Moderne Kontrollmechanismen

VideoüberwachungWenn von staatlicher oder wirtschaftlicher Kontrolle gesprochen wird, kommt schnell, der Vorwurf der Übertreibung oder der Verschwörungstheorie. Die Vorstellung, dass eigene Handeln, Entscheiden und Denken würde gelenkt und gesteuert werden, passt so gar nicht zum (Ideal-)Konzept unserer demokratischen freiheitlichen Grundordnung, in der das Individuum völlig frei entscheiden und sein Leben gestalten könne. Kontrolle sei doch ein negativ besetzter Begriff von autoritären oder gar diktatorischen Staaten. Hinzu kommt, wir möchten gerne glauben, dass wir frei und individuell sind. Es wäre jedoch naiv anzunehmen, auch in einer Demokratie gäbe es kein Bedürfnis der Herrschenden (Politik, Banken, Großkonzerne), die Menschenmassen zu kontrollieren, um eine gezielte Verhaltenskonformität herzustellen. Die Methoden der modernen Kontrolle und Überwachung sind nur viel subtiler als in Diktaturen.

Anzeigen, Werbung, Spenden und Sponsoring
Das Privatfernsehen, fast alle Print‐ und Onlinemedien, Radiosender, viele soziale Projekte, Organisationen, Kultur‐, Sport und Kunstveranstaltungen und vieles mehr, sind durch Anzeigen, Werbung und Sponsoring finanziell abhängig von Unternehmen oder finanzstarken Geldgebern. Zwar wird in vielen Analysen immer wieder betont, dass vor allem Sponsoring, den Effekt der Image‐Pflege hat, was sicherlich auch zutrifft, unterschlagen wird aber häufig, dass die ökonomische Abhängigkeit auch einen starken Kontrolleffekt besitzt. Wer sich beispielsweise von einer großen Bank, einem Stromkonzern oder einem internationalen Unternehmen sein Projekt finanzieren lässt, der wird selten etwas kritisches über seinen Geldgeber sagen oder schreiben. Schließlich könnte er dann die finanzielle Unterstützung einstellen.

Hinzu kommt die inhaltliche Einflussnahme der Geldgeber. Ob bei den Vattenfall‐Lesetagen oder bei großen Sport‐Veranstaltungen, es wird direkten und indirekten Einfluss auf Programm, Personal und Organisation der jeweiligen Veranstaltung bzw. dem jeweiligen Projekt ausgeübt. Die ökonomische Abhängigkeit sorgt zudem für eine vorauseilende Kopfschere der am jeweiligen Projekt beteiligten Mitarbeiter. Bestimmte Themen, Sachverhalte und Personen werden nicht angesprochen, sie könnten den Sponsor verärgern und dafür sorgen, dass er den Geldhahn zudreht. Was nicht selten das Ende des Projektes oder der Veranstaltung bedeuten könnte. Umso mehr ein Unternehmen also in Anzeigen, Spenden und Sponsoring investiert, umso mehr gesellschaftlichen Einfluss hat es.

Sozialisierung von ökonomischen Zwängen
Schon früh bekommen wir beigebracht, dass ökonomische Zwänge unser Leben bestimmen. Vorauseilender Gehorsam, Kopfscheren und Tabuthemen werden in Schule und Universität kultiviert und anerzogen. Bestimmte Themen werden als nicht relevant abgewertet und ignoriert, kritischen Fragen wird ausgewichen und jeder nicht marktkonforme Gedanke als Blödsinn diffamiert. Schulen und Universitäten fungieren in der »sozialen Marktwirtschaft« als Fabriken, die für Unternehmen wertvolles Humankapital herstellen sollen. Diese Ideologie, wenn auch viel blumiger ausgedrückt, beherrscht weitestgehend die Gedanken der Lehrer und Dozenten.

»Jeder ist seines Glückes Schmied«, so heißt es, und jeder könne sein Leben völlig frei gestalten und Entscheidungen treffen, die seinen ganz persönlichen Interessen entsprechen würden. Dieses abstrakte  Lebensideal, wird oft beschworen und uns durch verschiedene Medienkanäle immer wieder eingeimpft, um staatliches Fehlverhalten und wirtschaftliches Missmanagement auf den Einzelnen abzuwälzen. Der unerschütterliche Glaube an der »Eigenverantwortung« verdeckt strukturell geschaffene Ungerechtigkeiten, und mehr noch: verschleiert wirtschaftspolitische Zwänge, von dem jedes Individuum betroffen ist. Der Zwang zur Lohnarbeit wird nicht nur anerzogen, sondern auch als einzig denkbare Lebensalternative verinnerlicht. Unsere Lebensvorstellungen werden so genormt und durch die Massenmedien weiter in die gewünschte Richtung gelenkt, damit die Menschen im Sinne der Herrschenden funktionieren.

Die moderne Form der sozialen Kontrolle wird in erster Linie tief verinnerlicht. So müssen Politik und Wirtschaft nur korrigierend eingreifen, wie das beispielsweise im Hartz 4 — System durch Sanktionen oder in der Lohnarbeitswelt durch die ökonomische Abhängigkeit geschieht.

7 Gedanken zu “Moderne Kontrollmechanismen

  1. Das Prinzip, mit dem vor allem gearbeitet wird, heißt Angst.
    Wir sind nicht in der Lage, ohne Angst Entscheidungen zu treffen, weil uns das Vertrauen genommen wurde. Die Schule hat vor allem die Aufgabe, uns die kindliche Unschuld zu nehmen und durch eine angepaßte Norm zu ersetzen. So lernen wir früh, uns fremdbestimmt zu verhalten — wir passen uns an. Wir passen uns an die Vorgaben der Mächtigen — der Meinungsführer — an. Dieser Vorgang geschieht oft unbewußt. Daher sind wir der Meinung, daß die Fremdmeinung — Vera F. Birkenbihl sagte dazu Anderung (die Meinung eines Anderen) — unsere eigene Meinung darstellt. Und wir bekämpfen vehement jeden, der anderer Meinung ist.

    Was kann man dagegen tun? Nun zum einen ist es schon einmal wichtig, sich klarzumachen, daß Wahrheiten nur so lange gültig sind, bis sie widerlegt werden. Wahrheiten sind keine Dogmen, die nicht hinterfragt werden dürfen, sondern müssen hinterfragt werden. In einem Managementseminar hatte ich mit den Teilnehmern ein Entscheidungsprinzip namens PAMIR entwickelt. Es basiert auf deBonos PMI‐Konzept. Hier wird bei einer Entscheidung nach den Vorteilen (Plus), den Nachteilen (Minus) und den interessanten, neutralen Punkten (Interessant) gesucht. Wir hatten das noch um die Faktoren Risiken und Annahmen ergänzt. Bei den Risiken unterschieden wir nach kurz‐, mittel‐ und langfristigen Risiken. Am Wichtigsten war jedoch der Punkte Annahmen. Hier wurden bei allen anderen Punkten gefragt, welche Annahmen getroffen wurden.
    PAMIR heißt also:
    — Plus
    — Annahme
    — Minus
    — Interesant
    — Risiko
    Allein die Reflektion über die zu Grunde liegenden Annahmen hatte immer äußerst wertvolle Erkenntnisse gebracht. Damit ließ sich nämlich leicht feststellen, ob es sich um Eigen‐ oder Fremdsteuerung, ob es sich um Dogmen oder Wahrheiten handelte.

    Wenn wir also die Kontrollmechanismen dieser Welt durchschauen wollen, ist es wichtig, herauszufinden, was unsere Annahmen von dieser Welt sind. Wir sollten auch lernen, Dogmen zu hinterfragen.
    Eine meiner wichtigsten Regeln, wenn ich z.B. bei Dogmen nicht weiter weiß, heißt: »Folge der Schleimspur des Geldes«.

  2. Na, das System funktioniert doch wunderbar.

    Ich sehe da für die nächsten Jahre und Jahrzehnte keinen System‐Change. Und wer hofft Finanz‐ oder Wirtschaftskrisen würden genügend Druck machen um einen Wechsel zu erzielen hat das Konzept der Schock‐Strategie noch nicht verstanden und hat verpasst was seit 2007 so alles passiert ist.

    Auch die Prekarisierung weiter Bevölkerungsschichten und die Gewinnerzielung durch weitere Privatisierungen läßt sich m.E. noch laaange fortsetzen.

    Ernste Probleme werden erst massive Ressourcenverknappungen (Öl, seltene Erden, Wasser...) und die daraus resultierende militärische Überdehnung machen.

    Das wird meinem Bauchgefühl nach noch mindestens 30 Jahre dauern. Und was danach kommt wird noch viel viel weniger erfreulich.

    Mein Resumee: in dreihundert Jahren wird es keine globale Zivilisation mehr geben. Die Reste der Menschheit werden dann dem wohlverdienten Aussterben entgegen gehen.

    Wetten nehme ich gern an... :JAJA:

  3. Das Prinzip, mit dem vor allem gearbeitet wird, heißt Projektion, nicht primär Angst. Auch diese ist Teil der großen Projektion, die da heißt Demokratie, Wachstum, Profit, Arbeit etc.
    Wie Buck geschrieben hat wird diese ganze Projektion irgendwann in sich zusammenbrechen, ähnlich wie 1945.
    Dumm nur, dass sie sich möglichst lange am Leben erhalten will…

  4. Die moderne Kontrollgesellschaft hat durch die Gegebenheiten der digitalen Informationsübertragung via Internet, sowie die Selbstopimierungs‐ und Transparenzbessenheit im Sozialen eine neue Effizienz erreicht.
    Die Kontrolle wird heute, nahezu unmerklich, durch Rückkopplung und Selbstregulierung ausgeübt.
    Jeder ist Beobachter und Beobachteter zugleich und richtet sein Verhalten, und das der anderen, am Normativen aus.
    Die »wahre Macht« zeigt sich dabei nur selten in ihrer Unverhohlenheit.

  5. »Jeder ist seines Glückes Schmied«

    Seltsam , daß das immer von Leuten kommt , deren Glück vor allem geschmiedet wurde , aber halt , Vorteile durch Herkunft zählen ja nicht , Unterstützung ist nur dann böse , wenn sie vom Staat kommt , alles Andere fällt unter Eigenleistung des elitären Übermenschen , interessanterweise rechnet sich dieser auch die »Eigenleistung« seiner Vorfahren dazu .
    Da kann man nur staunend und ehrerbietig danebenstehen und aufschauen auf diese Überflieger , seine eigene Existenz als erbärmlicher Wurm endlich akzeptieren und aufhören , neidisch herumzumaulen , was wären wir schließlich ohne all diese Leistungsträger .

  6. Verinnerlichung. Ja, dies scheint mir auch so: zum einen gibt es diese ganze Landschaft der Innerlichkeit überhaupt einmal. Dies war ja nicht immer so. Heute aber gibt es sie, sie ist sprachlich erschlossen im Sinne von konstruiert. So hat der Mensch sich nun dieser ihm angedichteten Innerlichkeit gegenüberzustellen und Fragment um Fragment in sich aufzunehmen und sich von innen heraus damit zuzukleistern. Zweifellos sind wir all dies nicht, auch wenn es noch so danach aussieht, weil es ja nicht ein Äußerliches ist, sondern der ganze Planet Innerlichkeit ist. Die Innerlichkeit ist wahrlich ein biegsames Objekt. Man denke nur daran, was sie war, als es sie noch nicht gab. War der Mensch da innen hohl? Hatte er weniger Sensationen, stand er nur alle zwei Tage zu sich selbst in Relation, während er die übrige Zeit nicht bemerkte, bei sich zu sein, indem er nur bei den Objekten war? Was waren dies all für Regungen, falls es sie denn gab, die da den blinden Schlund der Nichtgewahrung jahrundertelang hinabrauschten? Heute aber ist jede Regung katalogisierbar. Was immer sich regt, ein Innerlichkeitsexperte wird es dir sagen können. Du bermerkst Beklemmung in bestimmten Situationen? Du trachtest zu stark nach deinem Vorteil, wenn dies oder jenes sich einstellt? In manchen Situationen merkst du im Nachinein, dass deine Wahrnehumgn sich eingeschränkt hat? Dir steigt eine opake Aversion empor, wenn du etwas bestimmtes Wahrnimmst? Lasse es dir auslegen. Man wird dir eine Deutungsfläche bieten, einen Katalog, in dem du dies einordnen kannst und welcher dir gesteht, was all dies für dich bedeutet. Du willst dich verbessern? Da gibt es Vorlagen: trenne dich von diesem und von jenem, werde so und so, übe dies und das, damit jenes nicht mehr zutreffe. Dich hat einer übertrumpft? Du bist unterlegen? Du bringst deinen Mund nicht auf unter lauter Vorlauten? Du möchtest aber? Dann werde anders! Lerne dich wahrzunehmen! Liebe dich!
    Das zweite ist freilich, dass es den Herrschenden gelingt, sich dieser Innerlichkeit zu bedienen. Man könnte ihnen die Frage zuschieben: wie könnten wir es anstellen, dass sie uns herrschen lassen und lassen müssen? Sie kämen dann auf die wunderbare Idee: wir sagen ihnen, dass die Ursache für alle erfahrenen Mängel, Ausbeutungen, Niederdrückungen, Nichtanerkennungen, schlechten Gefühlen, Leerständen im Leben fast ausnahmslos in der Innerlichkeit liegt. So kommen sie nie drauf, dass wir herrschen und allerlei zu unseren Gunsten angerichtet haben, allen voran die Sache mit dem Geld, dem schließlich wichtigsten Medium der Gegenwart. Also: Du hast zu wenig Geld? Na, dann schau mal in deine Innerlichkeit! Außen ist alles in Ordnung, es gibt genug Leute, die viel Geld haben. Das ist alles erlaubt und möglich! Du kannst Geld haben, so viel du willst. Aber wenn du nicht die richtige Innerlichkeit hast, dann klappt es nicht. Dann gibt es andere, mit einer besseren Innerlichkeit und die schnappen dir das weg, was dir fehlt. So einfach ist das.
    Der Neoliberalismus verwirklicht die perfectio, die Perfektibilität als Perversion. Das große Relikt der abendlischen Seelenlehre kommt hier in seine Wahrheit als Perfektionsnorm, als diskriminierendes Innerlichkeitsregime. Heute werden keine Rassen und Geschlechter mehr diskriminiert, dafür mit schallender Selbstherrlichkeit Innerlichkeiten.

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