Tina – Königin der Krise

Gastbeitrag von Wolfram Bernhardt. Mitherausgeber und Redakteur des philosophischen Wirtschaftsmagazins: Agora42

Im Jahr 1762 gründeten die Brüder John und Francis Baring in London die John & Francis Baring Company. Zunächst noch ein Handelsunternehmen, konzentrierte sich die Company schon nach wenigen Jahren immer mehr auf Finanzgeschäfte und wurde im 20. Jahrhundert zur wichtigsten Bank für das englische Königshaus und half der britischen Regierung im Zweiten Weltkrieg bei der Kriegsfinanzierung. Man könnte meinen, dass eine Bank mit einer solchen Historie und solchen Verbindungen für die Ewigkeit aufgestellt sein sollte. Jedoch endete die Ewigkeit in diesem Fall am 23. Februar 1995. Da die Fehlspekulation des Angestellten Nick Leeson die Bank 1,3 Milliarden US-Dollar gekostet hatte – eine Summe, die selbst für ein Traditionshaus wie dieses nicht zu verschmerzen war. Wie konnte es zu solch einem Unglück kommen?

Andere Zeit, anderer Ort, anderes Schicksal: Am 25. April 2005 entgleiste um 9:19 Uhr örtlicher Zeit in einer Kurve zwischen den Stationen Tsukaguchi und Amagasaki ein japanischer Nahverkehrszug. Der Zug krachte mit solcher Wucht in ein neunstöckiges Wohnhaus neben den Gleisen, dass die ersten zwei Waggons komplett im Wohnhaus verschwanden und der Zug erst zum Halten kam, als der erste Waggon die Wand der Garage im Erdgeschoss durchbrach. Von den rund 700 Passagieren wurden 562 verletzt, inklusive des 23-jährigen Zugführers Ryujiro Takami starben 107 Personen. Wie konnte dieses Unglück geschehen?

Gestatten: Tina – die mächtigste Frau der Welt
Auch wenn es zunächst weit hergeholt erscheinen mag, haben die Schicksale von Nick Leeson und Ryujiro Takami viel mit der heutigen Situation unserer Gesellschaft zu tun. Und es ist – wen wundert’s – eine Frau, welche die Schicksale der beiden Männer verbindet. Sie kommt mit dem harmlosen Namen Tina daher und ist bereits seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts bekannt und gefürchtet, weil sich damals die britische Premierministerin Margaret Thatcher immer wieder auf sie berief, um ihre Politik durchzusetzen: »There is no alternative.«

Seitdem hat sie nichts von ihrer Macht eingebüßt. So sprach im Jahr 2010 der Leiter des Ressorts für Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, der deutschen Bundeskanzlerin den Titel der mächtigsten Frau ab, da sie sich Tina untergeordnet habe. Und der Politikwissenschaftler Elmar Altvater wies in der französischen Monatszeitung Le Monde diplomatique darauf hin, dass durch den Eurogipfel vom Mai 2012 der Fiskalpakt eine Ewigkeitsgarantie erhalten hat.

Handlungsoptionen scheint es immer weniger zu geben. Dies beunruhigt umso mehr, da wir doch wissen, was geschehen kann, wenn man sich einer Ideologie völlig unterwirft und keinerlei Alternativen mehr zulässt: Irgendwann kann mittels dieser Logik sogar ein totaler Krieg gerechtfertigt werden. Gott sei Dank ist heute in Europa ein Krieg nicht mehr so leicht vom Zaun zu brechen. Aber auch die heutige Ideologie führt, wie Elmar Altvater zum Ausdruck bringt, zu einer totalen Unterordnung – und zwar unter die Regeln des Fiskalpakts. Sprich: Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit auf der einen und Austerität auf der anderen Seite. Nur durch eine solche Unterordnung könne man wieder zur Normalität finden – so galubt man.

Ohne Angela Merkel, Nick Leeson oder Ryujiro Takami in einen Topf mit Adolf Hitler und seinen Schergen werfen zu wollen, weisen ihre Handlungsmuster doch eine strukturelle Ähnlichkeit auf: Die genannten Personen manövrierten sich in eine Situation hinein, in der sie ihre Handlungsfähigkeit mehr und mehr einer vermeintlichen Alternativlosigkeit opferten.

Gilt als Begründerin des TINA-Prinzips: Margaret Thatcher (Quelle: wikimedia, Jay Galvin)

Systemzwang?
Beispiel Nick Leeson: Als der Angestellte der Barings Bank das interne Verrechnungskonto mit der Nummer 88888 eröffnete, tat er dies, um Verluste in Höhe von 20.000 Pfund vor der Zentrale in London zu verstecken. Leeson handelte im Glauben, dass 20.000 Pfund eine Summe darstellen, die man irgendwann problemlos mit irgendwelchen Gewinnen verrechnen könnte, sodass die Verluste nie offiziell ausgewiesen werden müssten. Mit der Zeit wuchsen die Verluste, die er inzwischen regelmäßig auf das Konto mit der Nummer 88888 verschob, immer weiter an. Dies verleitete ihn dazu, immer riskantere Spekulationen zu tätigen. Ein Vorgehen, das spektakulär scheiterte, summierten sich die Verluste am Ende doch auf 1,3 Milliarden US-Dollar. Was muss einem wohl durch den Kopf gehen, wenn man sich auf diese totale Spekulation einlässt? Sie ahnen es: Tina.

Beispiel Ryujiro Takami: Dem Zugunglück von Amakasaki war vorausgegangen, dass der Zugführer in der vorherigen Station die Haltelinie überfahren hatte und die Bahn nochmals zurücksetzen musste, was eine Verspätung des Zuges von 90 Sekunden zur Folge hatte. Nun gelten japanische Züge nicht umsonst als die pünktlichsten der Welt. Diese Pünktlichkeit erreicht die japanische Eisenbahngesellschaft durch den Einsatz modernster Technologien – aber auch dadurch, dass sie einen immensen Druck auf die Zugführer ausübt. Insofern verwundert es nicht, dass man als japanischer Zugführer keine Alternative zur totalen Pünktlichkeit sieht. Takami versuchte, die Verspätung wieder gutzumachen, indem er zwischen den Stationen auf die Tube drückte: Anstatt dem Tempolimit von 70 Stundenkilometern zu folgen, hatte der 23-jährige Takami den Zug mit circa 116 Stundenkilometern in die Kurve gelenkt. Man kann nur spekulieren, ob er sich bewusst war, dass er in diesem Moment das Leben von über 700 Personen aufs Spiel setzte. Vermutlich aber galt sein einziger Gedanke – genau: Tina.

Beispiel Angela Merkel: In ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos spricht die Bundeskanzlerin von der Notwendigkeit, eine Stabilitätsunion zu formen, von der Idee, neben dem bereits erwähnten Fiskalpakt noch einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit zu etablieren, und davon, den Freihandel weiter voranzutreiben. All dies müsse geschehen, um »wirtschaftliche Rahmenbedingungen in Europa zu schaffen, (…) die neue Investitionen ermöglichen, die Wachstum und damit auch dauerhaft wettbewerbsfähige Arbeitsplätze ermöglichen«. Kurz, es geht um »den Wohlstand Europas in der Zukunft«.

Wohlgemerkt, in ihrer Rede erläutert Merkel bis ins Detail, wie sie sich solch einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit vorstellt; aber nirgends findet sich ein Hinweis darauf, was sie eigentlich unter Wohlstand versteht. Wozu auch? Warum sollte sie sich über etwas so Selbstverständliches Gedanken machen, wo doch an jeder Ecke neue Bedrohungen für den Wohlstand lauern, dessen Erhalt, ihrer Meinung nach die einzige Möglichkeit darstellt, alle Errungenschaften zu bewahren, die gemeinhin mit unserem Verständnis westlicher Demokratien verbunden sind. There is no alternative!

Wohlstand – um jeden Preis?
Nun ist es nichts Verwerfliches, Wohlstand zu wollen. Materieller Wohlstand erleichtert das Leben und macht es lebenswert. Wer über ein gewisses Vermögen verfügt beziehungsweise ein solides Einkommen bezieht, ist viele Sorgen los – man kann sich sicher sein, nicht hungern zu müssen, ein Dach über dem Kopf zu haben, seine Kinder ernähren zu können etc. Zugleich kann man sich gewisse Statussymbole leisten, kann bestimmten Hobbys nachgehen, kann sich sozial engagieren, kurz: Der finanzielle Freiraum ermöglicht es, seine Identität so auszugestalten, wie es einem gefällt. So weit, so gut. Allerdings muss man sich die Frage stellen, inwieweit die völlige Fixierung auf materiellen Wohlstand ebenso auch in Unfreiheit münden kann. Diese Frage stellt sich umso mehr, wenn eine bereits sehr wohlhabende Volkswirtschaft in eine Krise gerät – eine Volkswirtschaft, in welcher zudem das Vermögen immer ungleicher verteilt ist.

Nun gibt es aber wirklich überhaupt keine Anzeichen dafür, dass es zu einer sinnvollen Neuregelung der ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kommen könnte. Trotzdem aber legt man, wider besseres Wissen und obwohl das Gefühl einem etwas anderes sagt, sein Schicksal in die Hände einer »höheren« Macht, die es richten soll. So gibt man immer mehr Handlungsalternativen auf und manövriert sich in eine Situation hinein, in welcher die Abkehr vom eingeschlagenen Weg immer schmerzhafter wird, da sie bedeuten würde, die Prinzipien infrage stellen zu müssen, nach denen man bisher sein Leben ausgerichtet hat. Diesen Schmerz überhaupt nicht erst aufkommen zu lassen, dafür steht paradigmatisch die Politik Angela Merkels. Alle, die sich auf ihr Angebot einlassen, machen im Prinzip nichts anderes als Nick Leeson oder Ryujiro Takami.

4 Gedanken zu “Tina – Königin der Krise

  1. Die Abkehr vom »Vertrag von Detroit«, soweit er die westlichen Industrienationen betraf, und die globale Hinwendung zum »Konsens von Washington« haben die Alternativlosigkeit politisch und gesellschaftlich salonfähig gemacht.

  2. »Wie konnte es zu solch einem Unglück kommen?«

    Ich sehe das Verschwinden einer Bank nicht gerade als Unglück an!

  3. Nun, auf mich wirken die Zeilen wie ein feiner Hauch aus rosaroten Wattebäuschen, mit dem man gegen Wogen der Obszönität und vielförmigen Gewalt hinter einer eisigglatten Stahlscheibe zum, sagen wir nicht Sturme, aber zum Nachdenken bläst.
    Naja.

    Diese Frage stellt sich umso mehr, wenn eine bereits sehr wohlhabende Volkswirtschaft in eine Krise gerät‹. Aha, wie war das noch, der Finanzmarkt war doch in einer Krise. Ach, so, man drehte es dann zur Staatsschuldenkrise und, ja, die Volkswirschaften waren dann in der Krise. Genau. Weil der Finanzmarkt kann ja nicht in der Krise sein, dazu wurde ja alles schon nomothetisch durchmodelliert. Ok, und jetzt müssen wir schauen, wie wir sparen. Weil wir zu wenig gespart haben. Moment, ach so, die Schulden, wir labten in der Völlerei und prassten. Genau, die ganzen Krankenhäuser ohne Patienten, die Sozialhilfe für alle, abe es gab eh nur mehr Besserbestellte, Staßenbau aus Jux, Bildung für alle und jeden, öffentlicher Wohnbau für nicht mehr vorhandene Mieter und Käufer, Renten für Endvierziger, nur damit man nicht sparen mußte, fast wäre es noch zum Freibier für den ganzen Staat gekommen. Mir tut auch heute noch der Schädel weh. Ehrlich gesagt, so nebenher nur. Dann kam die Domina von der Börse und ertappte uns, taumelnd, prassend, gröhlend, faulenzend: ich bin Tina, ich stehe auf sparen. Jetzt müssen wir uns fragen, was es mit dem materiellen Wohlstand so auf sich hat. Weil da können wir sparen. Ich frage mich, du frägst dich, jeder geht nach Hause und fragt sich und seine vier Wände, wie es um den materiellen Wohlstand bei ihm besteht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.