Zwangsumsiedelung in Deutschland

»Die Jobcenter erhöhen den Druck auf Hartz‐IV‐Empfänger, die in zu teuren Wohnungen leben. Im vergangenen Jahr forderten sie 65.511 Berliner auf, die Kosten für Unterkunft und Heizung zu senken. Die Zahl der daraus resultierenden Umzüge stieg von 428 im Jahr 2009 auf 1313 im vergangenen Jahr. [...] So forderten die Jobcenter in Pankow 11.775 Hartz‐IV‐Empfänger auf, die Wohnkosten zu senken.«

- Berliner Morgenpost vom 27. Februar 2012

Anmerkung: Wie soll ein ALG 2‐ Empfänger seine Mietkosten mindern? Den Vermieter bedrohen? Im Winter die Heizung ausstellen und frieren? Warum werden nicht die Vermieter angeschrieben? Warum passt man die Miet‐Obergrenze in den Jobcentern nicht den gegebenen Umständen an?

Wer glaubt, Zwangsumsiedelungen würden nur in totalitären oder diktatorischen Staaten veranlasst werden, der sieht sich heute getäuscht. Die Zwangsumzüge werden dafür sorgen, dass finanziell schwache Menschen gezwungen werden, in Berliner Bezirke zu ziehen, die heute schon als »Hartz 4‐Kieze« gelten (Wedding, Neukölln etc.), weil dort die Mieten den Vorgaben des Jobcenters entsprechen. Vielleicht will man ja so bestimmte Bezirke von Armut »reinigen«, hmm?

16 Gedanken zu “Zwangsumsiedelung in Deutschland

  1. Das alles sind die ersten Vorboten der Rezession. Die Kommunen sparen wo es nur geht. Da sind nun mal die Ärmsten der Armen das bevorzugte Opfer, seien es HartzIV‐ler, die zu teuer wohnen, seien es Asylbewerber oder geduldete Ausländer. Die Leistungen der Kommunen werden drastisch eingeschränkt damit wir Steuerzahler die Schmarotzer dieser Gesellschaft, Banken und Versicherungen, retten dürfen.

  2. Man beachte auch Formulierungen wie »zu teure Wohungen«, was dann nie näher spezifiziert wird. Daher haben die Stammtischbewohner etwas andere Vorstellungen von einer »zu teuren Wohnung«, »zu hohen Nebenkosten« oder »Vermögen« (auch so ein Beispiel) als die Jobcenter. Analog gilt das auch für »zumutbare Tätigkeiten«.

    Wenn ich in meinem Umfeld versuche Aufklärung zu betreiben, z.B. das die teuren Wohungen keineswegs irgendwelche Luxushütten sind, oder zu hohe Nebenkosten nicht davon kommen das die Heizung immer auf volle Pulle läuft während das Fenster offen ist, und Vermögen weder Sportwagen noch teure Gemälde sind, ernte ich in der Regel nur Unglauben.

    Solange die Medien dieses perfide Spiel fortsetzen, wird sich daran mangels Aufklärung auch nichts ändern. So leben Hartz IV‐Empfänger in einer Parallelwelt, von deren Existenz die meisten Menschen im Land nicht einmal etwas ahnen.

  3. Das ist also diese FREIHEIT™ von der alle Politikerdarsteller dummfaseln; die Freiheit zwischen Brücke oder Behördenwillkür zu wählen.

  4. Ja, um Berlin ist es wirklich beschissen bestellt. Als gebürtiger Berliner habe ich diese Entwicklung hautnah mitbekommen. Zuerst waren die Innenbezirke dran... alles was Geld hatte, die berüchtigten Schwaben, sonstige Erben, Papasöhnchen‐Töcherchen... nun Schmuckdesigner, Designer, »irgendwasmitMedienundMode«, nutzlose Startups die das Geld ihrer Eltern und Großeltern verbraten, haben ganze Stadtviertel nach ihrem Geschmack/Belieben »umgestylt«... ich finde diese Bauten und die dazugehörende Atitüde einfach nur, um es sehr freundlich zu sagen, unpassend und abgehoben. Ein Bekannter von mir muss nun, von jetzt auf gleich 80 % mehr Miete, in Mitte, zahlen. Das ist nur eine Mieterhöhung gewesen.

    Die Bezirke die sich ausserhalb des S‐Bahn Rings befinden, haben eine unglaubliche Zuwanderung von.... man muss es wirklich so sagen... Dorfossis in den vergangenen 15 Jahren erfahren. Die denken, die leben immernoch in »Schweinewalde« und die Welt gehört ihnen und hat sich nach ihnen zu richten. Die denken sich zusätzlich... ganz Berlin ist eine PartyMeile, ganz wie im Fernsehen. Also wird die Sau hemmungslos, auch in ehemals sehr ruhigen Gegenden, rausgelassen. Hier darf man alles, denkt sich der Dorflümmel. Der erst vor ein paar Jahren zugezogene Bauernjunge lädt dann 10 seiner Freunde vom Dorf ein.. die gehen nicht in die Disco oder ne Kneipe oder sonstiges.....die hocken dann das ganze Wochenende in der Einzimmer‐Wohnung, dann wird »Party gemacht«.... fast jedes Wochenende. Schlägereien, Gegröhle den ganzen Tag durch , vollgekotzte/vollgepisste Treppenaufgänge. Die Touristenwohnungen, für die ebenso gestrickte Klientel, die dem selben Zweck dienen hört man auch 50 m weit im Innenhof. Die Miete ist hier in 2 Jahren um 15% gestiegen.

    So sehr ich diese Stadt liebe, ich werde sie verlassen.

  5. @irgendeiner

    Naja, in Berlin hast Du eben alles, was es an Sub‐ und/oder sonstiger Kultur so geben kann. Bei knapp 3,5 Millionen Einwohnern findet sich eben alles.

    Die sog. »Gentrifizierung« ist in einigen Berliner Bezirken recht groß. In Mitte/Prenzlauer Berg haben die neureichen Yuppie‐Schwaben fast überall Grillverbote an öffentlichen Plätzen vor Gericht durchgesetzt, weil sie der Rauch nervt. Sie leben zwar in Berlin, haben aber das Herz eines Dorf‐Schwaben.

    Dennoch ist Berlin so vielfältig was Kulturen und Mentalitäten angeht, wie keine andere deutsche Stadt.

  6. Ich weiss Epikur, »früher« war es ebenso, dass man alles hatte was es gab. Eine Partygegend, eine Wohngegend, eine »Assigegend«, ein »Reichenviertel« natürlich‐gemischte Viertel, etctec ... je nach Lust konnte man hier‐und dahinfahren. Jetzt ist es als ob es die gleiche Soße wäre. Es gibt nur verarmende, verfallende Viertel und reiche Viertel. Das Problem ist, das man ausserhalb der Snobgegenden überall das gleiche Bild sieht und spürt. Egal ob Westend, Zoo, Reinickendorf, Moabit, Steglitz, Tiergarten, Spandau oder Kreuzberg.

  7. Es gibt nur verarmende, verfallende Viertel und reiche Viertel.

    Das ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Agenda 2010 sei dank: es gibt kaum noch eine Mittelschicht, nur arm und reich. In der Großstadt Berlin sieht man das sehr genau. In der Provinz kann man das besser verleugnen und es sich schönreden.

    backtotopic:

    Die Zwangsumzüge gehen doch genau in diese Richtung, dass man in bestimmten Bezirken keine finanziell armen Menschen mehr sehen möchte. Mieterhöhungen und Jobcenter‐Vorgaben ziehen hier an einem Strang der »Gentrifizierung«.

  8. Dazu möchte ich Dir... Ihnen, einen Artikel aus dem Berliner Mietermagazin 1+2 / 2012 , als Scan. zukommen lassen. »Hartz IV Empfänger müssen draussen bleiben« . Darunter wird auch über die Vergabe von Sozialwohnungen berichtet, Zitat: « Insbesondere Hartz IV Empfänger und Migranten werden benachteiligt. Eine Mitarbeiterin sagte ganz offen, dass ihrer Meinung nach Hartz IV Empfänger kein Anrecht auf eine Wohnung in Innerstädichen Lagen haben.... Begründet wird das mit dem Interesse der deutschen Mieterschaft.« Nur ein Auszug... eigenhändig abgetippt.

    Bei Interesse, bitte E‐Mail mitteilen. Das ist ein absoluter Skandal.

  9. Das Bundessozialgericht hat am 20.12.2011 noch einmal grundsätzlich geurteilt, dass die Kommunen ein schlüssiges Konzept mit genau vorgegebenen Kriterien vorlegen müssen.

    Eines der Kriterien ist KEINE GETTHOBILDUNG.

    Der Grund dass sich die Argen nicht an die rechtsprechung halten.

    ES HAT KEINE KONSEQUENZEN.

    Und so qäulen sich die Betroffenen über 2 — 5 Jahre durch ein Verfahren am örtlichen Sozialgericht.

  10. Was soll das Gejammere? Bei mir kam gleich mit dem ersten ALG‐II Bescheid die Aufforderung mir binnen eines halben Jahres eine billigere Wohnung zu suchen, und das im »roten« NRW!
    Ich habe den Zwangsumzug in eine kleinere Wohnung, welche in einer »schlechteren« Wohngegend liegt, bis heute nicht überwunden.

    Da die Kommunen praktisch alle Pleite sind sehe ich vor meinem geistigen Auge wahre Horrorszenarien, wie wäre es zum Beispiel mit Wohnwagensiedlungen für »Hartzer«? Vielleicht in Ostdeutschland, damit die »Arbeitsplatzinhaber« das Elend nicht sehen müssen und weiter die Märchen von Merkel und Co. glauben können...

  11. hallo zusammen,
    der allgemeine mietspiegel, spiegelt auch den steuersatz wieder, den ein vermieter an das finanzamt abdrücken muß....
    somit kann der vermieter kaum anders handeln als die miete in der spanne anzusetzen...

    somit ist das bürokratismus in perfektion...die bürokraten sind die handlanger des systems und nähren sich aus diesem .

  12. Eine wichtige Beobachtung. Über den sanften Zwang gekoppelt mit einer niederen moralischen Keule werden Umsiedlungsprogramme vollzogen. Unter Disziplinarmächten hätte man sie mit der Pistole und Peitsche vertrieben. Heute konfiguriert man die Umwelt so, dass Druck zum umzug entsteht. Die Kritiker fehlen, weil sie alle in einer Disziplinaroptik denken. Der Hartzer hätte ja auch bleiben können, hätte er sich halt eine Arbeit suchen müssen, hätte er halt mit seinem Vermieter reden müssen, hätte er halt und hätte er halt. Der Zwang ist heute immer das schwarze Schaf inmitten einer Reihe von formellen Möglichkeiten. So scheint es keinen Zwang zu geben. Die vorgehaltene Pistole, die gerufene Ordnungskraft, die polizeiliche Delogierung, sie fehlen meistens. Die Umwelt wird so konfiguriert, dass die einzig realistische Möglichkeit zu gleich zur rational erscheinenden wird. Der Disziplinarkritiker weilt ruhig. Er sieht keinen Anlass, aktiv zu werden. Es werden dem Hartzer doch alle Möglichkeiten gelassen. Freilich, die hohe Mauer der Amtsregeln steht fest da. Daran ist nicht zu rütteln. Das Amt zahlt nur ein paar Quadratmeter.
    Vermutlich werden die dieserart erblindeten Kritiker und die Befürworter sowieso die neue Völkerwanderung im nachhinein mit dem Modell der rationalen Wahl erklären. Die Hartzer handelten rational. Kosten‐Nutzen‐Kalkulationen. Dies ist im Grunde die politische Strategie: erzeuge Situationen, in denen die Kosten‐Nutzen‐Rechnung der Betroffenen das von dir gewünschte Ergebnis erbringt. Diese politische Steuerungsform ist ubiquitär. Der Rechnungsalghorithmus ist ohnehin in die innersten neuralen Verbindungen fast aller eingelassen und wird permanent vollzogen, auch und vor allem freiwillig, in der Freizeit, auf dem Klo, in der Liebe. Anders Denken kann heute kaum mehr jemand. Geht es um das Amtsgeld, dann gewährt dieser inkorporierte Denkweise Planungssicherheit. Politischer Planungsstab hier, Kosten‐Nutzen‐Rechnungshirne da. Drängende Situationen sind die allgemeinen Ergebnisse der Politik. Alle Gewalt und deren Sichtbarkeit sind verschwunden. Alles ist gleich harmlos, in der Schlange beim Bäcker gibt es Regeln, nicht anders als beim Amtsgeld. Jeder hat formal immer die Wahl, auf Gedeih und Verderb, nein zu sagen oder es anders zu versuchen. Faktisch ist nur ein Weg möglich, aber das scheint alles andere als gewiss zu sein.

  13. »Wer glaubt, Zwangsumsiedelungen würden nur in totalitären oder diktatorischen Staaten veranlasst werden«

    zwangsarbeit, zwangsumzüge, zwangsaufenthalt usw

    wer glaubt, in einer demokratie zu leben, der sollte langsam aufwachen, wenn er in der brd wohnt.

  14. Keine Ghetto‐Bildung?
    Die Ghettos sind immer erst der Anfang, dessen man sich schon längst nicht mehr erwehrt!
    Tut euch mal den Link an
    http://mantovan9.wordpress.com/2012/01/21/hartz-iv-empfanger-zwangsumsiedeln/
    Die Nachricht erschien auch noch passenderweise zum 70-jährigen»Jubiläum« der Wansee‐Konferenz.
    Alle Hartzer in eine Trabantenstadt außerhalb der Stadt verbringen wollen, weil es sich rechnet.
    Aus den Augen aus dem Sinn...
    Abgerissene Elendsgestalten stören doch nur die friedvolle Konsumstimmung und wenn die nicht sehen, was sich anständige Menschen leisten können in der Oberstadt, kommt auch kein falscher Neid auf!
    Diese Gedankenspiele lassen sich ja noch weiterführen,- wenn DIE sich in Etagenbetten gegenseitig wärmen, lassen sich auch Heizkosten sparen!

  15. Meine Mutter ist am 10.02. unerwartet im Alter von 60 Jahren verstorben. Mein Vater, 63, Bezieher von ALG II bekommt am 23.02., einen Tag vor der Beerdigung, Post vom Jobcenter. Darin wird ihm mitgeteilt, daß seine 70qm‐Dreiraumwohnung einem Einpersonehaushalt nicht angemessen ist. Er wird aufgefordert bis zum 15.03. darzulegen, ob und wie er seine Unterkunftskosten zu senken gedenkt. Es fehlt auch nicht das passende mehrseitige Formular und die Belehrung über die Folgen mangelnder Bereitschaft zur Mitwirkung.

  16. Pingback: Zwangsumsiedelung in Deutschland | WIR Der ZeitBote Saarland – Das Sozial-Magazin

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