Kinder in Deutschland; Teil 18: Leistungsdenken

Je mehr Kinder chinesisch lernen, desto besser.

- Bundespräsident Christian Wulff, Interview in Cicero vom 1. Oktober 2007

Hallo. Ich bin Leon und ich bin 5 Jahre alt. In der Kita bin ich jetzt schon in der Vorschulgruppe. Der Claas geht auch in meine Kita und ist mein bester Freund. Ich bin meistens sehr lange in der Kita. Mama und Papa arbeiten immer ganz viel. Sie müssen Geld verdienen, sagen sie.

Montags holt mich oft die Lara, Mamas Freundin, von der Kita ab und bringt mich dann zum Kinder‐Fussball. Das macht mir immer sehr viel Spass.

Dienstags geh ich dann zum Klavier‐Unterricht mit meiner Oma. Das finde ich doof. Die Klavier‐Lehrerin mag ich auch nicht. Die guckt mich immer so böse an, wenn ich was nicht kann. Aber Mama sagt, dass andere Kinder das auch machen und deshalb muss ich Klavier spielen lernen.

Am Mittwoch bringt mich Mama nach der Kita zum Englisch‐Unterricht. Da soll ich eine neue Sprache lernen. Dort ist auch die Maria, die mich immer ärgert, weil ich das noch nicht so gut sprechen kann wie sie. Da muss ich immer lange still sitzen bleiben. Aber ich will lieber mit Claas spielen oder auf den Spielplatz gehen.

Und am Donnerstag holt mich die Tina, die Babysitterin von der Kita ab. Die liest immer ganz viel und ich spiele dann alleine in meinem Zimmer. Und wenn ich dann schlafen gehe, kommt Mama von der Arbeit und gibt mir meistens noch einen Gute‐Nacht‐Kuss.

Papa sehe ich meistens nur, wenn ich kitafrei habe. Wir toben zwar manchmal, aber oft ist er sehr müde und schläft dann ganz viel. Ich finde es ganz toll, dass wir dann alle zusammen essen. Manchmal gehen wir dann zusammen in den Garten und ich darf Laub fegen. »So lerne ich Verantwortung übernehmen«, sagt Papa.

»Das Kind ist also nicht ein Gefäß, das Eltern und Erzieher mit beliebigem Inhalt bzw. irgendwelchen Erfahrungen auffüllen können. Das Kind sucht sich vielmehr aktiv diejenigen Erfahrungen, die es braucht, um sich zu entwickeln«

- Remo H. Largo, »Kinderjahre«, Piper Verlag, München 1999, Seite 79

Eine Zusammenfassung der ersten zehn Teile der Kinderserie ist auf www.zeitgeistlos.de zu finden. Alle bisherigen Folgen können im ZG‐Blog in der Rubrik Kindheit gefunden werden.

Vielen Dank an meine Freundin Anja G. für die Idee, aus der Perspektive eines Kindes zu schreiben!

5 Gedanken zu “Kinder in Deutschland; Teil 18: Leistungsdenken

  1. bald hamwas erreicht und wir sind eine gesellschaft aus versauerten »losern« gefrusteten »leistungsträgern« mit stock im arß und rosstäuscherberufsbezeichnung (blabla‐mänätschah) und den malochern, die dann auch noch stütze bekommen (die sie aber »nicht« verdient haben) müssen! und wenn ich sage bald dann meine ich ... jetzt! HIC ET NVNC

    manchmal bekommt ich da diese fatale sehnsucht nach einem »tabula rasa« und wenn ich mir diese rambopolitik anschaue, hocken wir vllt — muss das sein? — in wenigen generationen wieder vereint unterm sternenzelt und blicken mit unseren 3 augen in die wärmende glut des lagerfeuers nach einem harten steinzeitalltag.
    ob man da dann chinesisch braucht kann ich leider nicht sagen.

  2. Man sollte den Kindern vielmehr anvertrauen.
    Mein Vater sollte Bauer werden.
    Er hat sich aus dem Nichts, aus eigener Motivation, hochgelernt und steht jetzt da, wo er ist: Erfolgreicher Ingenieur, Haus, Familie, obwohl ich das nicht als Ideal ansehe, aber einfach nur zeigen will, dass Menschen das von allein tun, was sie für richtig halten, und ihre eigenen Lebenserfahrungen machen müssen. Bloß, weil ich dieses kleinbürgerliche Spießerleben nicht als richtig ansehe, heißt das ja nicht, dass es falsch ist.

  3. Der BP Wulff meint, dass Kinder »chinesisch lernen sollen«?

    Irgendwie bekommt der Satz für mich — nachdem Deutschland auch via BP immer mehr zur korrupten Bananenrepublik verkommt — einen leicht zwielichtigen Beigeschmack?

    Sagt man nicht, wenn man etwas nicht versteht:

    »Das ist alles chinesisch für mich«?

    War der Satz von BP Wulff gar so gemeint, und wir alle haben den allerdings — zum Glück für uns alle — anders verstanden?

    Übrigens, BP Wulff ist auch Christ, und der Satz von Jesus »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder....« ist auch zynisch gemeint:

    Soll nämlich heißen:

    Man soll alles blind glauben
    was, meist angeblich »erwachsene Autoritäten« einem predigen, und gar nichts hinterfragen.....

    Von so etwas träumen auch nur Christen, wie der BP Wulff ;)

    Gruß
    Bernie

  4. Leistungsdruck von klein auf, Freizeit ist negativ ... fordern, fördern und noch mehr fordern. Da werden zukünftige Leistungsträger gezüchtet... alle passen in eine Schablone und sind beliebig austauschbar.

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