accessio lysis

In der Pränatalmedizin ist ein spektakulärer Durchbruch gelungen. Forscher aus den USA und Deutschland haben eine Wachstumspille, die sog.»accessio lysis«, für Kinder entwickelt. Die Schwangere muss die hochdosierte Tablette täglich einnehmen, damit die Gene des Ungeborenen stimuliert werden. Der Effekt: nach der Geburt dauert es nicht länger als knapp fünf Jahre bis das Kind zu einem vollwertigen Erwachsenen herangewachsen ist. Und zwar in physischer, kognitiver und emotionaler Hinsicht. Damit wird die Kindheit auf fünf Jahre begrenzt und der neue Mensch so frühzeitig zu einem produktiven Teil der Gesellschaft gemacht werden. Politik und Wirtschaft zeigten sich begeistert.

Die »accessio lysis« soll im nächsten Monat in jeder Apotheke Deutschlands zu einem unverbindlichen Preis von sechs Euro erhältlich sein. Der Pharmariese Bayer hat die Entwicklung, die Vermarktung und den Vertrieb des neuen Produktes übernommen. Nach ausgehender Prüfung hat Bayer keine Nebenwirkungen feststellen können. Ganz im Gegenteil: die Schwangere sollte das Medikament, ab dem 5. Monat bis zur Geburt des Kindes, zweimal täglich einnehmen, damit die Wirkung sich voll entfalten kann.

Die Wachstumsrate des Kindes wird stark beschleunigt, die ersten fünf Lebensjahre entsprechen den üblichen 16 Kinderjahren. Wenn das Kind sechs Jahre alt wird, ist es von seiner körperlichen, emotionalen, rationalen und seelischen Reife mit einem üblichen 17. Jährigen vergleichbar. Mit sechs kann es dann sofort eine Ausbildung machen oder studieren. Eltern müssen sich so nur fünf Jahre mit Kindergeschrei, Kinderbespaßung und Kindererziehung herum schlagen.

Öffentliche Euphorie

Bundeskanzlerin Angela Merkel berufte sofort eine Pressekonferenz ein und war völlig entzückt:

»Unsere marktkonforme Demokratie wird mit dieser Innovation eine neue Stufe der weltweiten Wettbewerbsfähigkeit erreichen«

Anschließend, erklärte die Bundeskanzlerin, werde man, mit Einführung des innovativen Produktes, einige wirtschaftliche Anpassungen vornehmen müssen. Eltern sollen fortan, bei der Erziehung ihrer Kinder, verbindlich entlastet werden. Das Kind sei, ab dem ersten Monat bis zum fünften Lebensjahr, kindergartenpflichtig. Man wolle die Kinder bestmöglich auf das spätere Berufsleben vorbereiten und diesbezüglich auch einige Kita‐Reformen durchführen. Sie war sichtlich erfreut, große Einsparungen vornehmen zu können, um die Haushaltskonsolidierung weiter voran zu treiben. Von den deutschlandweit knapp 700.000 teil‐ und vollzeitbeschäftigten Lehrern könne man fast 500.000 freisetzen, da es für Grund‐ und Oberschulen keinen Bedarf mehr gäbe. Lediglich einige hundert Gymnasien sollen erhalten bleiben, so Merkel.

Der Ökonomie‐Professor Hans‐Werner Sinn hielt bei einer Wirtschaftskonferenz in München, anlässlich der »accessio lysis«, eine Rede und betonte:

»Die deutsche Wirtschaft ist wieder in Partylaune!«

Er bekräftigte, dass der Fachkräftemangel auf absehbare Zeit damit der Vergangenheit angehören werde. In Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Kita‐Reformen würde man den »neuen Kindern« Inhalte vermitteln, die für Unternehmen relevant seien. Auch dass man nicht mehr über fünfzehn Jahre warten müsse, bevor man die Jugendlichen endlich ausbildungsfähig schulen könne, freut den Ökonom. Die Phase der ausgiebigen Kindheit sei eh überholt, »kein Säugetier schone seinen Nachwuchs solange wie der Mensch«, so der Wirtschaftsforscher.

Auch Nachbarschaftsvereine und Seniorenverbände begrüßten die medizinische Entdeckung. In der Vergangenheit hätten Kinder keine Rücksicht auf das Ruherecht der Älteren genommen und rücksichtslos laut getobt, gespielt und geschrien. »Selbst in der Wohnung würden die Gören ständig nur laut sein«, so eine Rentnerin, die anonym bleiben möchte. Sie habe ja nichts gegen Kinder, »aber gut erzogen sollten sie schon sein«, meinte die Sprecherin des Nachbarschaftsvereins in Kleinbüttel. Beide seien sichtlich froh, dass mithilfe der »accessio lysis« diese Belastung nach fünf Jahren endlich vorbei sein werde.

5 Gedanken zu “accessio lysis

  1. Sehr nice!

    Aber ein kleiner Teufel in mir sagt: In den letzten 18 Jahren hättest du bei deinen 4 Kindern auch gerne mal so eine Pille gehabt.

    :MRGREEN:

    Gruß Stefanie

  2. Die Frage wird nicht sein, ob wir eines Tages an solch einem »segensreichen Fortschritt« teilhaben dürfen, sondern wann.
    Das ist das Traurige, dass nichts mehr unvorstellbar ist.

  3. Das Traurige ist, dass Kinder weitestgehend eben nur als Belastung gesehen werden. Wieviel Glück, Liebe und Sinnerfüllung Kinder bedeuten, wird viel zu oft vergessen.

  4. Ja, das ist mehr als traurig. Ich kann mich noch erinnern, als ich kurz nach der Wende (Ich lebe in Thüringen) zum ersten mal in einer Zeitung von einer Familie die Aussage gelesen habe, sie hätten gerne noch ein zweites Kind gehabt, könnten es sich aber nicht »leisten«.
    Und das ist nur ein kinderfeindlicher Aspekt in unserer ach so tollen Gesellschaft. Die einen müssen ohne Ende arbeiten und/oder Karriere machen und haben keine Zeit, den anderen fehlt das Geld und wieder anderen sind Kinder einfach nur zu laut und anstrengend.
    Da fällt mir Aichingers »Ein ruhiges Haus« ein.
    Heute war ich auf einer Bildungsmesse. Unglaublich, aber wahr, dass Eltern für ihre Kinder deren Karriere bereits um Jahre vorausplanen.
    Armes Deutschland!

  5. »Das Traurige ist, dass Kinder weitestgehend eben nur als Belastung gesehen werden.«

    Entweder das, oder man versucht, die zweckrationale Sicht auf den Nachwuchs hinter pathetischen Slogans versteckt zu propagieren: »Kinder sind unsere Zukunft.« Der Spruch verrät m.E. ein weiteres Phänomen im Generationenverhältnis, nämlich dass Kinder einerseits vorzüglich einer zukunftsbezogenen Betrachtung unterliegen, und andererseits gern in Verbindung mit auf die Erwachsenengesellschaft zielenden, besitzanzeigenden Wörtern genannt werden.
    Es wäre fatal, Menschen einseitig zeitbezogen zu betrachten. Der Rentner wird auf seine Vergangenheit reduziert, das Kind auf seine Zukunft, der Erwachsene auf die Zeit, in der er noch seine Arbeit verkaufen kann. Aber in der Gegenwart findet der konkrete Lebensvollzug statt, und darauf haben auch Kinder ein Recht.
    Und Kinder unterliegen genauso der »existenziellen Singularität« (Zitat: Futurama), sie sind vollständige, abgeschlossene Wesen, die in erster Linie für sich selbst existieren und deren Existenzrecht aus ihnen selbst heraus resultiert, und nicht für andere oder aus anderen.

    »Kinder sind ihre eigene Gegenwart!«, unter der Losung kann der Blick auch mal darauf gelenkt werden, was die Lebensrealität von Kindern in diesem Moment für sie selbst bedeutet.

    Grüße.

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