»Mir doch egal!«

Die schlimmste Haltung ist die Gleichgültigkeit, die bedeutet: »ich kann nichts dafür, ich komme schon klar«. Mit einem solchen Verhalten verliert ihr einen unverzichtbaren  Bestandteil der Menschlichkeit. Es ist die Empörung und das daraus resultierende Engagement.

- Stephane Hessel, französischer Résistance‐Kämpfer und Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, aus seinem Buch »Empört Euch!«

Anmerkung: Der weit um sich greifende Fatalismus ist die wahre Stütze des Kapitalismus. Dabei geht es primär noch nicht einmal daurm, die Menschen zum wählen oder zu einem sozialen Engagement zu bewegen, sondern sich zu allererst für die Ungerechtigkeiten der Welt, dem kritischen Hinterfragen und Nachdenken zu öffnen. Wem alles, außer dem eigenen Wohlbefinden, egal ist, der verbrennt mental die ganze Welt.

9 Gedanken zu “»Mir doch egal!«

  1. »[...]Wem alles, außer dem eigenen Wohlbefinden, egal ist, der verbrennt mental die ganze Welt[...]«

    In punkto deines Textes geb ich dir recht, aber bei persönlichen Lebenskrisen ist die Haltung »Mir doch egal!« ein reiner Überlebensschutz.

    Ich weiß wovon ich schreibe, denn ich stecke derzeit in einer solchen, und dies schon seit mein Vater vor 7 Jahren an Krebs gestorben ist bzw. meine Mutter vor 1 Jahr eine Hüftoperation hatte von der die sich geistig, und mental, bis heute nicht richtig erholen durfte, da »unser Geschäft« ja vorgeht.

    Nun hat die auch noch die Diagnose Diabetes‐Typ‐2, und sogar Verdacht auf Parkinson erhalten — Wäre ich nicht Atheist, ich hätte mich schon längst umgebracht, so bleibt mir derzeit nur die Haltung »Mir doch egal!«, die ich mir von niemandem nehmen lasse.

    Was »unser Geschäft« angeht, dass ist auch nervig, aber das ist ein anderes Thema, dass aber sicher auch zu meiner Haltung beiträgt »Mir doch egal!« — Nur soviel, den Satz »Scheiß Touristen« versteh ich seit Beginn meiner Lebenskrise sehr gut, und dies gerade weil wir von Feriengästen leben, die keinerlei Verständnis für Krankheit, Tod — oder persönliche Lebenskrisen — haben. Manche haben übrigens, trotz eigener schwerer Krebserkrankung, immer noch den Drang normal weiterleben zu wollen, und laden ihre persönlichen Befindlichkeiten bei uns ab — nervig eben, und da hilft mir auch nur die Haltung »Mir doch egal!«

    Gruß
    Bernie

  2. Kleine Ergänzung:

    Wenn sich das »Hotel Mama« in die »Hölle Mama« verwandelt, dann ist die Haltung »Mir doch egal!« sowieso der reinste Selbstschutz.

    Gruß
    Bernie

  3. @ Bernie

    Deine mentale Emigration, so verständlich sie auch in Eurer Situation sein mag, trennt Dich andererseits von äußerer Entlastung durch Rückkopplung.
    Wir sind in der Regel kommunikative Wesen, die sich gelegentlich der anderen versichern müssen, um nicht permanent in die falsche Richtung abzudrehen.
    »Egal«, verschleiert die Verletzungen, Ängste und die sonstigen Verunsicherungen.
    Ich wünsche Euch Kraft und Öffnung!

    Gruß

  4. Aus meiner Jugend, Ende der sechziger, ist mir noch folgender, eigentlich ein frecher und sinnentlehrter Spruch in Erinnerung:

    »Egal — legal — scheißegal« — oft gehört, doch ich kann mich nicht erinnern ihn benutzt zu haben.
    Im nachhinein denke ich, dies war Ausdruck einer fatalistischen Haltung gegenüber den damaligen politischen Entscheidungsträgern.

    Ich denke, die totale egal‐Phase gehört bei vielen mit zur Pubertät.

    So lange ich lebe, bemühe ich mich, Schritt für Schritt vor den Schicksalsschlägen, Katastrophen oder sonstigen Grausamkeiten
    innerlich (gedanklich) zu distanzieren und zu verarbeiten. — Auch oder gerade weil mir bewußt ist, daß die meisten Katastrophen (s. USA) von widerwärtigen Menschen herbeigeführt sind.

    Jeder von uns hat seine individuelle Last zu tragen. Doch bevor er zusammenbricht , bzw. bis zum Äußersten (Suizid) geht, ist es für ihn oft die letzte Rettung, wenn er auf Mitmenschen trifft, die sich um ihn sorgen.

  5. »Wem alles, außer dem eigenen Wohlbefinden, egal ist, der verbrennt mental die ganze Welt.«

    Ich frage mich, wo all die sozial engagierten geblieben sind? Wo sind die, die damals gegen den Nato‐Doppelbeschluß auf die Straße gingen? Wo sind die, die Die Grünen gründeten? Wo sind die Gewerkschaften, die sich für die Arbeiter und Angestellten einsetzen und nicht für die Karrieren ihrer Funktionäre?

    Ich fürchte die Welt brennt schon längst :(

  6. Man darf nicht übersehen, dass das Kümmern um Ungerechtigkeiten nicht automatisch gut ist. Mir wäre unverständlich, wie jemand, der alle Kräfte für die Bewerkstelligung des eigenen Lebens braucht, nicht sagen könnte ›mir doch egal‹. Die herrschende Moral hat hier einen Clou eingebaut. Zu diesem gehört neben der Verkennung des ersten als zweiter Bestandteil, dass natürlich jener, der nicht alle Kräfte zur Bewerkstelligung des eigenen Lebens braucht, Restspielraum hat um zu sagen ›das ist mir nicht egal‹.
    Man braucht nur eins und eins zusammen zu zählen und viele in kleineren Städten und Dörfern wissen es ohnehin: der Wohlhabende wird nun zu einem, der sich empört. Siehe da! Er wird tätig in allerlei im Geiste der Empörung sich vollziehenden Gruppierungen. Hingegen jener, welcher täglich 2,5 Stunden im Zug sitzt, damit er den vom Arbeitsamt zugewiesenen prekären Job ausführen kann und wieder nach Hause kommt. Er wird nicht in diesen Gruppierungen auftauchen können, oder eher nicht. Empören wird er sich wohl, vermutlich mehr, er wird sich ärgern und er wird auch hassen. Aber nun, siehe da, er ist jener geworden, der sich nicht empört.
    Nun haben wir eine Verkehrung in die Welt eingeführt: der Profiteur der herrschenden Welt wird zum Empörten, der Defiziteur der herrschenden Welt zum Nichtempörten.
    Über welche Welt empört sich der Profiteur eigentlich? Und ist überhaupt die Empörung etwas, das eine Welt verändern kann?

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