Neusprech: Rettungsschirm

»Die Mehrheit ist deutlich: 503 Bundestagsabgeordnete haben für die Stärkung des Euro‐Rettungsschirms votiert«

- SpiegelOnline vom 26. Oktober 2011

Der Begriff »Rettungsschirm« besteht aus zwei Wörtern: Rettung und Schirm. Einen Schirm trägt man meist über seinen Kopf und er soll den Betreffenden vor einer Naturgewalt schützen: vor Wind, Regen oder Sonne. Nicht zu verwechseln mit Bild‐ oder Lampenschirm. Das Wort »Rettung« impliziert, dass jemand oder etwas vor einer Gefahr gerettet werden müsse und der vermeintliche Retter eine menschenfreundliche Tat vollbringt. Insofern ist der Terminus »Rettungsschirm« doppelt positiv aufgeladen.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, die auch selten so genannt, sondern in Einzelkrisen (Finanz‐, Banken‐, Wirtschafts‐ und Eurokrise) aufgesplittet wird, ist der Begriff »Rettungsschirm« fast täglich in den Medien zu hören und zu lesen:

Die Bundesregierung erwägt nach einem »Spiegel«-Bericht eine Erweiterung des Rettungsschirms für die Banken.

- welt.de vom 6. Dezember 2008

In der NDR 1 Welle Nord Sendung »Zur Sache« forderte Hans‐Dieter Petersen, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes Nord, einen Rettungsschirm für betroffene Soldaten und Zivilbeschäftigte.

- ndr.de vom 24. Oktober 2011

Die Schlagkraft des Euro‐Rettungsschirms EFSF wollen die Regierungen auf rund eine Billionen Euro erhöhen.

-taz.de vom 27. Oktober 2011

Bei der Verwendung des Wortes werden Verantwortlichkeiten, Interessen und Verursacher verschleiert und verborgen. Die Wirtschaftskrise ist keine Naturgewalt, wie Wind, Regen oder Sonne, die einfach so über uns hereinbricht. Sondern in der Weltwirtschaftskrise sind diejenigen, die gerettet werden sollen (vornehmlich die Banken), auch diejenigen, welche die Krise erst verursacht haben. Die Politik schützt also die Verursacher der Krise (Banken, Spekulanten) und bestraft die Opfer der Krise (Volk).

Insofern ist der »Rettungsschirm« auch ein Euphemismus, denn die zu Rettenden sind weder Opfer einer fremden Macht, noch sind die Retter altruistisch und selbstlos, denn sie sind abhängig von der Finanzindustrie. Indem die Politik die Krisenverursacher mit Milliarden Euro unterstützt und gleichzeitig das Volk die Milliarden durch Einsparungen, Steuererhöhungen, Inflation, Sozialabbau usw. abzahlen lässt, zeigt die Begrifflichkeit seine ganze Absurdität. Die Medien sollten fortan »Täterschirm« statt »Rettungsschirm« schreiben.

4 Gedanken zu “Neusprech: Rettungsschirm

  1. Was für eine üble Sprachschinderei!

    Es wimmelt im Euro‐Desaster nur so von schiefen Metaphern und Bildbrüchen. Jeder Rhetorikkurs hätte da seine helle Freude dran. (Stichwort Katachrese)

    Da wird munter die »Schlagkraft« von »Rettungsschirmen« (!) erhöht, da werden »Brandmauern« oder »Schutzgräben« gezogen »Netze gespannt« und »Pakete geschnürt«. Andere schwafeln von »Massenvernichtungswaffen«, »Atombomben« oder verlangen nach einer »Bazooka«. (Die gute alte Panzerfaust als klassische Waffe des letzten Aufgebots.)

    An ihren Worten sollt ihr sie erkennen.

  2. @Frank
    Das ist so. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass John Wayne jetzt zum Ökonomen geworden ist. Eigentlich könnte man sich kringeln vor Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

  3. Dieser Begriff ist meiner Meinung nach schon okay, wenn man denn erklärt wenn man retten will und aus welchen Motiven. Ich kann ja schließlich auch sagen ich möchte einen blutrünstigen Mörder vor der Haft retten. Wobei dann nichts positives im Wort »Rettung« liegt, gleiches gilt bei der Schutzfunktion des »Schirms«. Es ist daher eigentlich eher ein neutraler Begriff, denn man natürlich moralisch auslegen kann. Daher wie schon gesagt kommt es dabei dann auf die Motivation drauf an, mit der man denn retten möchte.
    Natürlich wirdt versucht diese Begriff mit einer solchen, wie von dir beschriebenen, Bedeutung zu belegen.
    Deshalb sollte man sich auf die Deligitimierung der Motivation die mit diesem Rettungsschirm bezweckt wird konzentrieren um dann sagen zu können, dass es sich um einen Rettungsschirm für Täter handelt, stat zu meinen das Wort Rettungsschirm passe nicht, Täterschirm sei passender. Dieser Begriff ist nämlich nicht passender, schließlich beinhaltet er die Aussage, das diese Täter gerettet werden sollen nicht mehr.

  4. »An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen«, sprach Karl Kraus. Victor Klemperer wusste das auch (LTI). Heiner Geißler (»Begriffe besetzen«) ebenfalls. Und weil man nicht genug hinter diese sprachlichen Flitterfassaden schauen kann, finde ich diese Neusprech‐Kategorie auch so wichtig. Übrigens: Letztens fiel mir in diesem Zusammenhang die gern genutzte Vokabel ›Minijob‹ als heißer Kandidat auf.

    P.S.: Danke für’s Verlinken!

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