Der Gott-Markt-Leviathan, Teil 2

Das Überwesen agiert wie ein mächtiger Tyrann. Ausgehend von Unternehmen, Konzernen und Banken hat er nach und nach alle anderen Götter vertrieben sowie sämtliche Lebenswelten erobert. Ob Wissenschaft, Schule, Fernsehen, Freizeit, Internet, öffentliche Infrastrukturen, Rente oder die Wertvorstellungen vieler Menschen – die Supermacht Markt hat sich, in Form von Konsum und Materialismus, alles einverleibt. Seine Herrschaftsmethoden sind offener Selbstzwang, Spaltung der Massen und das Versprechen auf ein glückliches Leben. Dafür fordert er Anpassung, Unterwerfung und vorauseilenden Gehorsam. Es gibt keine Alternative.

Im Zuge der Bankenkrise, die gern als Euro‑, Wirtschafts- oder Schuldenkrise getarnt wird, zeigt der Gott-Leviathan, dass er vor allem für seine Tempel, den Banken da ist. Milliarden werden europaweit in die Banken gepumpt, während die Bevölkerung diese dann durch drastische Kürzungen in den kommenden Jahrzehnten abbüßen darf. Das Grundgesetz wurde dahingehend inoffiziell schon lange angepasst:

Artikel 1 [Würde des Profites, des Kapitals und der Kapitalseigner]

(1) Die Würde des Eigentums, der Banken und Spekulanten ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Kapitalrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft.

Der Markt bestimmt das Verhalten, das Denken und den Charakter eines jeden Menschen. In großen Unternehmen und Konzernen gibt es Verhaltensregeln, das sog. corporate behaviour. Diese schreiben exakt vor, wie sich das Individuum im Unternehmen zu verhalten hat. Mitarbeiter sollen sich mit dem Unternehmen identifizieren, Kleidung mit Firmenlogos tragen und eine bestimmte Sprache an den Tag legen. Auch bestimmte Verhaltensrituale auf Tagungen, Geschäftsreisen, Sitzungen, Weihnachtsfeiern usw. sowie der Umgang mit Mitarbeitern wird vom Unternehmen festgelegt. Individuell ist, wer sich am besten unterordnen kann. Zudem legt die Gottmacht fest, dass jeder, der nicht über ein Vermögen verfügt, gezwungen ist, seine Arbeitskraft, also sich selbst zu verkaufen.

Als clever, vorausschauend und besonders aufgeklärt gilt, wer marktintelligent und nutzklug ist. Nur berufliches Wissen und welches, womit man Geld verdienen kann, ist wichtig und erstrebenswert. Persönliche Horizonterweiterung, Philosophie, Kultur, Kunst und Sport ‑jenseits einer ökonomischen Verwertung- gelten als leicht verzichtbares oder gar überflüssiges Hobbywissen. Ganz im Gegenteil, die Werbe- und Marketingbranche wird als Kunstform gewertet (die sog. »Kreativ-Wirtschaft«). Sport gilt als vorzeigbare Freizeitbeschäftigung, um die eigene Ware »Körper« ökonomisch stets attraktiv zu halten und für den Persönlichkeitsmarkt zu optimieren. Und die Unterhaltungsindustrie verwandelt Kultur in ein Konsumprodukt.

Wer besonders anpassungsfähig ist, wer sich durch einen vorauseilenden Gehorsam, eine gute Kopfschere und einen ausgeprägten skrupellosen Eigennutz auszeichnet, wer Unternehmen nicht offen kritisiert, wer Lohnarbeit, Geld und Konsum als die wichtigsten Dinge im Leben ansieht — der wird vielleicht vom Gott-Leviathan gesegnet werden. Sein Segen verspricht Wohlstand, Glück und Zufriedenheit.

Lobet und Preiset den heiligen Markt

Ihr Gerechten jubelt vor dem Markt, für die Frommen ziemt es sich, den Markt zu loben. Denn das Wort des Marktes ist wahrhaftig, all sein Tun ist verlässlich. Er liebt Gerechtigkeit und Recht, die Erde ist erfüllt von der Huld des Marktes. Denn der Markt sprach, und sogleich geschah es. Er gebot, und alles war da. Unsere Seele hofft auf den Markt, er ist für uns Schild und Hilfe. Der Ratschluss des Marktes bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens überdauern die Zeiten.

- Die Bibel, Auszug aus dem Psalm: »Ein Loblied auf den mächtigen und gütigen Gott«, die Begriffe »Herr« und »Gott« wurden durch »Markt« ersetzt

Wer Teil eins verpasst hat, kann ihn hier aufrufen.

6 Gedanken zu “Der Gott-Markt-Leviathan, Teil 2

  1. Hoffen wir, dass du recht behälst, aber — wie alle nicht-weltlichen Religionen zeigen — sind die zählebig — Man denke nur einmal an die gute römisch-katholische Religion, um nur eine sehr zählebige zu nennen, die sich aber immer mehr outet, weil die gerade zentralen Lehren des Christentums widerspricht — der Gott Markt hat nämlich auch schon bei Papst Benedikt XVI, und seinen nicht-konfessionellen Kollegen, Einzug gehalten.

    So wird doch gerade bei Kirchen alles auf neoliberal getrimmt, dank McKinsey-Beratern & Co.

    Übrigens, dass Religionen — auch zählebige — irgendwann nur noch als Märchen & Sagen belächelt werden, oder in Filmen über antike Kultur vorkommen dafür ist in Europa ja gerade die alte griechisch-römische Hochreligion ein sehr vortrefflicher Beweis, und ich hoffe, dass der »Gott Markt« eben auch diesen Weg geht — als Märchen & Sagen längst vergessener Kulturen belächelt zu werden.

    Übrigens, »der Gott Markt« & seine Anbeter erinnern mich immer wieder an »StarWars« — den ersten Film.

    Gab es da nicht auch schon pothäßliche neoliberale Außerirdische, die — im Film — alles für Geld gemacht haben, auch für die »Dunkle Seite der Macht«?

    Ich mein da mal was gesehen zu haben, aber ist schon über 20 Jahre her...

    Gruß
    Bernie

  2. Mir fallen bei derartigen Berichten, in denen behauptet wird, die »Märkte« müssten beruhigt werden, immer die Erzählungen aus meiner Kindheit ein:
    Da wurde das Land von einem bösen bösen vielköpfigen Drachen bedroht, der nur beruhigt werden konnte, wenn ihm von Zeit zu Zeit frisches, lebendiges Blut dargebracht wurde.
    Wo leben wir eigentlich???
    Ist das alles noch real oder was?
    Merkt hier noch irgendwer auch nur irgendwas?
    Tut mir leid, aber ich fass diesen ganzen Wahnsinn einfach nicht mehr!
    Hallojulia

  3. @hallojulia

    Das mit dem Drachen war mir neu, aber bei den alten Natives in Mittel- und Südamerika gab es ja auch — keineswegs Märchen — den Brauch Menschen zu opfern, um ein gutes Jahr bzw. eine »gute Ernte« zu haben, oder auch nur genügend Regen.

    Irgendwie sind wir Menschen noch immer weit davon entfernt rational zu denken, denn anstatt Menschen für »Götter« zu opfern werden diese alltäglich dem »Gott Markt« geopfert, und zwar global.....und nicht nur fiktiv......wie Landgrabbing, Hartz IV & Co. beweisen.....

    Trauriger Gruß
    Bernie

  4. @ Bernie

    Die katholische Kirche konnte ihre Uralt-Strukturen eigentlich nur deswegen erhalten , weil sie — zumindest bei uns — nichts mehr zu melden hat , nicht in den entscheidenden politischen Fragen.
    Letztlich sollten gerade die Katholiken der Säkularisierung dankbar sein...

    Der Markt hat heute die überwiegende Macht über die Politik und wird sich in dieser Form nur noch sehr kurze Zeit halten können , eben wegen seiner Macht , die wird schlicht und einfach ünerträglich.

    Du hast Recht , er wird belächelt werden , später wird sich wohl so mancher wundern über die bizarr einfachen Thesen , die da so herausposaunt wurden , in dieser seltsamen Zeit, und nicht zletzt auch über diese ganzen Untoten , die sie vertreten haben , wie Sarrazin , Poschhardt , Sloterdijk, Broder usw. usw.

    Allerdings ist es die Frage , wie hart die Kämpfe bis dahin werden und ob die Überwindung des Marktradikalismus von Kräften getragen sein wird , die wünschenswert oder wenigstens hinnehmbar sind.

    Landgrabbing ist ein guter Punkt , bestens geeignet , den längst laufenden Widerstand so richtig schön zu befeuern...

  5. Interessante Verschiebung! Die Strahlkraft von Superobjekten scheint seit dem Aufkommen des Monotheismus auf eine tief internalisierte Disposition zu fallen. Die Versinnlichung um Superobjekte herum ist wohl die mentale Paradewirklichkeitskonstruktion seit einer langen Zeit. Nunmehr ist es der Markt, manchmal gemischt mit Polytheismus, die Märkte. Wenn man bedenkt, dass sie Fiktion sind, ist dies alles äußerst grotesk. Ein imaginiertes Superobjekt, das als Lebensregulator fungiert. Der Markt, der Gott, der Mann, der Penis, wo soll der Unterschied liegen? Es ist wohl nur ein äußerer.
    Nichtsdestotrotz besetzt diese Versinnlichung weite Teile der Koexistenz, sodass es kaum jemand gelingt, koexistentiell ohne ›göttliche‹ Logik der Nutzklugheit zu leben. Unser Gott ist wahrlich groß: er erlaubt uns seine Kritik. Wir können ihn verfluchen und verspotten, doch er hat dies so angelegt und lebt darin. Das ist sein Reich. Alle sind unter seiner Obhut. Aber unser Gott erlaubt es nicht, ihn konkret aus den Lebensvollzügen zu tilgen. Und wir kommen nicht an gegen ihn. Der Höchste der Spötter und der Ketzer, auch er bewegt sich schon im Erscheinungsraum der Nutzklugheit. Er konkurriert, er siegt, er verliert, er sucht sich die Besten aus unter seinen Gleichgesinnten. Der Ketzer muss hier noch härter sein als der Apologet, er muss die Quadratur des Apologeten sein. Aber das Phänomen des Besten gibt es hier wie dort, bei den Gläubigen wie bei den Ketzern. Dies ist die Sinnstrebung. Dies ist die List unseres Gottes. Er ist eine Hydra.
    So muß man sich dem Teufel zuwenden: er ist der Retter. Er ist Milde, Liebe, Hilfe, Selbstlosigkeit, Kooperation, befreiende Kommunikation, Eigenlässigkeit, sozialintegrative Handelungsfreiheit, Friede.

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