Der Praktikantenstaat

1.    In der Oberschule: dreiwöchiges Praktikum.
2.    Während des Studiums oder der Ausbildung: Praktikum.
3.    Nach dem Studium oder der Ausbildung: Praktikum.
4.    Während der Fortbildung oder der Umschulung: Praktikum.
5.    Praktikumsbörsen werden manchmal von Praktikanten organisiert.
6.    Absagen auf Praktikastellen werden häufiger von Praktikanten geschrieben.
7.    Praktikanten werden nicht selten von Praktikanten eingearbeitet.
8.    Das Gehalt eines Praktikanten wird in Form von Lob und Zeugnis ausbezahlt.

Praktika gehören zur Berufswahl dazu. Irgendwann macht fast jeder eines. [...] Ein Praktikum kann die Eintrittskarte in die Job‐Welt sein. [...] Die Tatsache, dass man seine Freizeit dafür geopfert hat, zeigt Motivation und Leistungsbereitschaft.

- Bundesagentur für Arbeit

5 Gedanken zu “Der Praktikantenstaat

  1. Ursprünglich war das Praktikum dazu gedacht, einen gleichwertigen Bildungsabschluß zu erreichen. Praktika wurden daher ähnlich Lehrlingsgehältern im 3. Lehrjahr bezahlt. — Das ist über 40 Jahre her‐ leider.
    Heute werden Praktikanten/innen nur noch ausgebeutet und mit leeren Versprechungen hingehalten... es ist ein Rückfall in den Feudalismus sondersgleichen.

  2. Es ist oft sogar noch absurder: Um ein Praktikum zu bekommen, sollte man vorher ein Praktikum absolviert haben. »Idealerweise haben Sie bereits Erfahrungen durch Praktika gesammelt« — so einen Blödsinn kann sich kein Komiker ausdenken.

  3. Wie alle modernen Gesellschaftsentwürfe, beruht Kapitalismus auf einem Versprechen auf die Zukunft, das inzwischen quasireligiöse Züge trägt: Wenn du nur hart genug an dir arbeitest, im Hier und Jetzt genügend verzichtest und darbst, dich gesund ernährst und Sport treibst, wenn du 24 Stunden am Tag verfügbar bist, alle Zumutungen wegsteckst, dann winken auch dir einmal Glück und Erlösung in Form von Reichtum und Erfolg. Der Praktikumsstaat ist da nur eine der neueren Erscheinungsformen.

  4. Abgesehen davon, dass das Leben prinzipiell ein Praktikum ist im Sinne dessen, dass seine Zukunft nicht prädestiniert ist, es fortdauernd Neues zur Begegnung bringt und es darüber hinaus praktisch vollzogen werden muss, also keine theoretische Religion ist, gehörte diese ausbeuterische Art von Praktikum verboten.
    Wie Stefan R. schon sagte, es ist die tiefgelagerte Hoffnung auf Entspannung. Einmal wird sich die Zielphalanx einfahren lassen: ein Haus, genug Geld, eine sichere Arbeit, gelassener Konsum und ein zufriedenes Leben im Allgemeinen. Dies ist wohl die Karotte, der wir nachbeißen. Ob es sich überhaupt einstellen kann, mag dahingestellt bleiben. Vermutlich nicht ohne weiteres. Was hätte ein solches Leben für einen Sinn, wenn es nicht die Heerscharen jener gäbe, die es nicht haben. Welche Entspannungseruption sollte in uns dadurch denn entstehen außer jener, die sich einstellt, wenn wir wissen, dass wir nun nicht mehr SO leben müssen, wir tief befriedigt auf das Mühsal der anderen blicken können und unser eigener Lebensvollzug sogleich in einem befriedigenden Lichtkegel erschiene? Die Mühenden beleuchten uns ja: seht, wie ihr da lebt, so wollen wir zu Hauf auch leben. Da grädet es einem gleich das Haupt in stolze Höhen. Man hat etwas, das andere begehren, so sehr, dass sie alles in Kauf nehmen, gar ein Praktikum. Und man tat es ja selbst auch. Wie lange begehrte und hoffte man auch ein ruhigeres und sichereres Leben. Als man es dann hatte, wechselte man die Seite, man wurde gerade zu auf die andere Seite geschoben.
    Nun, für wenige wird es wohl so ausgehen, für die meisten wird es beim Begehren bleiben. So schenken sie jenen, die haben, was sie begehren, die Perspektive einer Wertschätzung.

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