Neusprech: Anpassung

»Zum 1. Juli eines jeden Jahres werden die Renten angepasst, indem der bisherige aktuelle Rentenwert durch den neuen aktuellen Rentenwert ersetzt wird.«

- SGB VI, § 65 Anpassung der Renten

Das Nomen »Anpassung« kommt ursprünglich aus dem Bereich der Biologie und bezeichnet die evolutionsbedingte Veränderung von Lebewesen, die von ihrer jeweils spezifischen Lebensumgebung beeinflusst wurde. Säugetiere, Insekten und Bakterien haben sich im Laufe der Jahrhunderte an die verschiedensten, auch vermeintlich lebensfeindlichen, Lebensräume angepasst. Politik, Medien und Wirtschaft verwenden häufig dieses Schlagwort. Sei es die Miet‐, Strom‐, Renten‐ oder Lohnanpassung. Nicht selten ist hier die Anpassung ein Euphemismus für eine Preiserhöhung oder eine Leistungskürzung.

Der Begriff suggeriert, als sei die Entscheidung zwingend notwendig, da man sich an äußere Rahmenbedingungen orientieren müsse, die man selbst nicht beeinflussen könne. So wird beispielsweise die Stromanpassung, also Erhöhung, regelmäßig mit der Preissteigerung von Rohstoffen begründet. Auch bei der Anpassung von Löhnen und Renten, also der Kürzung, wird mit der höheren Gewalt der Globalisierung und mit unserer vermeintlich unabänderlichen Wirtschaftsordnung argumentiert.

So wie sich ein Eisbär über die Jahrhunderte eine dicke Fettschicht zugelegt hat, um im kalten Eis zu überleben, so müssen sich Kosten und Preise der täglichen  Lebensumwelt anpassen, so die biologisch‐evolutionäre Suggestion. Der Neoliberalismus bekommt somit einen natürlich gewachsenen Anstrich. Er sei Naturzustand und Alternativen gebe es nicht. Unterschlagen wird jedoch, dass die Wirtschaftsordnung allein von Menschen gemacht wurde und wird. Sie ist somit –im Gegensatz zur evolutionären Anpassung von Tieren‐ jederzeit veränderbar.

Das Schlagwort verhält sich ähnlich wie die oft geforderte »Flexibilität« von Arbeitskräften. Anpassung und Flexibilität können von der Wortbedeutung her, zur Verbesserung und zur Verschlechterung der Lebenssituation von Menschen beitragen. Es ist ein dehnbares Wort, dass in beide Richtungen ausschlagen kann. Für die meisten Menschen sind die Begriffe faktisch jedoch eine Verschlechterung: Lohn‐ und Rentenkürzungen, Miet‐ und Strompreiserhöhungen, Lockerung des Kündigungsschutzes, Ausweitung von Niedriglohnjobs und der Leiharbeit, unbezahlte Überstunden, Steuererhöhungen und vieles mehr.

9 Gedanken zu “Neusprech: Anpassung

  1. In einer Darwin AG wird sich dann wohl auch die alternativlose Denkart total durchsetzen. Statt Anfassen gibt es dann nur noch Anpassen. Oder ist es heute schon so ?

  2. Anpassung und Freiheit. Im Zeitalter verschwundener Ideale ist Freiheit als Regung zu verstehen, die vollzogen wird, wenn ein Lustbedürfnis sich rührt. Millionen an Leibern, die ihren Geistern den Regungsvollzug spenden. Ein Lustbedürfnis, da! im Gesichtsfeld, ein Objekt, das gewollt werden will und die Lust zu befriedigen verspricht, das Gegenstück meiner ausgreifenden Wollenskraft ist, da! in der Nase, da! im Kopf, ein Plan um zwei Ecken. Ich nehme auf und evaluiere. Was respondiert mein Leib? Es gefällt ihm. Jener Satz gefällt ihm besser als dieser. Ich bin für jenen. Nanu, ich verspüre das wollen dieses Dinges da, ich will es, ich tue alles dafür.
    Derart ist die Anpassung die Einscherung in vorgefertigte Regungsabläufe. Wir unterstehen einem Regungsregime. Die Regung als Handlungsraum der Politik. Siehst du, wenn du dies oder jenes willst, dann mußt du dieses oder jenes dafür tun. Dann kannst du das durchvollziehen. Deine Rente wird gekürzt? Dein Regungsvolumen wird gestutzt. Du verdienst nun mehr? Mehr Regungsabläufe sind dir zugänglich gemacht. Du kannst dir einen SUV in die Garage stellen und den Akt der Lustbefriedigung wallen lassen vor deiner Garage, Triebgemische explodieren lassen im Blick in die Garage oder aus dem Fenster.
    Was ist Freiheit? Das weiß ich nicht, aber dies ist sie nicht.

  3. Guter Artikel. Auf den Punkt gebracht.

    @Hartmut
    Was hat Darwin mit (kapitalistischer) Ausbeutung zu tun?

    @Flavo
    Sie scheinen etwas verwirrt.
    Was ist Freiheit?
    Freiheit kommt von Können. Ich kann, also bin ich frei.
    Ich kann es nicht, also bin ich nicht frei.

  4. Da wir gerade beim Anpassen sind, noch Wort zum Thema:

    Du, halt die freche Schnauze, pass dich an!
    Dir wird bestimmt dann Gutes nur passieren.
    Mach’s einfach so, wie jeder brave Mann,
    den kann auf lange Sicht doch nichts genieren.
    Vielleicht begreifst du dann noch irgendwann,
    nur so kann man im Leben reüssieren.
    Doch bist du weiter klüger als die Pferde,
    zerstampft dich bald die angepasste Herde.

  5. @Lux

    Darwin hat viel mit Anpassung zu tun und eine Aktiengesellschaft, AG,
    ist ja wohl ein Hauptmerkmal für die üblen Auswirkungen des Kapitalismus. Ergo, Darwin AG ist eine versuchte sehr kurze Formel des Artikels.... ok ?

  6. @Lux

    Ich kann, also bin ich frei? Was muss man denn können, um frei zu sein, das Können?
    Sehr weise, wirklich! ;)
    Ein guter Artikel, der aufzeigt, wie Sprache heutzutage manipulieren soll. Aber eine Lüge bleibt eine Lüge, auch wenn sie noch so schön verpackt wird. Diese Art von Verpackungen perfekt zu beherrschen, scheint Ausdruck von Qualität zu sein — für Politiker und Medienvertreter. Man stelle also immer die Frage: Wem nutzt das?

  7. @Frau Lehmann: Wenn die Wahrheit sich noch die Schuhe anzieht, ist die Lüge bereits drei Mal um die Welt gelaufen.

    Bei den privaten Krankenversicherungen heißt es seit Jahrzehnten »Anpassung der Prämie« und zwar in nur eine Richtung.

  8. @sramXX
    Es wird immer schwieriger, einen Sinn darin zu erkennen, auch nur eine Wahrheit hinter der verschleierten Lüge erkennen zu wollen. Wer will schon gerne der einsame Rufer in der Wüste sein, schon gar keine keine Kassandra.
    Warum nur gelingt es mir dann nicht, mich anzupassen? Ich könnte zufriedener sein... wahrscheinlich.

  9. Die Wörter Anpassung und Flexibilität funktionieren noch heutzutage, sind jedoch in vielen Fällen entweder scheinbar oder unpräzise. Jeder muss sich nämlich die Frage stellen, was hinter ihnen steckt? Anpassung an das heutige Wirtschafts‐ bzw. Politiksystem? Wenn ja, dann sollen sich die Menschen an es anpassen oder wird es ihnen einfach vorgeschrieben? Flexibilität in welchem Sinne? Eine genaue Erklärung dieser Wörter (besonders heutzutage) würde ich eher den Philosophen überlassen.

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