Die Angst der Reichen

reh_titelHäufig wird behauptet, man bräuchte nur genug Geld, dann hätte man für sein Leben ausgesorgt. Ein sorgenfreies und glückliches Leben würde einen erwarten. Ausreichend Vermögen würde die Nerven beruhigen, zufrieden machen und persönliches Glück  erzeugen. Schließlich nagt, bei nicht wenigen finanziell schwachen Menschen, der ökonomische Überlebenskampf, der Neid und die Gier an der eigenen geistigen Gesundheit. Dies alles hätte ein Ende, wenn man nur reich sein würde, so eine weit verbreitete Einstellung. Also wird jahrzehntelang Lotto gespielt, sich an Gewinnspielen beteiligt, Geld in Lebensversicherungen und Sparguthaben angelegt oder sich kaputt geschuftet – alles in der Hoffnung, irgendwann reich oder zumindest halbwegs vermögend zu sein. Was ist aber, wenn in Wahrheit die meisten Reichen weder glücklich, noch sorgenfrei sind? Sondern, ganz im Gegenteil, eigentlich in ständiger Angst leben?

Ich würde sogar behaupten, dass viele Vermögende große Verlustängste davor haben, Macht, Kontrolle, Geld und Einfluss zu verlieren. Nach außen hin mimen sie vielleicht die Erfolgs‐ und Karrieretypen, inszenieren sich als Leistungsherrenmenschen, die es geschafft, sich also vom Tellerwäscher zum Millionär hochgearbeitet haben, wie der gängige Mythos verspricht. Bill Gates, der angeblich in seiner Garage angefangen hat, an Computern zu schrauben, bevor er sich zu einem der reichsten Menschen der Welt empor gearbeitet hat. Erfolgreiche Fußball‐Profis, die sich aus der Gosse nach oben gekickt haben und nun Millionen‐Gehälter einstreichen. Oder auch die Gewinner bei »Wer wird Millionär?« oder »Schlag den Raab«, die sich mit vermeintlichen Fachwissen und Kompetenz eine Million Euro oder mehr erstritten haben. Sie alle gelten vielen hartarbeitenden Lohndrohnen als Vor‐ und/oder Neidbilder. Jeder möchte heute doch reich und vermögend sein oder etwa nicht?

Wohlverdientes Grausen
Reiche und Vermögende sind wohl eher selten glückliche und ausgeglichene Menschen. Sie haben Angst, dass ihr Vermögen, ihr Sparguthaben, ihre Anlagen, ihre Immobilien und ihre Aktien an Wert verlieren oder gar gepfändet, gestohlen oder enteignet werden. Sie fürchten sich vor Fremden, denn sie könnten ihnen ihr Geld und ihre Wertsachen rauben oder sie betrügen. Überhaupt werden sie misstrauischer gegenüber den Menschen, denn jeder sei doch nur an ihrem Vermögen interessiert. Sie beginnen sich mit Sicherheitssystemen, Überwachungskameras, Alarmanlagen, Tresoren, kugelsicheren Fenstern und Autoscheiben, Sicherheitsdiensten, Spionagesystemen, Privatdetektiven, Anwälten, Waffen, Wachschutz und Zäunen einzuigeln und gegenüber ihren Mitmenschen abzuschirmen.

Weltweit haben die sogenannten »Gated Communities« in den letzten 20 Jahren rasant zugenommen. Ganze Wohnviertel von Reichen werden mit Zäunen und meterhohen Mauern befestigt, überall Überwachungskameras installiert und private Sicherheitsdienste  eingestellt. Die Furcht vor den weltweit gnadenlos enteigneten und verarmten Massen und vor sozialen Unruhen steckt ihnen tief in den Knochen. Hinzu kommt die ständige Furchtsamkeit, vor politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die ihr Vermögen beeinträchtigen könnten, und eine große Scheu vor den Medien. Nicht wenige Reiche schirmen sich vor den Medien systematisch ab, setzen Anwälte darauf an und verstecken sich vor der Öffentlichkeit. Das (Groß-)Kapital ist nach wie vor ein sehr scheues und schreckhaftes Reh. Die reichsten Deutschen, die Aldi‐Brüder, sind dafür das beste Beispiel.

Außerdem haben viele Vermögende ein ausgeprägtes Neid‐ und Konkurrenzbewusstsein gegenüber anderen Reichen. Jeder will sich vom anderen abheben, nicht einfach nur zur schnöden Masse der Besitzenden gehören. Während sich der gemeine Mob durch smartphone-App´s, Markenbewusstsein und Musikgeschmack seine vermeintliche Individualität sichern will, so muss es beim Geldadel schon die Villa, teurer Schmuck, Designer‐Mode oder eine Yacht sein. Die Angst, nicht einzigartig zu sein, ist insofern auch bei den Vermögenden latent ausgeprägt.

Die armen Reichen?
Sollten wir also Mitleid mit ihnen haben? Sicher nicht. Die Milliardäre dieser Welt sind für unzähliges Leid, Armut, Enteignung und weltweiten Hunger mit verantwortlich. Die Maxime, dass die Reichen nur reicher werden können, wenn die Armen ärmer werden, gilt heute stärker denn je. Es benötigt weder technologische Innovationen, genmanipulierte Lebensmittel noch vermeintlich neue oder kreative wirtschaftspolitische Steuerungs‐Instrumente, wie das hochgelobte »Good Governance«, »Public Private Partnerships« oder den marktkonformen »Emissionshandel«, um die weltweite Armut, den Hunger und den Raubbau an der Natur einzudämmen. Einzig der feste Wille zur sozial gerechten (Um-)Verteilung von Besitz und Eigentum ist dafür notwendig. Diese wird aber, gerade von den Vermögenden dieser Welt, mit allen Mitteln verhindert und bekämpft. Insofern sollten wir die Reichen dieser Welt nicht als anzustrebendes Lebensideal betrachten und ihnen erst Recht keinen Beifall klatschen, wenn sie ihre nächste Million einstreichen.

8 Gedanken zu “Die Angst der Reichen

  1. Die Angst, nicht einzigartig zu sein, ist insofern auch bei den Vermögenden latent ausgeprägt.‹
    Latent würde ich nicht sagen. Das käme mir sonderbar vor. Zweifellos ist der Disktinktionsvektor bei der Mittelschicht am stärksten ausgeprägt. Die Anne‐Katherinas, Leonhard‐Marius und Sophie‐Marias der Yuppiegreensektion haben mächtige Skripte in ihren Köpfen, die ihnen vorgaukeln einerseits, ihre in und an ihnen wahrgenommenen Regungen und Vorgänge seien menschheitsgeschichtliche Unikatsevokationen und andererseits antreiben, die mit einem Auge die wahrgenommen Maße im Rundherum zu übertrumpfen. Natürlich macht man dies nicht schauspielhaft, sondern emsig und gelassen, mit leeren Blicken und autoamtisiert. Wer in diese Welt kommt als Außerweltlicher wird in der Regel eine Pegelabsenkung erfahren. Das Laben an vergänglichen Zielen und eine makabre Ruhe, die von einem Leben nichts zu haben scheint. Kaum Abgründe, außer jener einer gut verdeckten Leere, grobe Sinnrelationen, wo ein anderer tausend zwischenschritte gemacht hätte und viel Konformität mit Harmoniedrang. Man gewährt sich gegenseitig auch ein Maß an Disktinktion, damit das Leben müheloser wird. Anne‐Catherine kauft in diesem Bioladen und Leonhard‐Marius im gegenüber liegenden, sie ist Äztin, er Architekt. Ab und zu blitzt der nackte Distinktionstrieb dennoch immer wieder auf, herrisch, rabiat und gnadenlos. Der herrische Makler oder Unternehmer, der nicht über das kulturelle, sondern über das finanzielle Kapital in die Mittelschicht gerauscht ist, dieser ist natürlich wesentlich wilder. Hier muss die Distinktion schon glitzernd sein: der kotzende Protzstatus ist hier das Haus der Objekte und Verhaltensweisen.
    Diese zählen aber alle nicht zum Geldadel und werden es auch nie. Ich würde aber dennoch nicht von latenz dort sprechen. Kurz gesagt, dort scheint mir eher Aggression anzuwesen, die sich aufschaukelt, da natürlich ein immer größer werdenes Konsumgut auch die Absurdität anwachsen läßt, wenn an den erzielten Glückseffekt gedacht wird. Aggressive Distinktion würde ich eher sagen. Wird der Arme depressiv, dann der Reiche aggressiv. Das Dasein wird dort sinnlos, es fehlt eine jede Aufgabe, jede Lebensspannung ist dahin. Was bleibt ist in der Tat die Angst alles zu verlieren und der Zorn, nie etwas Befriedigendes zu finden. Zugleich sinkt die Frustrationsttoleranz zusehends ab. Alle Welt ist immer nur zu Diensten: wie soll da eine Frustrationstoleranz aufkommen? Drehen wir uns: auf der anderen Seite der Arbeiter, der das ganze Leben nur zu Diensten zu sein hat. Wie groß ist doch seine Frustrationstoleranz. Jeder der diese an sich selbst kennt, wird wissen, wie er reagiert, wenn sie überschritten wird: mit Aggressionen, Zorn und Geschrei. Warum soll dies beim Reichen anders sein? Seine Existenzraumzeit ist auch nicht größer als dieser eines Bettlers, nur aber ist dieser Raum anders gefüllt. Es gehen nicht mehr Entitäten und Relationen in die Existenzraumzeit hinein. Da kann der Bettler locker‐lächelnd neben dem blinselnden Reichen stehen, trotz aller extremen Differenzen durch die bestehenden Verhältnisse. Des Reichen Frustrationstoleranz kann gar nicht so robust und weit sein wie diese eines Arbeiters oder sagen wir mal der 90%. Er ist hierin schwach. Nur führt diese Schwäche zu Aktivität und Aggression. Während die große Frustrationstoleranz der 90 % zu Inaktivität und Depression führt. Auf die ganze Welt kann man dann zornig werden.
    Wer zumindest mit den untersten Schichten des Geldadels Kontakt haben kann, z.B. in Hotels oder zufälligen Mäzenenveranstaltungen, wird diese Eigenart leicht feststellen können.

  2. @flavo
    mir scheint sie wissen wovon sie schreiben. ich bin in (zwischen) beiden welten aufgewachsen... und ich kann ihnen nicht widersprechen.

    aggression getrieben durch sinnleere, gelangweilte frustation...
    und lethargie...bzw. passive aggression...

    irgendwann kommt es aber unweigerlich zum abbau der spannung...
    (die mittlebenskrise der menschheit sozusagen) es ist nur die frage wie dieser vorgang ablaufen wird, und wie hoch die kollateralschäden werden...

  3. Alt alter Entenhausener Kompliment du hast die Dagobert‐Duck‐Mentalität der Superreichen voll auf den Punkt gebracht ;)

    Amüsierte Grüße
    Bernie

  4. Als Reicher hätte ich vor allem Angst vor globalen Naturkatastrophen und vor dem Restrisiko, nach dem Sterben vielleicht doch in die Hölle zu kommen, falls ich nicht vorher neunzig Prozent meines Vermögens an Arme verschenke...

  5. Nehme an, immer mehr Reiche haben inzwischen Angst davor, dass der stetig steigende Konsum der exponentiell wachsenden Bevölkerung, der sie ja erst reich gemacht hat, wegen der dadurch entstehenden ökologischen Schäden schon sehr bald sie selbst und erst recht ihre Kinder bedrohen könnte, zumal dann nur Megareiche die Möglichkeit hätten, sich für eine gewisse Zeit davor in Sicherheit zu bringen...

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