»Sozial ist, was rumhängt«...

Quelle: wikimedia

...sagte die Sozialministerin Ursula von der Leyen bei einer Rede des Arbeitslosenverbandes Deutschland e.V. Wer seit Jahren erwerbslos und geringqualifiziert sei, der solle sich besser nicht bemühen, einer sozialversicherungspflichtigen Lohnarbeit nachzugehen. »Mehr als Absagen würde er eh nicht erreichen«, so die Ministerin.

Wer jedoch ausgiebig RTL schaut, Chips und Cola zu sich nehme, sich nicht wäscht und rasiert und am liebsten in der Eckkkneipe abhänge, der unterstütze die Politik, den Staat und die Gesellschaft. Schließlich seien Sozialkürzungen und Jobcenter‐Sanktionen so leichter durchsetzbar, wenn die überflüssigen Erwerbslosen stets als sozialschmarotzende Parasiten in den Medien dargestellt werden.

Außerdem halte dieses Bild alle Lohnarbeiter bei Laune und schrecke diese vor betriebsinterner Kritik ab, denn wer wolle schon gerne »zu denen da unten« gehören, so die Politikerin. Denn wer es wagt, den Chef zu kritisieren oder seine Anweisungen zu hinterfragen, der kann sich schon mal mit Hartz 4 anfreunden. Vorauseilender Gehorsam ist also gefragt.

Von der Leyen rät somit allen Arbeitslosen dringend davon ab, ihre Zeit mit Sport, Büchern, Spaziergängen, ehrenamtlicher Arbeit, mit Freunden oder gar kreativen Beschäftigungen, wie zeichnen, Musik machen oder schreiben zu verplempern. Er tue weder sich, noch der Politik damit einen Gefallen. Man solle sich lieber in die soziale Hängematte legen und mit voller Inbrunst schmarotzen. Nur so lasse sich staatlich verordnete Massenarmut besser durchsetzen.

15 Gedanken zu “»Sozial ist, was rumhängt«...

  1. Ist das jetzt reine Satire oder was ist Ernst?

    Einer Frau, die Blinden das Geld zum Leben wegnimmt traue ich alles zu.

  2. @Hartmut:
    Schau mal, was unter dem Text als ›Tags‹ aufgeführt wird.

    Es bedarf aber gar kein breites Müßiggängertum unter den Hart‐IV‐Empfängern. Es reichen schon Vereinzelte, die man dann medienwirksam als Sozialschmarotzer ausschlachten kann.

    Alkoholische Getränke sind übrigens aus dem Sozialhilfesatz gestrichen worden. Ebenso wie Schnittblumen dienen diese ja nicht zur Erhaltung der puren Existenz und könnten im schlimmsten Falle ja sogar positiven Einfluß auf die Befindlichkeit haben... :PROF:

  3. @Duderich

    Danke für den Hinweis !

    Ist klar, der erste Satz ist ja schon eindeutig....Das kommt davon, wenn man einen Text »überfliegt« ;)

    Auch, wenn es Satire ist, es ist mir trotzdem unter die Haut gegangen.

  4. Genau das macht gute Satire aus — dass sie unter die Haut geht. Ich schließe mich übrigens Deinem Urteil an.

    Unter die Haut‹ — im negativen Sinne — geht die Menschenverachtung, die mit der Hartz‐IV‐Gesetzgebung einhergeht.

    Schuldig gemacht, werden die, die am meisten unter den bestehenden Verhältnissen leiden. Denen gönnt man nicht mal ein Bierchen am Abend sondern bewirft sie stattdessen mit Dreck.

    Was ich hierzulande aber über Maßen vermisse, ist Solidarität, wie sie beispielsweise in Spanien bei Zwangs‐Wohnungsräumungen zu beobachten ist. Der Geist des Neoliberalismus hat nicht nur unsere äußeren Lebensumstände verändert, sondern auch unser Innerstes. Wir haben uns manipulieren lassen, der stetige Tropfen hat den Stein ausgehöhlt. Solidarität, nur dann, wenn sie einem selbst nützt. Und schon gar nicht mit nicht wertbaren ›Sozialschmarotzern‹ die auf unsere Kosten leben — so die Parole, die so bereitwillig allerorten nachgegrölt wird.
    Ja, DAS, geht auch unter die Haut — und deshalb auch diese Satire.

  5. @Der Duderich

    »[...]Was ich hierzulande aber über Maßen vermisse, ist Solidarität, wie sie beispielsweise in Spanien bei Zwangs‐Wohnungsräumungen zu beobachten ist. Der Geist des Neoliberalismus hat nicht nur unsere äußeren Lebensumstände verändert, sondern auch unser Innerstes. Wir haben uns manipulieren lassen, der stetige Tropfen hat den Stein ausgehöhlt. Solidarität, nur dann, wenn sie einem selbst nützt. Und schon gar nicht mit nicht wertbaren ›Sozialschmarotzern‹ die auf unsere Kosten leben — so die Parole, die so bereitwillig allerorten nachgegrölt wird.
    Ja, DAS, geht auch unter die Haut — und deshalb auch diese Satire[...]«

    Stimme ich zu, aber dazu kommt noch, dass die »Sozialreformen« der Agenda 2010 in einem Land umgesetzt wurde, dessen Mehrheits‐Polit‐Bevölkerung schon immer kein Problem damit hatte unmenschlich zu sein.

    Ich will ja jetzt nicht auf dem Dritten Reich rumreiten, aber als ich — als »Wessi« — zum ersten Mal Raul Hilbergs Klassiker »Die Vernichtung der Europäischen Juden« las, dass nicht erst — wie Pseudo‐Historiker vom Schlage eines Guido Knopp oder Götz Aly — mit der technischen Menschenvernichtung des Holocaust anfängt, sondern die komplette, teilweise jahrhundertealte, Vorurteils‐Vorgeschichte zum Holocaust schildert wundere ich mich gar nicht mehr, dass die angeblich rein neoliberale Hetze gegen Arbeitslose in Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden fiel.

    Ich glaubte früher nicht daran, da ich immer noch in das Gute in meinen Mitmenschen hoffte, aber mittlerweile bin ich geneigt Raul Hilbergs These von einer besonderen »dt. Mentalität der Unmenschlichkeit« zu glauben.

    Wo sonst auf der Welt wäre es möglich, dass ein politisch gewolltes Ersatzheer von Arbeitslosen als Druckinstrument gegen Arbeitslose gehalten wird, und ein verbrecherisches Gesetz, dass von einem Kriminellen namens Dr. Hartz (offiziell vorbestraft), und der ebenso kriminellen Bertelsmann‐Stiftung, ersonnen wurde, und gnadenlos, wie eben damals die Gesetze gegen jüdische Mitbürger umgesetzt wird?

    Übrigens, es gibt einen Spielfilm‐Klassiker, der heute 1:1 auf die Situation vieler Erwerbsloser übertragbar ist, »Der Hauptmann von Köpenick« — mit Heinz Rühmann.

    Die Uniformen haben vom preußischen Militarismus zur zur neoliberalen BWLer‐Religion gewechselt (=Schlips und Armani‐Anzug), aber ansonsten ist alles beim alten geblieben — die Autoritätshörigkeit, der Untertanengeist, dass »Nach‐Oben‐Katzbuckeln‐Und‐Nach‐Unten‐Treten«, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis einmal ein BWler auftaucht — in Köpenick oder andernorts — der gar keiner ist......ein »Manager von Köpenick« eben.....

    Ich würde mich nicht wundern, wenn die heutigen Mitbürger in Deutschland dem genauso willfährig folgen würden, wie einst dem echten Wilhelm Voigt (=Hauptmann von Köpenick) in Zeiten des Militarismus, Imperialsmus und dt. Größenwahns.....

    Noch was, ich hab mich immer gefragt woher der zynische Spruch stammt »Wer arbeit sucht, der findet auch welche!«

    Wißt ihr’s?

    Kleiner Tipp:

    »Hauptmann von Köpenick«, mit Rühmann in der Hauptrolle, ansehen......

    Gruß
    Bernie

  6. auch hier wieder die alte leier:

    INFOKRIEG

    in der öffentlichen wahrnehmung wird in lager eingteilt; hier das fußvolk mit den lächerlichen roten trillerpfeifen und in müllsäcken (warum machen die gewerkschaften das??) auf der anderen seite die HART ARBEITENDEN LEISTUNGSTRÄGER MITTELSTÄNDISCHER UNTERNEHMEN DES STANDORTES DEUTSCHLAND AG

    und wenn ihr nicht »links« wäret, wem würdet ihr dann recht geben?
    und wem würdet ihr recht geben, wenn dann der »linke« teil noch um asis erweitert und der rechte teil um väterliche vorzeigeunternehmer in talkshows repräsentiert würde (wird!)??

    und DARUM und genau darum wird es niemals heißen »die sozialschmarotzer sind die erben und die raubritternachfahren und die berufssöhne und -töchter« sondern asi = arbeitslos, prekär beschäftigt und alle chefs leisten was... wobei dann alle reichen ja irgendwie »unternehmer« sind...
    von den ARMEN ARMEN unternehmen zu schweigen die in den talkshows versichern, dass diese untergehen, wenn man erbschaftssteuer zahlen müsste.

    aber dann frage ich mal ganz dumm, warum nimmt man es nicht VON DEN GANZ REICHEN die gar nicht wissen wohin mit der kohle außer hedge fond oder so einen quark?

    nee, solche fragen wird man in der öffentlichkeit niemals stellen, weil...

    INFOKRIEG.

  7. da man zum nutzen von umwelt und gesellschaft umgehend gut die hälfte aller jobs abschaffen könnte, wäre es nur allzu richtig, wenn sich ein grossteil der bevölkerung an der dame in der hängematte ein beispiel nehmen würde.
    das allerdings ist ein schreckgespenst in den den augen der wahren asozialen (der abzocker im elitenstatus) und leider gottes auch der arbeitenden massen (zu einem grossteil). wie dann der einzelne seine neu gewonnene freizeit oder -heit verbringen will, dazu würde ich weder vorschriften noch vorschläge machen, da ja ansonsten die freiheit schon wieder eingeschränkt würde.

  8. @Landbewohner

    Stimme überein — Übrigens, mich wundert schon seit Jahren, dass unsere selbsternannten »Eliten« eine Art »Fünfte Kolonne« auch aus der Mittel‐, und manchmal sogar der Unterschicht haben.

    Darüber sollte man auch mal schreiben, und nachdenken — Es gibt Menschen, die den Kakao sogar noch trinken, durch den die »Eliten« diese ziehen.

    Gruß
    Bernie

  9. @Bernie
    Es gibt Menschen, die den Kakao sogar noch trinken, durch den die »Eliten« diese ziehen.
    Fürwahr, fürwahr. Da kann man jede Motivation drüber verlieren, sich selber dafür zum Hampelmann zu machen.

  10. Grotesk und absurd wird die Menschenverachtung von Erwerbslosen, angesichts der Tatsache, dass immer mehr Maschinen die Arbeiten verrichten und es für immer mehr Arbeiten gar keine Menschen mehr benötigt, weil die technische Innovation die Produktivität enorm steigern lässt. Werkzeugmacher z.B. werden heute einfach nicht mehr gebraucht. Das machen Maschinen.

    Wir werden es wohl niemals erleben, dass die Massenarbeitslosigkeit abgeschafft wird. Nicht weil es so schwer wäre, Arbeitszeitverkürzung wäre ein probates Mittel um sofort Millionen Menschen in Lohnarbeit zu bringen. Nein, Massenerwerbslosigkeit ist systemrelevant! Sie wird gebraucht als Ersatzheeer, als Druckmittel für alle Lohnabhängigen und als Verfügungsmasse der Erwerbslosenindustrie (Weiterbildungsträger, Arbeitsämter, Bewerbungsratgeber usw.).

  11. @epikur

    Zustimmung. — Ich frag mich nur, wann bekommen wir eine Überlebensstrategie in unser immanent, inhumanes Herrschafts‐ und Gesellschafssystem, das den Mensch als Menschen endlich anerkennt ?

    Daß die gegenwärtigen Systeme zusammenbrechen steht ausser Frage.

    Doch welche geistige Führung mag das Weltgeschehen dahin lenken, daß ein Überleben der Menschen möglich ist. — Mein Wunsch ist, daß es durch die Kraft des Internet zur Wirklichkeit wird. Daran wirke ich mit.

  12. @R@iner

    Danke für den Hinweis ;)

    Die Version mit Rudolf Platte kenne ich (noch) nicht, aber was nicht ist kann man ja nachholen ;)

    Mir ging es nur darum, darauf hinzuweisen, dass einem an der heutigen Lage von Erwerbslosen doch einiges, wenn auch nicht 1:1, wieder an den »Hauptmann von Köpenick« erinnert, bzw. woher Sprüche von neoliberalen Haßpredigern stammen dürften, die sich oft gegen Arbeitslose richten.....

    ...allein deswegen finde ich den Film, der auf einem Buch von Carl Zuckmayer beruht, für überaus sehenswert....

    Grüßle
    Bernie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.