann, ja dass es wahrscheinlich kaum existiert.

- Naomi Klein. »Machen wir Halt: Der Kampf unseres Lebens«. Blätter Ausgabe Juli 2014. S. 59.

Anmerkung: Sweatshops, hungernde Kinder, Schlachthöfe, Ausbeutung, Kriegstote, Folter – solange wir diese Dinge nicht mit unseren eigenen Augen sehen, existieren sie auch nicht aktiv in unserem Bewusstsein. Womöglich schafft es sogar ein TV-Beitrag uns kurzzeitig zu berühren — aber nur solange bis die Timeline oder die Daddelkiste fertig geladen hat.

3 Gedanken zu “Denkdemenz und Bildverödung

  1. Eine hochgradig infantile Gesellschaft setzt andere Prioritäten.
    Sie ignoriert Realitäten, stellt sich ihnen nicht, verharrt in der Sensualität eines Kleinkindes.
    Dies wird ihr generell leicht gemacht.
    Sobald die Indubitabilität bedroht scheint, schlägt sie defensiv die Hände vor’s Gesicht, erstarrt in Puerilität.

  2. »Aus den Augen, aus dem Sinn« – heute machbar:
    lenk die Augen der Anderen ab, ehe sie von eigenen
    Eindrücken auf die falsche, weil richtige Spur gebracht
    werden könnten.
    Zerhacke die Aufmerksamkeitsspannen ihrer Träger
    möglichst in Mikrointervalle, damit ihre Wahrnehmungen
    am Besten auf Insektenniveau reduziert werden: also
    permanenter Reaktionszwang statt möglicher Befähigung zur Aktion, weil ein Gesamtbild zu Stande kam und zu systeminkonformen Schlussfolgerungen mit Handlungsfolgen führen musste.

  3. Andererseits wissen sehr viele sehr wohl, dass Dinge ihres Lebens Blut, Leid und Armut anderer Menschen in sich tragen. Dies ist in der Tat bis weit in das Alltagsbewusstsein geronnen. Freilich nicht jeder weiß es und bringt es unmittelbar mit seiner Jacke in Zusammenhang. Nichtsdestotrotz ist das erschreckende, dass es goutiert wird. Anstelle eines Satzes des Mitfühlens und der kognitiven Verarbeitung hin zur Ablehnung und allenfalls zur Verhaltenskorrektur, treten derartige Verarbeitungskanäle mit völlig anderer Gewichtung. Das Mitfühlen kann ersetzt werden durch Zorn. Zorn auf diese Elendshaufen, die den allgemeinen Wohlstand, welcher durch den Markt erbracht werden könnte, madig macht. In der Tat gibt alte Rinnsale rassistischer Aggression gegen bestimmte Völker, die inzwischen ihre Farbe zwar gewechselt haben, aber in ihrer Abkunft leicht eruierbar sind. Die Kognition ist ihrerseits geschwängert von den Skripten des Neoliberalismus. Wer heute im gemütlichen Wohlstand lebt, hat fortdauernd eine solide narzistische Zufuhr, die einen absichert vor allzuvielen Leistungszugeständnissen an anderen. Humane Lebensprozesse werde genau seziert und freigelegt, sodaß sie als Pflugspuren übergroßer Iche durch den Gang der Dinge erscheinen. Das wohlständige Ich bekommt solide erwirkt, dass es Rückschau hält auf seine Pflugspuren durch den Gang der Dinge die die große Ernte, die daraus resultiert ist. Es erscheint sich als schweißgetriebenes Zug-Ich vor sich als Pflug. Als wäre ine humaner Lebensprozess derartiges. Natürlich nicht. Aber abgeschnitten ist die Verwobenheit mit dem Sozialen, die ursprüngliche Bezogenheit auf und Involviertheit in das Miteinander, von allen Seiten her, vom ver Vergangenheit her, von der Sprache her, von der Zukunft her, von den Perspektiven her. So also erscheint der Sweatshoarbeiter als einer, der nicht ziehen mag an seinem Pflug. Der entweder zu faul ist oder einfach zum dumm (der alte Rassismus winkt hier mit großen Fahnen). Wie auch immer, es ist also alles im rechten Gang der Dinge. Ob nah oder fern, die Anordnungen sind naturgerecht. Was folgert für das Tun? Natürlich nichts außer die Mitwirkung an ander Aufrechterhaltung des Status quo. Wo käme man hin.

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