(Anti-)Diskurs-Strategien

In einem zwischenmenschlichen Gespräch, in einer Diskussion oder in einem Meinungsstreit gibt es wiederkehrende Argumentationsmuster. In den folgenden Kommunikationsstrategien geht es selten um einen ernsthaften Austausch von Inhalten oder Argumenten, sondern vielmehr darum, Recht zu haben, sein Gesicht zu wahren und kompetent zu wirken. Folgende Diskurs-Strategien lassen sich in einem typischen Streitgespräch erkennen:

1.) Emotionalisierung. In fast jedem Gespräch wird irgendwann die Sachebene verlassen und mit dem Emotionsohr agiert und reagiert. Es werden Inhalte persönlich genommen und auf sich und das eigene Leben bezogen. Manche Menschen sind so Ich-fixiert, verbohrt und/oder emotional, dass eine sachliche Diskussion so gut wie unmöglich scheint. Besonders Menschen, die selbst vorzugsweise im Subtext sprechen, sehen in fast jeder sachlichen Debatte nur eine Tarnung, um indirekte Vorwürfe zu transportieren.

2.) Vorwurf. Schuldzuweisungen werden in der Regel nicht zugegeben, sind aber ein häufiges Kommunikationsmittel. Sätze wie »Du hörst mir nie zu«, »Du nimmst mich gar nicht ernst« oder »Immer sagst Du was dagegen« sind typische Vorwürfe, die dann als »Meinung« getarnt werden. Häufig tauchen dann auch Extreme wie »nie« und »immer« auf. Relationen wie »manchmal« oder »häufig« finden sich bei dieser Kommunikationsmethode selten. Auch hier wird die Sachebene verlassen und der Argumentierende in eine defensive Rechtfertigungsposition gebracht (man muss sich z.B. nun erklären, warum man denn »nie zuhören« würde).

3.) Unzulässigkeit. Ein gern verwendetes Mittel, um Argumente entkräften zu wollen, ist den Inhalt für unzulässig zu erklären. Drei typische Methoden sind hierbei die Verallgemeinerung, die Übertreibung und die Oberflächlichkeit. Eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet auch hier kaum statt, denn es wird als unzulässig und falsch deklariert. Besonders der Vorwurf der Verallgemeinerung wird oft verwendet, da, vor allem bei kritischen Behauptungen, Menschen sich persönlich angegriffen fühlen. Sie sehen in der Methode der Verallgemeinerung einen versteckten ich-bezogenen Subtext, der womöglich gar nicht vorhanden ist: »Ja, es stimmt, viele Frauen sind so wie Du sagst, aber ich bin nicht so!«.

4.) Herabsetzung. Auch hier wird die Sachebene verlassen und es findet tatsächlich ein persönlicher Angriff statt, um sich nicht mit dem Inhalt auseinandersetzen bzw. um nicht zugeben zu müssen evtl. Unrecht gehabt zu haben. Eine typische Herabsetzungsmethode ist der Vorwurf der mangelnden Fachkompetenz zu einem Thema, man sei doch kein »Experte«, habe es nicht studiert usw. Beliebt ist auch die Diffamierung als Besserwisser, Klugscheißer oder Schlauberger, um mit einem persönlichen Angriff die Sachebene zu verlassen und den Gesprächspartner wiederum in eine defensive Position zu bringen. Bei Kritik schwingt häufig der Vorwurf mit, man sei ein Pessimist, der »immer« nur das Schlechte und Negative in »allem« sehen würde.

5.) Themawechsel. Falls man sich in einer argumentativen Sackgasse befindet, keine Argumente mehr hat oder nicht zugeben will, dass der Andere womöglich richtig liegt, versucht man häufig das Thema zu wechseln. Diese Form der Ablenkungsstrategie ist weit verbreitet, ob in Talkshows, Interviews oder in Stammtisch-Gesprächen: viele Menschen sind in der Regel zu stolz und sehen es als eine persönliche Schwäche an, wenn sie zugeben würden, dass sie falsch lagen oder überzeugt worden sind.

In der Regel sind sich viele Menschen ihrer Kommunikation wenig bis gar nicht bewusst, da sie nicht willens oder in der Lage sind, die Ich-Ebene zu verlassen und ihre eigene Kommunikation zu reflektieren. Insofern sind die oben genannten Kommunikationsstrategien eher unbewusster Natur, sind aber häufig tief verinnerlicht worden, so dass es schwer fällt, die eigenen Argumentationsmuster zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern.

Kennt ihr weitere zwischenmenschliche Diskursstrategien und Argumentationsmuster?

10 Gedanken zu “(Anti-)Diskurs-Strategien

  1. In Diskussionen fällt mir öfter auf, wie eine grobe Verallgemeinerung dadurch gerettet werden soll, indem sie leicht eingeschränkt wird, um glaubhafter zu wirken. Beispiel:
    X: »Die Arbeitslosen sind doch alle zu faul zum arbeiten!«
    Y: »Wirklich Alle?«
    X: »Naja, nicht alle, aber die Meisten«

  2. ja das mit dem kommunizieren ist nicht leicht. manchmal hilft das nonverbale, einfach nur töne machen ho, ha la oder harr harr ;-) der gesprächspartner könne antworten: hey hey, ho ho, oder knirtz knirtz. das wäre dann vielleicht fast schon sowas wie musik ;-)

  3. ps. bin heute mit meinem kleinen ein stück des weges mit der stuttgarter montagsdemo glaufen u. musste ihm erklären was den nun »oben bleiben« soll und wieso die immer »lügenpack« rufen.

    ein polizist der uns aufmerksam zuhörte bekam einen spontanen lachanfall es war herrlich. der himmel färbte sich rosa und es war ein sehr schöner abend

  4. diskussionen mit solchen leuten bringen auch nix, da hinterlass ich vllt einen markigen schlusssatz und troll mich :D

    ich diskutiere auch nur noch mit leuten die ZWEIFELN wie ich und nach ANTWORTEN suchen; freigeister, querdenker, »spinner«, vtler...

    momentan ganz schlimm: sarrazyniker, proisraeliten*. da sach ich nur noch: ICH LESE NUR NOCH BÜCHER VON LEUTEN MIT HIRN und/oder LEUTE DIE WAS ERLEBT HABEN *sarrazinkick* oder zum thema israel dann »land der juden? pfff welche juden meint ihr? diejenigen, die in zelten auf der straße campieren müssen oder die holocaustüberlebenden welche auf sozialhilfeniveau angewiesen sind oder diejenigen, die gerade von einer geisteskranken elite in einen weltkrieg geführt werden??« hah!
    solche leute haben dann meist keine argumente und gehen nicht meine ein, warum soll ich da eine sehenscheidenentzündung riskieren, nur um den ewig gleichen scheiß wiederzukauen? eben.

    *gerne auch in personalunion als »political incorrect« der schlimmste naziabschaum des internets *würg*

  5. Naja, — das kann man jetzt herrlich mixen.

    Ein kleines Beispiel;
    Du nimmst mich gar nicht ernst
    Es gibt nun mal Leute aus der Sparte der Ich-Bezogenen die einen tatsächlich nicht ernst nehmen und deshalb auch nicht zuhören wollen.
    Oder auch
    Relationen finden sich selten.... Sicher? Den Satz, — ..alles ist relativ wenn der Gesprächspartner merkt, dass er das Gesicht verliert, — ist quasi schon Standard. Ich nenne das — »Fluchtweg«.

    Mich stört ein klein wenig die Fixierung auf »Sachlichkeit«. Wenn ich einen Satz nicht mehr hören kann, dann ist es; »Das must du sachlich sehen«. Ich glaube ich muss nicht wirklich die ganze Litanei erzählen, wo dieser Satz letztendlich hin führt? Das, — hatten wir schon einmal.
    Was ich meine ist, dass in Sachen Diskurs-Strategien, aufgrund des Traumes vom perfekten Diskurs, — mir zu viele die Vielfalt übersehen. Und auch den Sinn darin. Eine perfekt diskutierende Gesellschaft, ‑ist letztendlich eine homogensierte Masse von Einheitsdenkern und Einheitshandlern. Letztendlich, auch nur ein weiterer systemischer Traum des perfekten Einheitsdenkens. Ich persönlich; »glaube«, dass die Geschichte mit der Ich-Ebene ein Irrtum ist. Wie soll ein »Ich« sich seiner selbst bewusst sein, welches sein »Ich« aus dem Äußeren bezieht? Ein Harley-Davidson Fahrer ist kein Harley-Davidson Fahrer, weil der Peter Fonda heißt, sondern Peter Fonda im Fernsehen gesehen hat. Das ist die heutige »Ich-Ebene«. Die Geschichte mit dem falschen Leben im richtigen, steht unverändert im Raum. Und solange die nicht gelöst ist, — ist der Traum von der gemeinschaftlichen Perfektion ein System, — und damit immer inhuman.
    Natürlich falle ich jetzt automatisch in die Sparte;
    ....sehen in fast jeder sachlichen Debatte nur eine Tarnung, um indirekte Vorwürfe zu transportieren.
    Dem ist nicht so, — ich verstehe die ehrliche Absicht hier durchaus und begrüße sie, — aber deshalb mag ich auch keine sachlichen Debatten, welche Menschen als Sachen implementieren. Denn darauf läuft es immer hinaus. Und es bedeutet immer, — dass man Menschen »sachlich« definiert und möglichst homogensiert, damit eine Basis für die perfekte Diskussionskunst zugunsten einer »Sache« entsteht. Das Problem ist, dass es weitaus komplizierter ist. Ein Großteil der sogenannten »sachlichen« Debatten wird nämlich tatsächlich benutzt, um Subjektivität als Objektivität zu verkaufen. Meine eigene Lösung ist die humane. In welcher diese Vielfalt, — durchaus Sinn macht. Sie stellt nämlich alles in Frage. Das ist ihr Sinn und darum bewegt sich das. Und darum ist der Sinn größer, — zu bewegen, — als zu homogenisieren. Bitte nicht böse sein, — ich versteh das durchaus richtig, aber »meiner subjektiven Ansicht« nach, zäumen wir das Pferd von hinten auf.

  6. @EB

    Ich stimme Dir ja zu, dass eine »rein sachliche« Diskussionen, die totale Rationalisierung, häufig eine sehr kalte Diskussion ist. Emotionen und Befindlichkeiten sollen ja nicht unterdrückt werden, meist erlebe ich es jedoch, dass es eigentlich fast nur um Emotionen geht. Und das ist auf Dauer einfach anstrengend, wenn Argumente, Thesen und Ideen immer auf sich selbst bezogen werden.

    Die Fähigkeit zu abstrahieren und über den eigenen Tellerrand zu schauen OHNE ständig zu überprüfen, ob das Gesagte in irgendeiner Weise etwas mit mir zu tun hat (versteckter Vorwurf, Subtext etc.), schaffen leider nur Wenige. Denn wenn ich z.B. über Medien, Politik oder Gesellschaft sprechen möchte, dann will ich auch über genau das sprechen und über nichts anderes.

    Eine vermeintlich perfekte Diskussionskultur wird und soll es auch nie geben. Meine Intention war eher die Sichtbarmachung der alltäglichen Kommunikation. Etwas Transparenz reinbringen, wenn Du so willst.

  7. Ich weiß @epikur. Zumindest was du darunter verstehst. Und nochmals, — mein Kommentar ist keinesfalls Kritik, — sondern eigentlich ein Ausdruck meiner eigenen Irritation bezüglich dieses Themas. Hier versinkt plötzlich alles im Nebel. Mit dem Wort »Sachlichkeit« ist das gleiche passiert, wie mit dem »Gutmenschen«. Jeder braucht es an jeder Stelle, in seinem Sinne. Dein Sinn diesbezüglich entspricht auch meinem, und damit eigentlich dem, wofür der Begriff auch ursprünglich mal gedacht war. Ich empfinde die Gesprächskultur als extrem rekursiv, und wie du selber auch schreibst, — immer aus dem eigenen Horizont heraus. (Deshalb spiel ich selber ja so gerne damit, — einfach deshalb, damit das endlich mal auffällt. Du versuchst das mit Transparenz;-) Das besonders irritierende daran ist noch, dass es besonders die Systemtechnokraten, und damit eigentlich die besonders sachlichen, dabei am buntesten treiben, wenn es darum geht die Einheitlichkeit des eigenen Modells hervorzuheben, obwohl das gerade seine größten »sachlichen« und logischen Schwierigkeiten betreffs Vielfalt und Humanität besitzt. Das betrifft durchaus auch die Linken. Aber ich lass dass lieber mal hier. Eigentlich war mein Kommentar auch vollkommen fehl und destruktiv hier am Platz. Aber es beschäftigt mich gerade genauso intensiv wie dich.

  8. @EB
    »Das Problem ist, dass es weitaus komplizierter ist. Ein Großteil der sogenannten »sachlichen« Debatten wird nämlich tatsächlich benutzt, um Subjektivität als Objektivität zu verkaufen.«

    Der Einwand ist zwar richtig. Menschen lügen eben mitunter und manche können das sehr gut. (Als offensichtlich Linker weißt Du das ja wohl selber am Allerbesten. *hähä*) Das heißt aber nicht, daß unter diesem Vorwand ein Freibrief für schmutzige Tricks erteilt werden kann. Es genügt eben nicht, die Verlogenheit zu »erfühlen«, sondern man braucht nunmal die besseren Argumente, um eine Diskussion zu gewinnen.

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