Idiotenalmosen

almosen_titelFür ein paar Brotkrumen der Reichen machen wir alles. Da kennen wir weder Stolz, Ehre, noch Schamgefühl. Wir beteiligen uns an Verlosungsaktionen und Gewinnspielen, bei der die Chance vom Blitz getroffen zu werden höher ist, als den Hauptgewinn zu erhalten. Wir rufen stunden‐ und tagelang bei endlosen TV‐Telefon‐Hotlines mit automatischen Sprechansagen an und bemerken nicht, dass unser Hauptgewinn vor allem die hohen Telefonkosten sind. Wir geben bereitwillig unsere E‐Mail‐, Telefon‐ und Adressdaten heraus, um eventuell ein Produkt testen oder etwas gewinnen zu dürfen, dass keine fünf Euro wert ist, während die Unternehmen mit unseren Daten ihren Profit erhöhen. Wir machen uns für ein paar Euro im Trash‐TV zum Aufziehmännchen und Hampelmann der Medienkonzerne. Wir beteiligen uns an etlichen Rabatt‐, Coupon‐, Payback‐ und Gutschein‐Aktionen, schauen uns freiwillig Werbung im Fernsehen an, ziehen uns regelmäßig die Discounter‐Werbeprospekte rein und sind immer auf der Suche nach ein paar Prozenten und vermeintlich günstigen Angeboten. Selbst aufgeklärte und kritische Menschen haben diesen Habitus tief verinnerlicht. Unsere Wirtschaftsordnung hat uns zu Krämerseelen erzogen, in der jeder eingesparte oder gewonnene Euro als ein persönliches Erfolgs‐ und Glücksgefühl empfunden wird. Wo bleibt euer Selbstwertgefühl?

10 Gedanken zu “Idiotenalmosen

  1. Mich nerven diese Werbungen und Punktekarten massiv. Vor allem weil man verarscht wird. Die Preise werden erhöht, dann wieder gesenkt und man schreibt die Ersparnisse hinzu. Man verkauft Produkte mit weniger Inhalt, man senkt die Qualität, und, und, und. Mich nervt es nur noch einzukaufen. Der Überfluss senkt mein Bedürfniss loszugehen.

  2. Bei der operanten Konditionierung wird das »Belohnungssystem« (Nucleus accumbens) des Gehirns stimuliert und der Verstand (Ratio) eliminiert.

  3. @chriwi

    BWL‐Schnösel und Ökonomie‐Jünger nennen das »Marketing«. Verarscht wird in der freien und absolut sozialen Marktwirtschaft niemand. Wenn jemand solch ein Gefühl empfindet, ist das ein Einzelfall und liegt an der mangelnden Eigenverantwortung.

  4. Vermintes Gelände. ;) Ein zweischneidiges Schwert; zumindest die Sache mit den Coupons, Angeboten bzw. Prospekten. Es ist nämlich nicht immer nur »Geiz« oder ökonomisches Minimalprinzip, sondern die normative Kraft des ökonomisch Faktischen; die erbärmlichen Mittel, mit denen man haushalten muss; wenn am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist...

    Man muss es sich nämlich erst einmal »leisten« können, nicht auf die Preise achten zu müssen. Nicht jeder kann im teuren Biomarkt oder beim Metzger einkaufen. Der »Warenkorb« für H4‐Bedürftige wird ja auf den Cent genau ausrechnet; man soll sich von 3 oder 4 Euro am Tag (gesund) ernähren — da bleibt einem schlicht nichts anderes übrig, als Preise zu vergleichen... und die Klamotten bei Kik zu kaufen, etc. Zumal ich auch nicht verstehe, warum man absolut kritiklos jeden willkürlichen »Preis«, der da am Regal hängt akzeptieren und brav bezahlen soll — da könnten wir uns ja dann die Aufregung um niedrige Löhne und hohe Energiekosten usw. auch sparen. Hier werden meiner Meinung nach ein klein wenig die Rollen von Opfern und Tätern vertauscht! Don’t hate the player — hate the game! ;)

  5. @Dennis82

    Hab schon fast darauf gewartet, bis das Argument kommt ;) Sicher müssen viele auf die Preise achten und es ist ja auch durchaus legitim, sich nach Angeboten umzuschauen. Darum ging es mir aber hier nicht (zu dem Werbeprospekt‐Bild gibt es auch einen Text^^), sondern darum für ein paar Prozente oder Gewinne einfach jeden Blödsinn mit zu machen und über nichts anderes mehr nachzudenken.

    Letztens gab es beispielsweise eine groß angekündigte Gewinnaktion in einem Berliner Einkaufszentrum (Steglitz‐gute Mittelschicht‐wenig H4‐Empfänger). Es wurden Lose verkauft, die Leute standen stundenlang an. Der Moderator machte eine Riesenshow daraus. Hauptgewinn: 30 Euro.

  6. @Dennis82
    Wobei die Frage ist, welche Eigenschaften die Menschen in die Situation gebracht haben, dass sie auf solche Art und Weise der »normativen Kraft des ökonomisch Faktischen« ausgeliefert sind.
    Vielleicht sind das ja die gleichen, die sie wie Hampelmänner solchen Aktionen hinterher rennen lassen. Damit meine ich jetzt nicht die neoliberale bis hin zu eugenischer Sichtweise, sondern eine demokratisch‐souveräne.

  7. Dann hast du den Artikel aber falsch bebildert! Den Text hab ich natürlich gelesen und ich stimme ja auch weitgehend zu. ;) Speziell in diesem Punkt wird aber eben immer sehr viel nicht Vergleichbares mal eben über einen Kamm geschoren — und damit auch nicht wenigen Menschen zu Unrecht ein »selbst Schuld« vor den Latz geknallt bzw. eine »Mittäterschaft« unterstellt. Dabei ist es doch immer das Wirtschaftssystem, welches letztlich alle zu bestimmten Verhaltensweisen zwingt. Dann sollte man sich bitteschön auch die Mühe machen — und differenzieren! Und ich halte es auch für völlig richtig, sich nicht kritiklos jedem Preisdiktat zu unterwerfen.

    Natürlich — solche Situationen, wie du eine davon beschreibst sind an sich irrational. Aber ist sie repräsentativ...? Oder auch nur ein Ausdruck, wie verzweifelt selbst die Menschen auch in »besseren« Stadtteilen bereits sind...?

  8. Ich und viele andere, die ich kenne leben im Minimum‐ Bereich und wir 4‐ Köpfige Familie können uns leisten nur Bio zu essen. Dafür aber nichts anderes...Hier geht es um Prioritäten. Jetzt essen wir auch mal nicht Bio, weil wir uns auch mal andere Sachen leisten wollen. Aber das ist nur ein Model von Tausenden.
    Zu diesen Prospekten muss ich sagen gibt es auch eine andere wichtige Gruppe, nämlich all die vielen Kleinunternehmen, die nach Schnäppchen jagen und sie dann selber weiterverkaufen.
    Diese Prospekte sind viel an alte Menschen gerichtet, die wenigstens so das Gefühl bekommen aktiv am Leben Teilzuhaben und zu etwas dazuzugehören. Eine Benachrichtigung oder Werbung ist immerhin Post.

  9. Mir gefällt das Wort Krämerseelen so toll, dass ich es schon seit vielen Jahren gegenüber nur kaufmännisch Denkenden benutze..... nur selten bemerkte ich, dass es überhaupt verstanden wurde, bzw. was ich damit zum Ausdruck bringen wollte.

    Im übrigen empfinde ich jegliche Art von Werbung als Nötigung !

    Hab auch schon irre Gegenargumente gehört, wie z.B. »Dann wissen wir wenigstens, was alles angeboten wird« oder »für mich ist Werbung eine große Hilfe«..... da mußte ich dann doch passen.

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