Moderne Zeiten

Eintönigkeit und monotone Arbeitsabläufe erkranken den Körper und die Seele. Lohnarbeitet entfremdet den Menschen von sich selbst. Die Individualität wird zur Sklavenmoral. »Modern Times« ist ein Film von und mit Charlie Chaplin aus dem Jahre 1933. Was hat sich seit über 70 Jahren verändert?

 

 

 

6 Gedanken zu “Moderne Zeiten

  1. Der damalige Stand der Industrialisierung (1930er‐Jahre) ist im »Westen« bis heute schrittweise (industrie‐intern) etwas modifiziert worden (durch u.a. Maschinisierung vieler monotoner Arbeiten, Arbeitsschutz, geringere Arbeitszeiten). Die Dienstleistisierung der letzten Jahre hat die Arten von konventioneller Arbeit zumindest wieder vielseitiger werden lassen. Die Quantität der extrem einseitigen, monotonen Jobs ist glücklicherweise geringer geworden. Trotzdem bleibt für eine entspanntere, und den Menschen vielseitigere Arbeitsmöglichkeiten gebende, Arbeitswelt (die Verbesserung der Qualität unserer Arbeit) noch viel Potenzial.

  2. Dafür herrscht aber ein ungeheurer Anpassungs‐ und Leistungsdruck, unter dem immer mehr Leute langsam aber sicher zerbrechen. Die Verringerung der Arbeitsmonotonie geht zudem einher mit einer Arbeitsverdichtung, bei der immer weniger Leute immer mehr machen müssen. Anstatt die Arbeit angesichts von Arbeitslosigkeit anders aufzuteilen, suchen Firmen nach dem absoluten Traumkandidaten/‐in, der/die überdies nichts kosten soll und wälzen die Mehrarbeit in Form von Überstunden auf die bestehende Belegschaft ab.

  3. Eine Vermutung meinerseits: Die demographische Umbruchphase (in der es, mindestens eine Zeit lang, deutlich mehr Ältere im Verhältnis zu jüngeren Gesellschaftsmitgliedern gibt) wird ein wenig verändern. Unternehmungen werden junge Menschen zur Ausbildung benötigen, und dafür bestimmte heutige formale Standards senken (müssen, bzw. nonintentional tun). Auch ältere Menschen als quantitativ haupttragender Teil der Gesellschaft werden qualitativ gefragter werden. Umschulungen und neue Arbeitsmodelle werden Arbeitsmöglichkeiten verändern.

    Vielleicht könnte es auch ein anderes Verständnis von Arbeit geben, so dass die für die noch heutige Zeit charakteristische (»postfeudale«, etc.) Lohnarbeit nicht mehr die einzige Vorstellung von ›Arbeit‹ sein wird. Darüber, wie die Zukunft der Arbeit in einer »älteren Gesellschaft« allgemein aussehen wird, kann ich aus meiner Perspektive derzeit allerdings auch nur spekulieren.

  4. Der demographische Wandel wie er in Presse und Forschung vielfach beschworen wird, ist letztlich nichts weiter als Kaffeesatzleserei. Eine Vorhersage, die von bestimmten Annahmen ausgeht (Kontinuitätsthese, es bleibt alles wie bisher). Genau so hat es auch die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Bundesamtes im Jahre 2006 gesagt. Politik, Wirtschaft und Presse ignorieren das gewissentlich und instrumentalisieren eine »Vorhersage« und tun so, als wäre sie eine unausweichliche Tatsache.

    Eine neue technologische Errungenschaft (damals die Pille), ein Krieg, eine Krankheit oder Seuche usw. — lassen die Vorhersage schnell wieder in der Mottenkiste verschwinden. Wir tun alle gut daran, den Quatsch von der »älterwerdenden Gesellschaft« wie sie Politik, Presse und Wirtschaft jeden Tag dem Volk einimpfen nicht unkritisch hinzunehmen. Denn mit dem Dogma des »demographischen Wandels« lässt sich in vielerlei Hinsicht vortrefflich Politik machen.

  5. Solche eindeutigen, mit »Klare Sache« operierenden Instrumentalisierungen sehe ich auch eher distanziert, wie z.B.: »Wir ›brauchen‹ das und das, weil die Demographie exakt so sein wird und das genau diese (unsere) Gegenmaßnahmen erforderlich macht.«
    Die gesellschaftliche Entwicklung ist nicht 1:1 (bzw. vermutlich nicht mal überhaupt wirklich bzw. strukturell) aus einer subjektiven Perspektive (egal aus welcher) zu manipulieren, bzw. auf ein Ergebnis zu politisieren.

    Meine Einschätzung dazu, gekürzt dargestellt, ist diese: Die Demographie ist einer der Faktoren der Sozialsituation, bzw. ist Teil der Grundlagen unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Ich teile allerdings nicht die direkten Ableitungen, wie: »Wir brauchen unbedingt viel mehr Kinder« oder »Alle Menschen müssen in den Arbeitsmarkt integriert werden, um Kinder in Krippen ›optimal‹ fördern zu können«, etc.

    Eine der Fragen, die die kommende Zeit beantworten wird, ist: Wird der in Deutschland lange etablierte und in seiner Zeit funktionale (oder normativ durchaus auch oftmals: konstruktive) »konservative« bismarckianische Sozialstaat auch in den neuen Zeitumständen strukturell vorhanden bleiben? Oder wird es eine neue Art der Sozialpolitik (z.B. eine »fördernde und fordernde« Sozialpolitik (post-)sozialdemokratischer Prägung) geben?
    Das wird die Zeit zeigen. Ich halte viel vom dekommodifizierten Sozialstaat alter Prägung. Aber ob er auch den neuen Strukturen (Entfamiliarisierung, Flexibilisierung der Berufsbiografien und der Sozialstrukturen etc.) entspricht, ist noch offen, aber fraglich.

  6. Oder wird es eine neue Art der Sozialpolitik (z.B. eine »fördernde und fordernde« Sozialpolitik (post-)sozialdemokratischer Prägung) geben?

    Diese Frage kann nur rhetorischer Natur sein. Wir haben bereits seit der Agenda 2010, seit Schröder, seit Hartz4 genau diese Sozialpolitik des »Förderns und Forderns«. Dieses Prinzip ist im SGB 2 fest verankert.

    Mittlerweile sollte jedem klar sein, dass die Agenda 2010, die Forderung nach mehr Eigenverantwortung, »Fördern und Fordern« und der »moderne Sozialstaat« (Euphemismus für: »Abbau des Sozialsstaates«) nicht die Reaktion der Politik auf die vermeintlichen Probleme der »Globalisierung« und des »demographischen Wandels« waren und sind, sondern gezielte Arbeitgeber‐Lobby‐Interessenspolitik. Der Ausbau des Niedrig‐Lohnsektors, die Lockerung des Kündigungsschutzes, der psychische Druck auf Arbeitnehmer usw. sind die eigentlichen Ziele.

    Um die Menschen, um den Großteil der Bevölkerung, geht es dabei schon lange nicht mehr. Profite vor Menschen lautet das Credo.

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