Die zickige DAISY

Ein gutes Beispiel wie Öffentlichkeitsarbeit bei Unternehmen funktioniert, bieten die Berliner Nahverkehrsbetriebe (BVG). Serviceabbau, Personalabbau, Fahrpreiserhöhungen, Zugverspätungen und zunehmende Unfreundlichkeit der Mitarbeiter werden als »Serviceoffensive« verkauft. Wie viele andere Unternehmen auch, ist die BVG sehr geschickt in ihrer Propaganda. Kamera‐Überwachung auf Bahnhöfen z.B. soll den Fahrgästen dienen. Im folgenden ein Beispiel am Datenauskunftsinformationssystem (kurz: DAISY) der BVG.

Seit dem 20.08.2003 informiert bei der BVG eine digitale Anzeige, das sog. Datenauskunftsinformationssystem (kurz: DAISY), die Fahrgäste darüber, wann der nächste Zug für sie bereitsteht. Insgesamt gibt es heute 764 Zugzielanzeiger auf Berliner U – Bahnhöfen sowie bei Straßenbahn‐ und Berliner Buslinien. Nach eigenen Worten der BVG werden die Fahrgäste mit Hilfe von DAISY nun frühzeitig, umfassend und zuverlässig informiert und das nicht nur im Regelbetrieb, sondern auch speziell bei Betriebsunregelmäßigkeiten, Bauarbeiten und Großveranstaltungen. Dabei ist die liebe DAISY eine sehr launische Wölfin im Schafspelz, denn sie dient in erster Linie nicht den Fahrgästen, sondern der BVG‐ Geschäftsführung.

Da blinkt, z.B., die Anzeige und signalisiert damit allen auf dem Bahnhof wartenden Fahrgästen, dass der Zug ja gleich kommen wird. Doch er kommt nicht und die Anzeige blinkt fröhlich weiter vor sich hin. Minutenlang und das ist kein Einzelfall, sondern geschieht ziemlich häufig. Nun ist die Natur eines Bahnhofes ja, dass die Menschen auf selbigem äußerst mobil sind, will heißen, dass ständig Menschen einen Bahnhof betreten und verlassen. Derjenige Fahrgast, der nun gerade den Bahnhof betritt, bekommt nun das Gefühl, dass der Zug ja gleich kommen wird und bemerkt nicht, dass der Zug evtl. einer Verspätung unterliegt, denn selbige wird einfach nicht angezeigt. Nur derjenige Fahrgast, der das fröhliche Blink – Gewitter von Anfang an mitbekommen hat, fühlt sich leicht betrogen und denkt evtl. darüber nach, dass der Zug ja Verspätung haben könnte. Hier wird eine evtl. Zugverspätung einfach durch DAISY vertuscht.

Des weiteren hat DAISYlein eine eigene Zeitrechnung. Dass eine Minute 60 Sekunden entsprechen, heißt nicht, dass die gute DAISY das auch so sieht. Ganz im Gegenteil, eine Minute nach DAISY – Zeitrechnung kann durchaus 3 oder 4 Minuten normaler Zeitrechnung entsprechen. Auch hier wird der Fahrgast betrogen, da er vermutlich glaubt, sein subjektives Zeitgefühl macht ihm nur einen Strich durch die Rechnung. Vermutlich irrt er sich nur, dass die Anzeige schon vier minuten lang »in 1 Minute« anzeigt oder dass die Anzeige schon nach 20 Sekunden zur nächsten Minute springt.

Mit der Einführung von DAISY sind chronische Zugverspätungen natürlich auch vorbei. Nicht, dass es keine mehr gibt, nur werden sie umso seltener bis gar nicht mehr angezeigt. DAISY weiß nämlich, wem sie wirklich zu dienen hat. Wenn also in der Hauptverkehrszeit, in welcher i.d.R. laut Fahrplan (ja, so was existiert auch noch!) alle Züge im Abstand von 3–4 Minuten kommen sollen, DAISY auf einmal »in 8 Minuten« anzeigt, dann stimmt etwas nicht. Diese Art von Vertuschung von Zugverspätungen gehört hierbei zu den häufigsten, denn kaum ein Fahrgast macht sich noch die Mühe den Fahrplan zu lesen, wenn man visuell von DAISY verwöhnt wird.

Wir leben in einer visuell orientierten Gesellschaft, indem der Visualisierung beizeiten mehr Vertrauen entgegen gebracht wird, als dem eigenen Verstand. Die BVG weiß dies durchaus für sich auszunutzen. Dass eigentlich jede technische Neuerung eines Unternehmens in erster Linie der Profitmaximierung dient (in Form von erhöhter Produktivität oder geringeren Personalkosten) ist nichts neues. Trotzdem versuchen Unternehmen immer wieder, dies als großen Service oder Gewinn für die Kunden  zu verkaufen. DAISY ist ein Beispiel dafür, wie dem Fahrgast, durch die bloße Visualisierung und der Zeitersparnis den Fahrplan lesen zu müssen, mehr Service verkauft werden soll. Letztendlich ist auch DAISY nur ein Instrument der BVG, um Zugverspätungen zu vertuschen und durch eine Art »flexiblen Fahrplan«, sprich »DAISY‐ Minuten«, den Fahrplan jeder Zeit ändern und anpassen zu können.

Die meisten Fahrgäste werden DAISY sicher ganz toll finden. Einen Fahrplan zu lesen ist vielen dann doch zu anstrengend. Für die visuelle DAISY‐Verwöhnung lässt man sich als Nebenwirkung auch gerne betrügen. Es lebe die Zukunft!

4 Gedanken zu “Die zickige DAISY

  1. Die Leipziger Straßenbahn hat DAISI auch kürzlich eingeführt. Es ist so etwas von nervig. Früher sah man die Abfahrtszeiten, heute: Brille raus, Fahrplan geschaut, Brille wieder abgesetzt.

  2. Hihi, also Bahn und Bus Abfahrtzeiten sind letzten Endes doch egal, solange man nicht ausserhalb wohnt oder Busse und Bahnen nur halbstündig oder gar stündlich fahren.

    Auf Auskünfte hofft man besser nicht, man nimmt die Dinge wie sie sind und freut sich während der Wartezeit möglichst über irgendetwas. Z.B. die Ruhepause, die man bekommt zum Nachsinnen oder halt ein paar Tauben beobachten und vielleicht füttern, wenn noch etwas Krümelbrot in der Tasche liegt. Manchereiner kauft sich einen Kaffee, ein Brötchen und hält eine Zwischenmahlzeit, die Rauchergesellschaft könnte diese Pause sehr genießen.

    Immer wieder wird zu Recht gesagt diese Gesellschaft drehe sich zu schnell. Entschleunigung jedoch findet nicht alleine ausserhalb der eigenen Hemisphäre statt, sondern auch beim Individuum selbst durch die richtige Haltung.

    Ausserdem halte ich es für ein gutes Training, durch den plakativen Informationsmangel vor allem beim S‐Bahn Verkehr keinen Ärger aufkeimen zu lassen. So kann man gleich seine Geduld für andere Zeitpunkte trainieren.

    Der andere angesprochene Aspekt nämlich die willkürliche lügenhafte Darstellung durch sogenanntes PR kann man natürlich moralisch sehr verurteilen. Da wird einfach verschleiert und teilweise offen gelogen, während die tatsächlichen Zustände unter den Teppich gehkehrt werden.

    Das findet sich eben in dieser Zunft überall. Aller Standpunkt sei nur der Perspektive entsprechend richtig. Damit wird jeder Mist legitimiert, die Falschdarstellung zur Ware, Lügen professionalisiert eben Propaganda betrieben und verkauft. Selbst wenn man damit dann einen Krieg möglich macht, um die extremsten Fälle ans Tageslicht zu holen.

    Also im Grunde nichts neues unter der Sonne ;)

  3. Man sollte es wie in Norwegen machen, kommt der Bus nicht oder fährt zu früh ab, dann können sich dort die Fahrgäste ein Taxi nehmen, und zwar auf Kosten des Verkehrsunternehmens!

  4. Im Ruhrgebiet gibt es auch Daisy — leider mit derselben Sinnlosigkeit wie in Berlin.
    Besonders lustig dann so Geschichten, das Daisy verkündet, dass die -letzte‐ Bahn in zwei Minuten kommt, wenn sie schon lange weg ist. Weil Fahrpläne nachts der Gestaltung der Fahrer unterliegen (zu scheinen). Wenn der seine letzte Fahrt hat und die Bahn kommt ins Depot, sind schon mal 5Minuten Verfrühung drin. Da ist es aber beruhigend, wenn Daisy einem sagt, die Bahn kommt gleich. Und diese Lüge solange aufrecht erhält bis irgendwann ein Nachtexpress fährt, der sich die Abfahrtszeiten aus einer Fehlinterpretation des Maya‐Kalenders zieht.

    Letztlich alles nur Maßnahmen zur Bürgerberuhigung — genauso wie diese saublöden Ampelknöpfe, die exakt nix bewirken, wenn man sie drückt, aber man hat das Gefühl, was bewirkt zu haben, zumal sie sogar laut »ding‐ding‐ding« machen, wenn man sie drückt, um zu suggerieren, das sich wohl gleich was tut. Die einzigen Ausnahmen hiervon sind Ampeln an Schulen und Krankenhäusern. Da halten die Knöpfe, was sie versprechen. Gemein nur, dass an der Ampel am Krankenhaus in meiner Stadt die Grünphase nie reicht, damit jemand jenseits der 70 über die Straße kommt.

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